Von Gott und der Welt

Was für ein Jahr!

Das Gustav-Adolf-Fest ist das größte Fest der Evangelischen Kirche im Burgenland. Jedes Jahr wird in einer anderen evangelischen burgenländischen Pfarrgemeinde am Fronleichnamstag gefeiert. Bei der diesjährigen Feier in Mörbisch drehte sich alles um das Motto „GAST AUF ERDEN".

28.05.2016
Michael Chalupka spricht bei einer Kundgebung der Initiative #GegenUnrecht.

Liebe Schwestern und Brüder, verehrte festliche Gemeinde!

Was für ein Jahr!

Was war das für ein Jahr, das seit dem letzten Gustav-Adolf-Fest in Kobersdorf vergangen ist. Die Fragilität der Welt, in der wir zu Gast sind, in der der Mensch „Gast auf Erden“ ist, wie das Motto dieses Festes heute lautet, ist uns so bewusst geworden wie selten zu vor.

Es sind Gäste gekommen, die nicht der einladenden Schönheit des Burgenlands gefolgt sind, sondern vor dem Krieg, dem Hunger und der Unsicherheit geflohen sind, um hier Zuflucht zu finden, oder Zwischenstation auf ihrem Weg nach Europa.

Am Tag genau vor einem Jahr hat die europäische Grenzsicherungsagentur Frontex beschlossen ihre Rettungsaktionen bis vor die Küsten Libyens auszudehnen. Noch war nicht klar, dass die Flüchtenden in den nächsten Wochen ihre Hoffnungen auf die Balkanroute setzen würden. Jetzt wissen wir es besser. Ende August dann die Katastrophe von Parndorf. 71 Tote erstickt in einem Kühlwagen. Danach die Öffnung der Grenzen, um anderen dieses Schicksal zu ersparen.

Die Burgenländerinnen und Burgenländer taten was zu tun war.

Sie packten an, wo anzupacken war und halfen, wo zu helfen war, wie auch schon in den Jahren der Ungarnkrise und den Jahren der Wende und der Kriege am Balkan zuvor.

Sie alle haben mitgeholfen. Jede und jeder, dort wo sie oder er notwendig waren. In der Exekutive, den Hilfsorganisationen, der Politik und auch in den Pfarrgemeinden. Da wurden Notversorgungspakete gepackt. Busse organisiert. Gemeindesäle zu Schlafstätten umfunktioniert.

Was für ein Jahr!

Es kam kein Strom und keine Welle, es kamen einzelne Menschen, Kinder, Frauen und Männer. Jedem einzelnen wurde geholfen. Es gab unzählige Begegnungen.

Es wurden Kleider geteilt und Schuhe und Decken. Und Brot. Und beim Teilen des Brotes: Brannten da nicht die Herzen. Brannte nicht unser Herz??

- und erkannten wir nicht, wie zerbrechlich und verletzlich der Mensch ist, wenn er alles verliert und nur mehr das bleibt, was wir mit ihm teilen können.

Im Teilen erkannten wir einander, erkannten wir wofür der Mensch lebt, mit brennendem Herzen.

Auf dem Weg nach Emmaus

Auch Kleopas und sein Gefährte - von dem wir den Namen nicht erfahren - auf dem Weg nach Emmaus hatten aufregende Zeiten hinter sich.

Zuerst die Begeisterung und Euphorie, die sie mit ihrem Herrn und Meister teilten. Die Predigten, die die Massen hingerissen haben. 5000 hat er satt gemacht, allein durch das Teilen der wenigen Brote und Fische. Die Wunder, die Heilungen, all ihre Hoffnung hatten sie auf ihn gesetzt. Zugejubelt hatten sie ihm, als er auf seinem Esel in Jerusalem eingezogen ist. Halleluja riefen sie. Die Welt sollte anders werden. Die Zeit sollten besser werden, rosig und leuchtend, mit ihrem Herrn Jesus.

Auf ihrem Weg nach Emmaus ist davon nicht mehr viel zu spüren.

Ernüchterung ist eingetreten. Niemand klatschte mehr.

Ihr Herr und Meister ist tot, hingerichtet am Kreuz. Die nackte Angst kroch den Rücken herauf.

Sie wollten wieder nach Hause. Dorthin wo sie gelebt hatten, bevor sie der Rabbi gerufen hatte, zum großen Abenteuer, zum Leben des Evangeliums, der guten Botschaft für alle.

Sie wollten nur wieder nach Haus. In ihre kleine Welt, nach Emmaus.

Alles sollte werden wie früher. So werden wie früher, als sie ihn noch nicht gekannt hatten, er ihr Herz noch nicht berührt hatte, bis es brannte vor Glück. Keine kühnen Pläne mehr. Sie wollten sich einrichten in der Geborgenheit des Gewohnten, in der Sicherheit ihrer Angst, - ihre Herzkammer verbarrikadieren.

Den Fremden, der sich zu ihnen gesellt, nehmen sie nur als Schatten war.

Sie sprechen mit ihm, aber sie erkennen ihn nicht.

Der Fremde, er redete mit ihnen. Er erläuterte ihnen die Hoffnungserzählungen der Schriften. Doch für Hoffnung war ihr Herz zu eng. Er erzählte sogar von den Frauen, die das leere Grab gesehen hatten, ja vom Auferstandenen selbst.

Doch die Hoffnungszeichen, die wollen sie nicht hören. Verstrickt in ihrer Verzweiflung und Wut, in ihren Ängsten und Sorgen, haben sie keinen Platz mehr für Hoffnung und Zukunft.

„Bleibe bei uns!“, bitten sie ihn. Sie bieten ihm ein Nachtlager an und eine warme Mahlzeit. In all ihrer Angst, sind sie bereit zu teilen. Sie wissen, die Gastfreundschaft war ihrem Herrn immer heilig. Der Fremde nimmt ihre Einladung an.

Und der setzte sich zu ihnen und nahm das Brot und dankte und brachs.

Und sie erkannten ihn.

Und er verschwand.

In dem er mit ihnen das Brot teilte. In dem sie mit dem Fremden das Brot teilten.

Erkannten sie ihn und erkannten einander.

Das Teilen des Brotes, lässt sie aufblicken, hebt die Angst von ihren Augen, lässt sie wieder Hoffnung schauen.

Er verschwand

Da waren sie wieder ganz bei ihm, ganz zu Hause.

Da ließe es sich doch wieder leben, wenn er wieder da ist.

Doch sie erkannten ihn, und er verschwand heißt es.

Und nichts war wie früher.

Das ist hart. Jesus mutet seinen Jüngern da einiges zu. Er zeigt sich als der Auferstandene, gibt den Mutlosen Mut und den Hoffnungslosen neue Hoffnung. Doch als sie ihre Augen aufschlagen und ihn erkennen, ist er wieder weg.

Und uns bleibt die Geschichte und die Frage und die Sehnsucht auf den Lippen: Bleibe bei uns Herr?! Auch wenn wir in der Gewissheit des Glaubens leben, dass Jesus für uns da ist, einfacher wäre es, er wäre physisch anwesend, würde uns sagen, was Sache ist, wie wir zu entscheiden haben. Würde hin und wieder eine Bergpredigt halten, und uns den Weg weisen. Das wäre doch einfacher in dieser zunehmend komplizierter und unübersichtlicher werdenden Zeit. Ungern gebe ich es zu, aber manchmal fehlt auch mir einer, der mich an der Hand nimmt.

Es ist eine kindliche Sehnsucht in uns, nach einem, der mit uns geht und zu uns steht.

Doch Jesus verschwand. Nachdem er mit ihnen und sie mit dem Fremden das Brot geteilt hatten und sie so zum ersten Mal Gottesdienst gefeiert hatten.

Aber wer mit dem Auferstandenen Gottesdienst feiert, der lässt die Dinge nicht so wie sie sind. Er macht sich auf den Weg, der geht nicht nach Haus nach Emmaus. Der sucht nicht mehr die Geborgenheit des Gewohnten, die Sicherheit der Angst.

Der weiß: Es wird nie wieder so wie früher! Der verbarrikadiert seine Herzkammer nicht. Die Jünger machten sich auf den Weg, sie wussten ihr Herr Jesus lebt. Sie ließen nicht mehr ihre Ängste und ihre Verzweiflung über ihr Leben bestimmen, sondern lebten ihre Hoffnungen und ihre Zuversicht.

Nelson Mandela, der Rebell und Versöhner, erst Verfolgter und dann Präsident Südafrikas, sagte einmal:

Deine Entscheidungen sollen deine Hoffnungen in sich tragen, nicht deine Ängste.

Ängste halten klein, lassen die Enge spüren und hindern uns am Handeln. Hoffnungen aber führen zum Licht hinter dem dunklen Horizont.

Die Ängste der Menschen soll man ernst nehmen, ist ein Mantra der letzten Monate. Und es stimmt schon, denn Menschen wollen und sollen ernst genommen werden, mit allem, was zu ihnen gehört. Doch genauso wie die Ängste zum Menschen gehören, so gehören auch die Hoffnungen zum Menschen. Hoffnungen aber sind produktiver, weisen in die Zukunft und machen uns fähig zu teilen.

Wem einmal das Herz gebrannt hat, der weiß wie sich das anfühlt, der kann nicht zurück in die Kälte der Angst, der sieht sein Heil nicht im Gestern.

Angst und Zuversicht

Doch Jünger sind keine Helden.

Der Weg der Jünger war nach ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen nicht weniger steinig, nicht weniger gefährlich, nicht weniger aufregend als zuvor. Da waren die Ängste nicht weit und ihnen drohte immer wieder der Mut und die Hoffnung verloren zu gehen. Und Jesus wusste um die Unzulänglichkeiten seines Bodenpersonals. Wohl deshalb erschien er ihnen noch zweimal, ließ sie bei seiner Himmelfahrt dabei sein und schickte Ihnen zu Pfingsten die Flammen des Heiligen Geistes, weil sie immer wieder der Mut zu verlassen drohte.

Und wir sind schon gar keine Helden, und die Aufgaben, die sich uns stellen sind nicht klein und leicht zu meistern. Auch sie können uns Angst einjagen und den Mut rauben.

Das Hereinbrechen der durch Krieg und Ungerechtigkeit geborstenen Welt in unser idyllisches Österreich, die Menschen, die zu uns gespült wurden, sie sind kein Spuk, der wieder verschwindet, wie der böse Traum beim Aufgang der Sonne.

Viele sind weitergezogen, doch viele sind hiergeblieben. Es wird ein weiter Weg sein, bis sie alle ganz und gar hier angekommen sind.

Und es werden noch weitere kommen, wenn es nicht gelingt, dass die einzelnen europäischen Staaten sich daran erinnern, dass sie nicht ein lose Ansammlung von Nationalstaaten sind, sondern ein Friedensprojekt, dass stolz ist auf seine christliche Werte der Nächstenliebe und der Menschenrechte.

Das alles kann Angst einjagen und den Mut rauben.

Wenn uns die Angst und der Widerwille umfängt, und die Zuversicht auf dem Weg sich verdüstert, und wir die Zeichen der Hoffnung nicht mehr zu erkennen vermögen, wie einst Kleopas und sein Gefährte auf ihrem Weg nach Emmaus, dann haben wir einen Vorteil gegenüber den beiden.

Wir kennen die Geschichte und wir wissen wie sie ausgeht.

Wir haben die Erfahrung, wie sich das anfühlt, wenn das Herz brennt, wie sich das anfühlt, wenn wir das Brot teilen, wie sich das anfühlt wenn wir miteinander Gottesdienst feiern.

Als Christen dürfen wir Angst haben und verzweifelt sein, wir wissen aber auch, dass wir aus der Hoffnung und der Zuversicht leben.

Der Weg mag noch so steinig und schwierig sein ,und voller Gefahren. Wir wissen, anders als die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus,

am Ende wird alles gut.

Jesus geht immer mit.

Am Ende wird alles gut.

Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es auch noch nicht das Ende.

Und der Friede Gottes, der höher ist denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu! Wenn wir das Brot teilen als Gäste auf Erden, lasse er unsere Herzen brennen und verwandle unsere Angst in Zuversicht.

Amen

Predigttext: Lukas 24, 13-35, Die Emmausjünger