Waltraud Heinschinks Geschichte der Hoffnung

„Wer nicht neugierig ist, stirbt blöd“

Waltraud Heinschink: Manchmal halt ich mich an Blumen fest. So wie auf einem Klettersteig am Berg.

14.11.2014
Porträtfoto von Waltraud Heinschink
Waltraud Heinschink: Manchmal halt ich mich an Blumen fest.

Ich bin 1934 in Wien geboren. Das war keine friedliche, freundliche Zeit. Aber immerhin noch nicht im Krieg. Meine Eltern haben miteinander eine Parfümerie geführt. Die war damals im Aufstreben. Man hat schon vor dem Krieg versucht Düfte, Seifen herzustellen. Nivea ist aufgekommen. Auch Reinigungsmittel haben wir geführt. Mein Vater war sehr interessiert an diesen Dingen und hat das Geschäft in die Höhe gebracht. Meine Mutti hat es dann nach dem Krieg mit Freude weitergeführt. Weil ja dann die englischen und amerikanischen Artikel gekommen sind. Leider ist eine russische Bombe in unserem Geschäft gelandet. Aber die Mutti hat es mit viel Liebe und Engagement wieder aufgebaut.

Ich bin ein Stehaufmännchen

Die Schwester im Heim sagt zu mir, ich bin ein Stehaufmännchen. Weil ich mich immer wieder zusammen rappel. Ich freu mich jedes Mal wenn ich wieder aufsteh´, und wieder weiter mache.

Ich wohn jetzt bei der Diakonie im Wohnheim. Ich bin in Pension und lass es mir bewusst gut gehen. Ich schlaf lang und lese am Abend lang, oder schaue fern. Das Essen schmeckt mir. Das sieht man auch, aber das ist egal. Und ich höre und schaue, was es Neues gibt. Meine Sitznachbarin hat gesagt, ich bin neugierig. Aber ich hab gesagt, wer nicht neugierig ist, stirbt blöd. Ich hab immer gefragt. Wie heißt dies und das auf böhmisch. Meine Mutter hat gesagt, „Frag nicht so viel!“, aber der Großvater hat gesagt, „Lass sie fragen!“

Sie haben mich gebraucht

Man darf nicht aufgeben. Wenn ich verzweifelt war, waren meine Kinder da und haben mich gestützt. Ohne es zu verstehen. Wie sie kleiner waren haben sie mich gebraucht. Da konnte ich nicht aufgeben. Ich musste funktionieren. Damit überbrückt man sogar die Schmerzgrenze und lebt weiter. Und irgendwann fängt man wieder an, dankbar zu sein, dass die Blumen blühen, die Sonne aufgeht, der Wind geht. Mir ist mein jüngster Sohn als Säugling gestorben. Das hat schon sehr wehgetan und ich hab geglaubt, ich kann nimmer weiter machen.

Dass ich es in den Händen spüre

Ich hoff immer, dass in meiner Familie Frieden und Gesundheit kommt oder bleibt. Und eine friedliche Sterbestunde, wo ich alle um mich hab, dass ich mich verabschieden kann.

Manchmal halt ich mich an Dingen fest wie Blumen und Topfpflanzen. So stell ich mir einen Halt auf einem Klettersteig am Berg vor. Da halt ich mich so fest, dass ich´s in den Händen spür. Sonst fall ich hinunter. Und das will ich nicht. Ich will noch da bleiben. Ich will gern noch sehen, was aus meinen Enkelkindern wird.

Über die Kampagne: #Hoffnungsträger werden

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Jeder und jede kann HoffnungsträgerIn sein. Unterstütze die Arbeit der Diakonie mit einer Spende oder deinem ehrenamtlichen Einsatz.
Weitere Infos zur Kampagne unter: http://hoffnungstraeger.diakonie.at