Assistierende Technologien unter der Lupe

Wie ist das noch einmal genau mit den Hilfsmitteln?

In Österreich sind etwa 63.000 Menschen in ihrer Kommunikation beeinträchtigt. Sie haben ein Recht auf gleichberechtigten Zugang zu Information und Kommunikation.

02.05.2018
Paragraphen stehen oft nur auf dem Papier

In Artikel 9 der UN-Behindertenrechtskonvention heißt es:

Um Menschen mit Behinderungen eine unabhängige Lebensführung und die volle Teilhabe in allen Lebensbereichen zu ermöglichen, treffen die Vertragsstaaten geeignete Maßnahmen mit dem Ziel, für Menschen mit Behinderungen den gleichberechtigten Zugang zur physischen Umwelt, zu Transportmitteln, Information und Kommunikation, einschließlich Informations- und Kommunikationstechnologien und -systemen, sowie zu anderen Einrichtungen und Diensten, die der Öffentlichkeit in städtischen und ländlichen Gebieten offenstehen oder für sie bereitgestellt werden, zu gewährleisten.

Soweit in Zahlen, in der Theorie und am Papier. Die Realität und der Alltag sehen leider oftmals anders aus. Denn beginnt man, sich mit dem Thema Kommunikation und Beeinträchtigung - und vor allem mit dem Weg zur nötigen Unterstützung zu beschäftigen, wird eines schnell klar: einfach ist das für betroffene Menschen sicherlich nicht. Dieser Beitrag beleuchtet ein paar Ecken im großen Labyrinth der Kommunikationsbeeinträchtigungen.

Was sind überhaupt „Hilfsmittel“?

Hilfsmittel, technische Hilfen, assistierende Technologien etc. sind Produkte, Geräte, Ausrüstungen oder technische Systeme, die eingesetzt werden, um Behinderungen beim Kommunizieren zu kompensieren.

Sie können die Behinderung zwar nicht „heilen“, aber eine große Hilfe im Alltag darstellen.

Wie kommen Betroffene zum benötigten Hilfsmittel?

Hilfsmittel, die im Hilfsmittelkatalog des Hauptverbandes vermerkt sind, werden von den Sozialversicherungsträgern für die PatientIn zur Gänze oder teilweise finanziert. Werden Hilfsmittel nicht von der Sozialversicherung finanziert, kann eine Kostenübernahme über die Behindertenhilfe der Länder beantragt werden.

Die tatsächlichen Wege, zu einer Finanzierung zu kommen, sind jedoch meist sehr kompliziert, aufgesplittet und bürokratisch – denn ein Rechtsanspruch auf Finanzierung fehlt. Die Betroffenen müssen sich zudem an einem Hilfsmittelkatalog orientieren, der aus dem Jahre 1994 stammt. Und was bei genauem Hinsehen verwunderlich ist: Der Hilfsmittelkatalog aus dem Jahr 1994 kennt keine modernen Hilfsmittel.

Wieso braucht es EINE Anlaufstelle für Betroffene?

Eine einheitliche Anlaufstelle für Betroffene hätte den Vorteil, Beratung, Bereitstellung von Hilfsmitteln und Service zu bündeln. Weiters wäre es stark im Sinne der Betroffenen, wenn diese Stelle mit Behörden kommuniziert und sich um die Finanzierung kümmert. Kurz: Eine solche einheitliche Anlaufstelle könnte Betroffene von der teilweise unzumutbaren Bürokratie entlasten.

Derzeit sind sehr viele unterschiedliche Stellen zuständig: der Bund, Hauptverband, PVA, Krankenversicherung, Unfallversicherung und Länder. Zudem gibt es drei unterschiedliche Arten der Rehabilitation, die wiederum anders finanziert werden. (Mehr dazu hier)

Ein weiterer Vorteil einer zentralen Anlaufstelle wäre, dass diese – als Stelle des gebündelten Wissens – eng mit Krankenversicherungsträgern, sowie Entwicklern von Produkten zusammenarbeiten könnte. – So wäre Service am Puls der Zeit im Sinne der Betroffenen möglich.

Lukas´ Geschichte zeigt, welche Möglichkeiten Technologien erschließen könnten

Lukas B. ist 24 Jahre alt und arbeitet im Landesklinikum Gmünd im Bereich der ambulanten Patientenadministration. Lukas ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Mit einer herkömmlichen Computermaus kann Lukas seinen Computer nicht bedienen, weil seine Feinmotorik nicht ausreicht.

Lukas B. ist für uns ein gutes Beispiel dafür, dass Technologie Möglichkeiten schafft, die sonst nicht da wären:

Lukas B. hat seit acht Jahren eine 20-Wochenstunden-Anstellung als NÖ Landesbediensteter. Diese Form der regulären Beschäftigung wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen. Wie das geht? Mit Hilfe assistierender Technologien – in seinem Fall einer sogenannten Augensteuerung – kann Lukas B. mit den Augen die einzelnen Buchstaben auf der Tastatur fixieren, und „schreibt“ damit mit seinen Augen so schnell, wie andere Menschen mit den Fingern auf der Tastatur.

Lesen Sie die ganze Geschichte von Lukas, der mithilfe seiner Augensteuerung seiner Arbeit nachgehen kann.

Wie ist es derzeit?

Die Diakonie fordert seit Jahren, dass die einheitliche Anlaufstelle für Betroffene in Angriff genommen wird. Laut Behindertenbericht 2016 laufen Gespräche zum Thema One-Stop-Shop im Bereich Hilfsmittel. Auch nach mehrfachen Anfragen über Monate (und auch Wahlkämpfe 2017 hinweg) gibt es dazu noch keine konkrete, aktuelle Stellungnahme.

Wie viele Betroffene gibt es?

Im Behindertenbericht 2016 wird die Anzahl der Betroffenen mit Problemen beim Sprechen und Kommunizieren mit 26.000 beziffert. Das ist eine gravierende Abweichung zum Vergleichsbericht aus dem Jahre 2008, wo die Zahl etwa um 2/3 höher lag (63.000). Diese Differenz ist auf einen Unterschied in der Erhebungsmethode zurückzuführen (2015: telefonisch, älter als 14 Jahre, nur Privathaushalte, ohne Fremdauskünfte) und somit konnten zahlreiche Betroffene gar nicht erst gefragt werden. Demnach ist eine Vergleichbarkeit der Erhebungen nicht gegeben (vgl. Behindertenbericht 2016, Seite 242, 246, 256, 257)

Bis jetzt kein Rechtsanspruch auf Assistierende Technologien - Hilfe trotzdem möglich

Es gibt keinen österreichweiten Rechtsanspruch auf Assistierende Technologien. Betroffene erhalten seit 2009 Unterstützung beim VERBUND-Empowerment Fund der Diakonie bis die Lücke in der Finanzierung geschlossen werden kann.