Interview zum Thema Validation

„Weil der Mensch nicht ohne Menschen kann“

Heidrun Jannach, Ehrenamtliche der Diakonie, erzählt über die Begleitung von Menschen mit Desorientierung und wie die Methode der Validation sie dabei unterstützt.

09.05.2016
Ein Porträt von Heidrun Jannach (Bild: Nadja Meister)
Heidrun Jannach über die Begleitung von Menschen mit Desorientierung und die Ausbildung in Validation (Bild: Nadja Meister)

Redaktion: Woher kommt Ihr Interesse, Menschen mit Desorientierung (Demenz) zu begleiten?

Heidrun Jannach: Mein Interesse, mein innerer Zugang oder auch das „Mehr-wissen-Wollen“, kam durch meine Großmutter. Als sie begonnen hat, Desorientierung zu zeigen, hat man gesagt: „Na ja, sie ist halt schon ein bisserl verkalkt.“ An ihr habe ich sehr viele dieser Zustände, dieser Verhaltensweisen als Kind kennengelernt, und sie haben für mich einfach zu meiner Großmutter dazugehört. Ich sage nicht gerne Demenz, weil es bedeutet, ohne Fähigkeiten, ohne „Geist“ zu sein. Es ist aber so, dass die emotionalen Erinnerungen und die Fähigkeit, Gefühle zu zeigen, voll vorhanden bleiben, nur die kognitiven Fähigkeiten gehen langsam verloren.

Wie kann man sich Desorientierung vorstellen?

Desorientierung kann durch die Kombination von biologischen Vorgängen im Gehirn und körperlichen, seelischen und sozialen Verlusten entstehen – vor allem, wenn ein Leben lang die damit verbundenen Gefühle von Trauer, Scham, Wut etc. geleugnet wurden. In der letzten Lebensphase wird oftmals versucht, mit nicht gelösten Lebensaufgaben klarzukommen, sich zu „befreien“. Dies geschieht aber in verschlüsselter Weise. Die Krankheit verläuft in Phasen, wobei zuerst Vergesslichkeit und Unbeholfenheit immer stärker werden, dann die Zeitverwirrtheit dazukommt, später der Sprachverlust und zum Schluss auch Reaktionen immer geringer werden.

Sie haben eine Validationsausbildung gemacht – wie war das für Sie?

Anstrengend und hochinteressant! (Lacht) Wir mussten ja während der Ausbildung schon früh in der Praxis arbeiten, und was mich gestützt hat, war, dass eine unserer beiden Trainerinnen gesagt hat: „Im Prinzip könnt ihr nichts falsch machen.“ Also die absoluten Don’ts haben wir gekannt. Und wenn man nicht ein Gefühl dafür hat, geht man nicht in diese Ausbildung. Die Trainerin hat auch gesagt: „Es kann nichts passieren, aber es passiert halt auch nichts“ – im Sinne einer Beruhigung und Stützung unserer KlientInnen.

Eine junge Hand hält eine alte Hand (Foto: Diakoniewerk)
Für ein Altern in Würde! (Foto: Diakoniewerk)

Was versteht man unter Validation?

Naomi Feil, die die Methode entwickelt hat, nennt es „in den Schuhen des anderen gehen“. Sie meint damit, die Verhaltensweisen, die Aussagen, die Gefühle meines Gegenübers für gültig zu erklären. Das Prinzip in allen Stadien ist: Ich wertschätze und achte mein Gegenüber in seinen Verhaltensweisen und Aussagen. Denn oft genug hören Menschen gerade in den ersten Phasen der Desorientierung Vorwürfe, erfahren Ablehnung, werden grob mit ihren „Defekten“ konfrontiert: „Jetzt hast du’s schon wieder vergessen.“ – „Red nicht so ein dummes Zeug.“ ...

Wie funktioniert Validation?

Es gibt drei Säulen der Validation: Die erste Säule, die Grundvoraussetzung für alles, ist die Empathie, die Haltung des Mitgehens, des Mitfühlens. Nicht des Mitleidens! Das kann schnell falsch und aufgesetzt wirken. Die zweite Säule ist das Prinzip, dass wir auf die Grundbedürfnisse dieser Menschen reagieren. Und die sind die gleichen wie bei Ihnen und bei mir: Das sind das Stillen von Hunger und Durst, ausreichend Schlaf und das ist, den seelischen Bedürfnissen von Angenommensein, Liebe, Freundschaft und dem Erhalt meiner Menschenwürde zu entsprechen. Dazu kommen die unterschiedlichen (Kommunikations-)Methoden der Validation als dritte Säule.

Alte Hände, die auf einer Klaviertaste liegen (Foto: © Sir Oliver/Fotolia)
Menschen mit Demenz dürfen nicht auf den Verlust ihrer kognitiven Fähigkeiten reduziert werden. Sie sind mehr als ihre Demenz. Sie handeln, also sind sie. (Foto: © Sir Oliver/Fotolia)

Wann wird Validation nicht angewandt?

Validation wird nicht angewendet bei Menschen, die Schädel-Hirn-Traumata hatten, nach Unfällen oder Schlaganfällen. Wobei ich persönlich meine, diese Umgangsweise, die man da lernt, tut jedem Menschen gut. Aber es ist nicht Validation im klassischen Sinn.

Ist Validation eine Methode, die das Fortschreiten der Krankheit verhindern kann?

Diese Krankheit ist nicht aufzuhalten. Validation kann sie verlangsamen, weil sie den Menschen Momente der Erleichterung, der Wärme und des Glücks geben kann. Glück ist schon ein sehr großes Wort. Allerdings sieht man in manchen Lebensphasen Dinge, die man sonst als selbstverständlich betrachtet, schon als Glück. Validation gibt Entspannung. Das kann dann natürlich auch Auswirkungen haben auf körperliche Vorgänge. Wenn ich entspannt bin, dann atme ich freier. Das kann nur gut sein für den ganzen Organismus.

Ich vergleiche es immer für mich mit einer Palliativmaßnahme – so wie man in der Hospizbewegung von Schmerzbewältigung spricht. Es geht auch hier um Schmerzbewältigung, oft im Sinne einer ersten Benennung eines Schmerzes. Und wenn wir da Schmerzen lindern, dann ist das schon was.

Heidrun Jannach ist seit Langem in der evangelischen Pfarre Mödling aktiv und hat nach ihrer Pensionierung einen Hospiz-Grundkurs und eine neunmonatige Validations-Ausbildung absolviert. Sie begleitet ehrenamtlich ältere Menschen mit Desorientierung in Pflegeheimen und zur Entlastung der Angehörigen auch zu Hause.

Im beruflichen Kontext sind Sie mit Desorientierung konfrontiert. Haben Sie Angst vor dieser Krankheit?

Ja, schon, das geht aber fast jedem so, dass man sich manchmal fragt: Werde ich auch einmal so enden? Ja, das denkt man sich. Und es ist real. Schauen Sie sich die Statistiken dazu an: Je älter man wird, desto größer wird das Risiko. Es hat aber natürlich keinen Sinn, sich im Voraus zu fürchten. Ich sehe bei mir allerdings auch eine positive Auswirkung: Ich glaube, ich bin insgesamt aufmerksamer und auch geduldiger geworden ...

Demenz - eine Infografik (Foto: Fotolia/Fresh Idea)
Demenz: Vergessen, aber nicht vergessen werden. (Foto: Fotolia/Fresh Idea)

Scheitert die Inklusion von Menschen mit Desorientierung an gesellschaftlicher Scham?

Ja, das Thema ist schambehaftet, es ist ein Tabu. Es ist ein ganz diffiziles Thema. Es könnte ja für einen Desorientierten auch sehr schön sein, in „seinen“ Park zu gehen oder in „ihr“ Lieblingscafé. Aber für den Begleiter, die Begleiterin? Da braucht es viel Gelassenheit. Es hat auch mit dem Trend zu tun, „im Leben stehend“, leistungsstark sein zu müssen – wie reagiert die Umwelt auf sichtliche Schwäche? Andererseits erlebe ich auch gerade bei sehr jungem Personal die Überbetonung des „Aufgeschlossenseins“, des Gefühls, alles wäre machbar. Zum Beispiel eine 94-jährige Dame mit der U-Bahn auf den Weihnachtsmarkt am Rathausplatz zu bringen ... Das braucht so viel Fingerspitzengefühl!

Ein Blick in die Zukunft – was wünschen Sie sich im Hinblick auf die Betreuung von Menschen mit Desorientierung?

Also erstens mehr gut ausgebildetes Personal. Zweitens mehr gut ausgebildetes Personal. Und drittens noch einmal: mehr gut ausgebildetes Personal. Denn die Räumlichkeiten sind inzwischen gut. Aber das ist der springende Punkt: Der Mensch kann eben nicht ohne Menschen.

Demenz geht uns alle an!

Mehr als 130.000 Personen in Österreich sind an Demenz erkrankt. Laut Prognosen dürfte sich diese Zahl bis 2050 noch verdreifachen. Unser Themenschwerpunkt mit hilfreichen Informationen, Interviews und Reportagen.