Dementia Care Mapping

Wie geht es Ihnen?

Das Beobachtungsverfahren Dementia Care Mapping hilft dabei, Bedürfnisse von Menschen mit Demenz besser wahrnehmen zu können.

10.09.2017
Demenz - eine Infografik (Foto: Fotolia/Fresh Idea)

Das Diakoniewerk betreibt in vier Bundesländern neun Häuser für Senioren. Die Mitarbeitenden begleiten, betreuen und pflegen dabei einen größer werdenden Anteil von Menschen mit Demenz. Menschen mit Demenz übersiedeln großteils in eines der Häuser für Senioren, weil sie bei der Bewältigung des Alltags zunehmend mehr Begleitung benötigen. Für die Mitarbeitenden bedeutet das, sich noch intensiver mit dem Wohlbefinden von Menschen mit Demenz auseinanderzusetzen.

Menschen mit Demenz äußern ihre Wünsche und Befindlichkeiten oftmals indirekt. Das kann zum Teil gut durch Äußerungen geschehen, viel häufiger können Menschen mit Demenz aber nicht verbal ausdrücken, was ihnen gut tut, was ihnen gefällt und was sie anders haben möchten oder was sie überhaupt haben möchten, kurz – wie es ihnen geht. Sie reagieren dann auf sehr unterschiedliche Art und Weise, mit Aggression, Umhergehen, Rufen und Schreien und Klopfen, aber auch durch Rückzug und zunehmende Apathie.

Eine junge Hand hält eine alte Hand (Foto: Diakoniewerk)
Das Ziel der Dementia Care Mapping Methode: Lernen durch den fremden Blick auf das Geschehen.

Wohlbefinden einschätzen

Ein Beobachtungsverfahren, das speziell für Menschen mit Demenz entwickelt wurde, bei denen Befragungen nicht oder nur eingeschränkt möglich sind, ist das Dementia Care Mapping (DCM). Diese Methode wurde in  Großbritannien auf Basis des personzentrierten Ansatzes nach Tom Kitwood entwickelt, ist  wissenschaftlich evaluiert und mittlerweile in vielen Einrichtungen im Einsatz. Mit Hilfe dieses strukturierten Beobachtungsverfahrens ist es möglich, die Perspektive einer Bewohnerin/eines Bewohners einzunehmen und dadurch Wohlbefinden von Menschen mit Demenz einzuschätzen, um daraus Rückschlüsse für die Begleitung zu ziehen. Das Diakoniewerk befasst sich derzeit intensiv im Haus für Senioren Wels mit dieser Methode, um in der Folge die Erfahrungen mit DCM als einen wichtigen Grundstein für die qualitative Weiterentwicklung in Bezug auf Demenz zu evaluieren.

Freiheit und Nähe –  ein Widerspruch?

Frau Margarete B., 93 Jahre, fortgeschrittene Demenz, sitzt noch am Esstisch und genießt die letzten Bissen ihres Frühstücks, gemeinsam mit zwei anderen Bewohnerinnen der Hausgemeinschaft. Das Geschirr wird abgeräumt, aus dem Radio kommen die aktuellen Nachrichten, zwei Mitarbeiterinnen bereiten sich beim Computer auf den Besuch des Hausarztes vor und im angrenzenden Wohnbereich zwitschert der Wellensittich ein fröhliches Morgenlied. Bei der Methode des DCM beobachtet eine geschulte Person solche Situationen, und vor allem beobachtet sie dabei das Wohlbefinden der BewohnerInnen und notiert detailliert Anzeichen. Wahrgenommen wird dabei beispielsweise, welche Aktionen im Alltagsgeschehen welche Reaktionen bei den BewohnerInnen hervorrufen. Nach dieser strukturierten Beobachtung folgen eine genauer Bericht und Rückmeldung an das Team und die Leitung. Das Ziel: Lernen durch den fremden Blick auf das Geschehen.

Lernen durch den fremden Blick auf das Geschehen.

Oft sind es Kleinigkeiten, die Menschen mit Demenz beunruhigen, verunsichern, ängstigen. Die Reaktionen darauf sind sehr unterschiedlich. Sowohl aggressives oder zu apathisches Verhalten müssen genau beobachtet werden und sind Hinweise auf mögliches mangelndes Wohlbefinden. Zudem reagieren Menschen mit Demenz auf unmittelbaren, direkten Zuspruch, Ansprache aus weiterer Entfernung kann nicht mehr richtig eingeordnet werden. Menschen mit Demenz benötigen Freiraum und Freiheit, zugleich gibt die unmittelbare Nähe Sicherheit und Orientierung. Diesen scheinbaren Widerspruch gilt es in der täglichen Arbeit gut zu bewältigen, und die Methode des DCM ist ein wichtiges Instrument zum Reflektieren.

Alte Hände, die auf einer Klaviertaste liegen (Foto: © Sir Oliver/Fotolia)

Blick mit „fremden Augen“ erhöht die Achtsamkeit

Welche Frühstückssituation haben Sie zuhause am liebsten – lieber ruhig oder mit Musik und mit nregenden Gesprächen? Wir sind in der Regel in der Lage, uns diese Situationen herzustellen. Menschen mit Demenz können das ganz oft nicht mehr. Sie zeigen uns aber, dass Sie sich eine andere Situation wünschen – durch unterschiedliche Reaktionen. Meist sind die Reaktionen aber nicht mehr indirektem zeitlichen Zusammenhang mit einer bestimmten Situation. Daher ist es für die Weiterentwicklung der Qualität  wichtig, das Geschehen durch fremde Augen und neutral beobachten zu lassen. Dazu hilft DCM.

Es sind viele Kleinigkeiten, die sich im Alltag „einschleichen“ und die einfach verändert werden können.

  • Wie nähert man sich Personen – von hinten, seitlich, mit direkter Ansprache und bewusstem Augenkontakt?
  • Wie laut ist es in der Umgebung?
  • Welche Aktivitäten binden die Aufmerksamkeit der BewohnerInnen, bei welchen Situationen werden die BewohnerInnen unruhig, laut oder ziehen sich zurück?

All diese Fragen und Rückmeldungen sind eine wertvolle „Schule der Achtsamkeit“, um den Alltag noch bewusster zu gestalten und um damit die Lebensqualität von Menschen mit Demenz zu erhöhen. Als lernende Organisation, zu der sich das Diakoniewerk auch im Leitbild bekennt, ist es wichtig, neue Erkenntnisse in die Arbeit einzubinden und die eigene Arbeit regelmäßig zu reflektieren.