Von Gott und der Welt

Wir haben die Wahl

Noch eine Woche, dann wird in Wien gewählt.

03.10.2015
Symbolbild für Wahlen - Kreis mit Kreuz

Glaubt man den Auguren, steht ein Wahlsieger schon fest: die Partei der Nichtwähler, der Politikerverdrossenen und Wahlmüden. War der Wahlsonntag nach der Wiedererlangung der demokratischen Freiheiten noch ein Ehren- und Festtag, an dem man im besten Anzug und Kostüm zur Wahlurne schritt, bleiben heute viele zu Hause.

Politikverdrossenheit und wenig Begeisterung, sich am politischen Geschäft zu beteiligen, scheint es schon zu Zeiten des Alten Testaments vor 3000 Jahren gegeben zu haben, sonst hätte Jotam nicht den Israeliten die Fabel von der Königswahl der Bäume erzählen müssen.

Die geht so: Die Bäume wollten einen König wählen. Sie fragten den Ölbaum, ob er ihr König sein wollte. Der lehnte ab, er wollte lieber weiter Öl produzieren, statt „über den Bäumen zu schweben“. Der Feigenbaum wollte lieber süße Früchte tragen und der Weinstock lieber die Menschen fröhlich machen, als sich in die Niederungen der Politik zu begeben. Einzig der Dornbusch war gleich mit Feuereifer dabei. „Duckt Euch in meinen Schatten, wenn nicht, so wird Feuer von mir ausgehen und euch vernichten.“

Wir Wähler haben es ja besser als die Bäume in der Fabel. Wir müssen nichts aufgeben für die Politik, uns nicht einmal der Wahl stellen. Wir müssen uns nur zur Wahlurne bewegen und ein Kreuzerl machen. Jotam hat in einem Recht. Wer sich nicht an der Politik beteiligt, dem bleibt nachher nur das Jammern über das Ergebnis.

„Von Gott und der Welt", die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung.