Von Gott und der Welt

Vergebung

„Vergebt uns im Namen Jesu Christi!“ bat diese Woche Papst Franziskus bei seinem Besuch in der Waldenserkirche in Turin. Es war der erste Besuch eines Papstes

27.06.2015
Schwimmwesten, die auf einen Haufen am Boden liegen (Foto: Ben Nausner)
Einsatz für die Flüchtlinge, die verzweifelten Menschen, die auf Lampedusa stranden

in einer Kirche dieser kleinen protestantischen Gemeinschaft, die vor mehr als 800 Jahren aus der römisch-katholischen Kirche ausgeschlossen und verketzert wurde. Viele Jahrhunderte wurden die Waldenser wegen ihres Einsatzes für die Armen und für das Recht auf die Laienpredigt blutig verfolgt, überlebten zurückgedrängt in ihr Ghetto in den Cottischen Alpen.

Heute verbindet den Papst aus Rom und die Waldenser in ihrem Einsatz für die Armen mehr als sie trennt – auch wenn, wie der Moderator der Chiesa Valdese, Eugenio Bernardini betont hat – die Anerkennung als vollwertige Kirche und die Abendmahlsgemeinschaft noch ausstehen. Aber bis zum Reformationsjubiläum 2017 sind ja noch zwei Jahre Zeit.

In ihrem Einsatz für die Flüchtlinge, die verzweifelten Menschen, die auf Lampedusa stranden oder an den Mauern Europas zerschellen, waren sich Papst Franziskus und Pfarrer Bernardini jedenfalls vollkommen einig. Sie wollen nicht gemeinsam mit den Politikern Europas in 50 Jahren bei Gedenkfeiern für die tausenden Toten im Mittelmeer um Vergebung bitten müssen für das völlige Versagen der heutigen politisch Verantwortlichen. Denn sie haben aus der gemeinsamen Geschichte gelernt, dass Menschenleben nicht einem vermeintlichen politischen Vorteil geopfert werden dürfen.

„Von Gott und der Welt", die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung.