Ein Besuch in der Krisenstellte Waki in Linz

„Vom Freudenschrei bis zur Suiziddrohung“

Kinder und Jugendliche brauchen besondere Unterstützung und die richtige Hilfe, wenn sie nicht mehr klar kommen. Kinderarmut, Schulabbruch und Hoffnungslosigkeit bekämpfen.

01.12.2015
DAs Bild zeigt die Symbole der Krisenstelle Waki in LInz

Um Mitternacht läutet es an der Tür. Draußen steht ein vielleicht 15-jähriger Bursche, den Blick auf den Boden geheftet, die Hände tief in den Taschen seiner Jacke vergraben. Pascal ist von zu Hause ausgerissen. Es geht nichts mehr. Seit 20 Jahren bietet die Krisenstelle Waki in Linz Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren täglich und rund um die Uhr Zuflucht. Das Waki in der Schubertstraße ist ein offenes Haus. Meist herrscht reges Treiben. „Ein Kennenlernen und Abschiednehmen, ein Kommen und Gehen“, erzählt Sozialpädagogin Christine Khek. „Von herzerfrischendem Gelächter und Freudenschreien bis hin zu Tränen, Wut oder Suiziddrohungen.“ Innerhalb von vier Monaten wird versucht mit dem Jugendlichen einen Ausweg zu finden. Das kann ein neuer Anfang mit den Eltern, das kann ein Platz in einer Wohngruppe sein. Pascal ist zur Ruhe gekommen, die Achterbahn der Emotionen gestoppt. Der 15-jährige und seine Eltern versuchen unter Begleitung eine neue Annäherung. „Immer wieder staunen wir darüber, dass die Jugendlichen trotz widrigster Lebensumstände ein großes Potential für wundersame Entwicklungen mitbringen“, sagt Christine Khek und schaut in den Computer nach freien Lehrstellen.

124.000 Kinder und Jugendliche in Österreich leben in manifester Armut. 30.000 Kinder und Jugendliche sind auf Unterstützung der Jugendhilfe angewiesen. Mehr als 8000 Jugendliche brechen jedes Jahr vorzeitig die Schule ab. 78.000 junge Menschen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren sind weder beschäftigt noch in Ausbildung (NEET). Um die 60.000 Minderjährige verbringen ihre Tage unter Mindestsicherungsbedingungen.

Welche subjektiven Bewältigungsstrategien Kinder in solchen Situationen ergreifen, wurde in einer groß angelegten Studie in Deutschland untersucht. Die vier möglichen Strategien waren:

  1. Mit sich selbst ausmachen,
  2. Soziale Unterstützung suchen,
  3. Anstatt-Handlungen; das beschreibt die Umbewertung von Ereignissen, beispielsweise in der Form, dass ein Kind sich einzureden versucht, ein sehnlichst gewünschtes Spielzeug sei gar nicht schön, oder es wolle mit bestimmten Kindern, von denen es ausgeschlossen wurde, ohnehin nichts zu tun haben, und
  4. An die Umwelt weitergeben; das umfasst sowohl aggressive Verhaltensweisen als auch Auseinandersetzung mit den Eltern. Die Kategorie „mit sich selbst ausmachen“ wurde am häufigsten genannt. Sie steht für ein Verhalten, das die Kinder mit „weggehen“, „nachdenken““, an etwas anderes denken“ beschreiben.
Blick durch ein Fenster in ein Klassenzimmer (Foto: Diakonie)
Wer bei den Chancen der Kinder spart, spart ihre Zukunft ein.

In äußerst beengten Verhältnissen und überbelegten Wohnungen ist es für Kinder schwieriger, Aufgaben zu fokussieren. Aber es muss gehen. Die älteste Tochter von Frau Kellner, Petra, passt auch an vier Nachmittagen auf die kleineren Geschwister auf. Da ist die Mutter bei der Arbeit. Und wenn die Mutter nicht mehr kann, springt sie ein. „Im letzten Winter haben sie uns den Strom abgedreht“, erinnert sich Bettina Kellner. Es war bitter kalt in der Wohnung. „Die Kinder haben geweint.“ Und wochenlang nicht gelernt. „Petra, jetzt 14, fühlt alles akut mit, sieht, dass wir mit den täglichen Aufgaben allein dastehen. Nahe Verwandte in der Nähe gibt es nicht und meine Mutter ist selbst bettlägerig.“ Das Mädchen ist mit der Schule und den Herausforderungen der Pubertät eigentlich überfordert, knickt immer wieder ein, wird krank und von lähmender Müdigkeit befallen. Viele Jugendliche reagieren mit depressiven Verstimmungen auf belastende und überfordernde Situationen.
Es ist nicht ein Faktor, der zu schlechten Schulleistungen führt. Es ist auch nicht ein Faktor, der Kinder aus ökonomisch benachteiligten Familien geringe Aufstiegschancen beschert. Es ist die Kombination aus einem Bündel von Kriterien: Eine überbelegte Wohnung fällt zusammen mit einer Halbtagsschulordnung. Wenig Einkommen trifft auf ein einkalkuliertes Nachhilfesystem. Keine Unterstützung zu Hause kommt mit eigener Erschöpfung und Unkonzentriertheit zusammen.

„Ich hab keinen Lehrabschluss, mein Leben ist sowieso gelaufen", sagt Pascal. Doch: Niemand darf so einfach verloren gehen. Das Projekt „c’mon 14" oder „move on" in Wien geht in die Schulen und bietet Hilfe an, wenn es nicht mehr geht. Das wird gut angenommen, wie man hört. In Oberösterreich fängt die Diakonie junge Leute in ihrer Notschlafstelle Waki auf, investiert in frühe Hilfen und begleitet in 237 Schulen Kinder und Jugendliche im Alltag; sie hilft beim Lernen, hat ein offenes Ohr bei Problemen und gibt Halt, wo sonst keiner wäre. Jobcoaching und Schulassistenz sind gute Beispiele für niederschwellige Angebote, also Unterstützung ohne Hürden, lebensnah, flexibel und unbürokratisch. Beispiel heißt aber auch, dass es das nur bruchstückhaft gibt. Es bräuchte aber einen flächendeckenden Ausbau von schulunterstützender Sozialarbeit wie auch mehr Schnittstellen zwischen Schule und offener Jugendarbeit. Wenn sich die Schule hin zum Stadtteil und Grätzel öffnet, kann sie Lernraum werden für Aktivitäten in Gesundheit oder Erwachsenenbildung, Spracherwerb, Kultur- oder Sportveranstaltungen.
Neuere Studien der Wirtschaftsuniversität Wien zum Schulabbruch weisen auf die Mängelstellen hin. Die Ökonomin Erna Nairz-Wirth unterscheidet drei Felder: den schulinternen Bereich, den Bereich außerhalb der Schule und das systemische Feld dazwischen. Schulinterne Risikofaktoren sind zu große Lerngruppen, mangelnde pädagogische Kooperation oder nicht vorhandenes Mentoring. Systemisch steigt das Risiko mit nichtvorhandenen ganztägigen Schulformen, dem System des Sitzenbleibens oder mangelnder vorschulischer Angebote. Außerschulisch läuft es falsch, wenn es keine Elternarbeit gibt, keine Öffnung zur Schulumgebung, zum Stadtteil und keine Kooperation mit der offenen Jugendarbeit.

SchülerInnen der Inklusiven Fit-Schule der Diakonie sitzen in einem Klassenzimmer
Die I-FIT Schule der Diakonie gibt Schülern mit Lernschwierigkeiten mehr Zeit, um einen Abschluss zu machen.

Österreich braucht gute Konzepte, um wirtschaftlich schlechte Zeiten zu überbrücken. Oft hat man den Eindruck, Politik wird heute nicht gemacht, sondern erlitten. Die anhaltende europäische Austeritätspolitik treibt zu viele in die Hoffnungslosigkeit, obwohl Investitionen dringend nötig wären. Im Regierungsübereinkommen ist dazu einiges zu finden. So wird beispielsweise im Kapitel „Wachstum und Beschäftigung“ besonders auf Jugendprojekte und die großen Lücken sozialer Dienste im ländlichen Raum verwiesen. Im Kapitel „Österreich fit für die Zukunft machen" sind Gesundheitsförderung für Kinder, die Stärkung von frühen Hilfen und der Ausbau außerschulischer Jugendarbeit angeführt. In zahlreichen Abschnitten werden Investitionen in soziale Dienstleistungen angesprochen: Pflege, Kinder, Bildung können gerade jetzt als Impuls von Beschäftigung & Konjunktur genützt werden. Die OECD hat in ihrem brandneuen Bericht die steigende soziale Ungleichheit in Europa als wirtschaftsfeindlich bezeichnet und auf die Möglichkeiten, speziell im Kinderbereich gegenzusteuern, verwiesen.

Pascal hat mittlerweile eine Lehrstelle gefunden. Das Waki hat dabei geholfen. Es geht darum, jungen Leuten, die als „verloren" geglaubt werden, Zukunft zu geben. Es geht darum, die Schnittstellen zwischen Schule, sozialer Arbeit und Ausbildung zu sichten und zu verbinden. Es geht darum, präventiv und frühzeitig zu helfen. Denn –abseits des persönlichen Leids – erzeugen mangelnde Investitionen und Hilfe soziale und gesellschaftliche Kosten. Eine höhere Schulabbrecher-Quote beispielsweise bewirkt durch steigende Sozialausgaben, höhere Gesundheitskosten und entgangene Steuereinnahmen Kosten von 3 Milliarden Euro bei 10.000 Drop-Outs. Die soziale Schere kommt uns teuer. Nach Schätzungen der Bildungswissenschafter Hanushek und Wößmann würde sich das jährliche Wachstum des Bruttosozialprodukts in Österreich um einen halben Prozentpunkt erhöhen, könnte der Anteil der Schulabgänger mit geringen Lesekompetenzen auf Null reduziert werden.