Interview mit Diakonie Direktor Michael Chalupka

Veränderungen in der Diakonie im kommenden Jahr 2018

Die gesellschaftliche Landschaft verändert sich, der Gegenwind wird stärker. Die Diakonie wird dadurch aufgefordert, sich noch stärker auf die Seite der Armen zu stellen.

02.01.2018
Ein Porträt von Diakonie Direktor Michael Chalupka (Foto: Luiza Puiu)

von Dr. Michaela Koller, Diakoniewerk

Sehr geehrter Herr Direktor Chalupka, Sie sind seit vielen Jahren der Direktor der Diakonie Österreich und in dieser Funktion einer der Sozialexperten dieses Landes. Für 2018 haben Sie Ihren Abschied angekündigt. Was geht Ihnen durch Kopf und Herz?

Der Wechsel findet am 1. September 2018 statt nach 24 Jahren und am Ende meiner vierten Amtsperiode. Nach 24 Jahren tut ein neuer Blick der Diakonie Österreich sicher gut, der Wechsel ist langfristig angekündigt, die Wahl des Nachfolgers bzw. der Nachfolgerin erfolgt in diesem Herbst (Anm: das Interview wurde am 7.September 2017 geführt), dann ist da noch ausgiebig Zeit für eine Übergabe.

Ich bin dankbar für die lange Zeit, die Diakonie repräsentieren zu können. Meine Aufgabe war es u.a. all das, was die Diakonie rund um die Uhr tut nach außen auf Bundesebene zu vermitteln. Für mich ist es einer der schönsten Jobs, gekennzeichnet durch eine starke Verbindung zwischen der diakonischen Arbeit, dem Engagement der einzelnen und dem Gestalten von sinnvollen Rahmenbedingungen. Die Diakonie redet über nichts, was sie nicht auch tut, dadurch gewinnt sie ihre Authentizität. Die Rolle der Diakonie wird wichtiger werden, da die Zeiten rauer werden, d.h. viele gesellschaftliche Übereinkünfte müssen neu kommuniziert und ausverhandelt werden, z. Bsp. die Würde des Menschen kommt vor der Leistung, wie es die evangelische Ethik und die katholische Soziallehre deutlich formulieren.

Mit wie vielen Caritas Direktoren haben Sie kooperiert?

Ich habe in den 24 Jahren mit 3 Caritaspräsidenten zu tun gehabt, Helmut Schüller, Franz Küberl und Michael Landau. Auch die Caritaspräsidenten sind langlebig, das ermöglicht einen weiteren Blick, Entwicklungen können über lange Zeiträume in den Blick genommen werden. Im Vergleich dazu hatte ich es mit ca 10 Innenministern und ebenso vielen Sozialministern zu tun. Die Arbeit der Diakonie steht in der Spannung, dass alle paar Jahre die Rahmenbedingungen wechseln, das „Produkt“ der Diakonie misst seine Geschwindigkeit am Menschen.

Unterscheidet sich die Diakonie in Ihrer Haltung von anderen Sozialanbietern durch ihre Haltung?

Im Sozialbereich gibt es einen Grundkonsens, dass man ausgeht von der Not des Einzelnen, Grundlage ist die Solidargemeinschaft.  Die Diakonie hat von der evangelischen Kirche Österreich immer volle Unterstützung für diese Solidargemeinschaft erhalten, dies können leider andere Sozialorganisationen von Ihren Trägerorganisationen nicht behaupten. Caritas und Diakonie sind ähnlich gestrickt, in vielen Angelegenheiten muss man sich nicht absprechen. In konkreten Situationen vor Ort wäre dort und da eine ökumenische Kooperation ausbaufähig, wir sind auch KonkurrentInnen im Feld. In Österreich ist die Ökumene in vielen Bereichen sehr weit ausgebaut und doch gibt es für die Diakonie schwierige Situationen, aufgrund der unterschiedlichen Größen. Die Caritas hat nicht immer das Gefühl kooperieren zu müssen, die Diakonie muss in den meisten Fällen kooperieren, um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. In dieser Situation kommt die Diakonie immer wieder in die Rolle der professionellen Vermittlerin. Minderheiten tun gut daran, ihr Profil zu schärfen und deutlich zu machen.

Was kennzeichnet aus Ihrer Sicht die soziale Landschaft dieser vergangenen Jahrzehnte? Was hat sich verändert?  Worauf ist heute vermehrt zu schauen?

Es braucht gesellschaftliche Gruppen, die der Not eine Stimme geben. Es hat sich dabei nicht alles verschlechtert, ich bin Optimist. In einigen Bereichen sehe ich deutliche Fortschritte: die Dezentralisierung der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung, die Einführung der Mindestsicherung, die Gründung der Armutskonferenz. Es gab viele Schritte in den diversen Feldern der sozialen Arbeit, manches geht dabei auch viel zu langsam, wie die Verbesserung der Situation in der Hospizarbeit. Die Gegenbewegung ist auch viel deutlicher spürbar: der stärkere ökonomische Druck. Die starke Ökonomisierung findet auch in der Strukturierung statt und hat die Diakonie gezwungen zu einem Professionalisierungsschub im Unternehmen und auch auf Seiten der Länder, die die Hauptgeldgeber sind. Die Versuchung dabei entsteht,  dass sich die Unternehmenslogik der Länder ausschließlich in Kontrolle und Dokumentation erschließt, und die der Diakonie in Wirtschaftlichkeit.  Der einzelne Mensch droht dabei  aus den Augen verloren zu werden.

Gab es für Sie Erfahrungen im bisherigen Leben, die Ihre Haltung zur Ökumene speziell geprägt haben?

Nach meinem Studium war ich 2,5 Jahre in einem ökumenischen Agape Zentrum, einem Dialogzentrum der Waldenserkirche in Italien. Dort habe ich gelernt, dass der ökumenische Dialog davon lebt, die eigenen Positionen formulieren zu können. Die Ökumene als versöhnte Verschiedenheit habe ich dort leben  gelernt. Für die Kirchen in Österreich war sicher das ökumenische Sozialwort ein wesentlicher Schritt in der Ökumene. Ich durfte neben Sr. Gleixner, P. Riedelsperger SJ, P. Schasching SJ, Bischof Staikos im Endredaktionsteam arbeiten. Mit diesem Sozialwort ist sichtbar gemacht worden, dass die Ökumene in Österreich mehr ist als der evangelisch-katholische Dialog.

Die Diakonie hat ihre Wurzeln in den biblischen Grundlagen. Gibt es einen Gedanken, ein Wort, das für Sie die theologische Bedeutung von Diakonie ausdrückt.

„Was willst Du, dass ich Dir tue?“  In dieser Frage Jesu an den blinden Bartimäus liegt für mich die Grundhaltung von Diakonie. Die Grundversuchung besteht darin, besser zu wissen was für den anderen gut ist.  Diese Haltung Jesu gilt es für uns heute immer wieder durchzubuchstabieren. Diakonische Arbeit trägt ein Gefälle in sich, das können wir nicht wegdiskutieren, doch in der Frage Jesu an Bartimäus drückt sich eine andere Haltung aus, eine Haltung, die jedem Einzelnen und jeder Einzelnen möglichst große Selbstbestimmung sichert.

Worin sehen Sie Herausforderungen für die Diakonie in den kommenden Jahren?

Herausforderungen sehe ich auf verschiedenen Ebenen: Die gesellschaftliche Landschaft verändert sich, der Gegenwind wird stärker. Die Diakonie wird dadurch aufgefordert, sich noch stärker auf die Seite der Armen zu stellen. Der Gegenwind wird anders daher kommen, d.h. der gesellschaftliche Diskurs ändert sich. In dieser Situation ist es wichtig, das eigene Profil zu stärken, erkennbar zu bleiben, die eigenen Standpunkte klar zu vertreten. Dabei ist die Verbindung zur evangelischen Kirche wesentlich. Eine weitere Herausforderung besteht darin, die Organisationsform der Diakonie den Erfordernissen der Zeit anzupassen, das bedarf einer gemeinsamen Anstrengung. Wie gehen wir in die Zukunft?  Fragen nach einer weltweiten Solidargemeinschaft, die Schicksale von Menschen mit Migrationsgeschichte, Klimawandel und seine Folgen für die Gesellschaft werden uns beschäftigen. Als letzte Herausforderung möchte ich noch einen anderen Bereich ansprechen: Die Diakonie muss ihr Profil schärfen, das ist erforderlich auf der Führungsebene. Alle MitarbeiterInnen müssen wissen, warum die Diakonie so tickt, wie sie tickt. Die Herkunft aus den evangelischen Wurzeln, die enge Bindung an die evangelische Kirche muss bekannt sein und bleiben. Alle haben Platz, doch es muss klar sein wofür die Diakonie steht. Dazu ist die theologische und ethische Argumentationsfähigkeit auf allen Ebenen erforderlich.

Wie schauen Ihre persönlichen Perspektiven aus?

Chalupka: Die sind noch offen. Klar ist, dass noch im Herbst der Diakonische Rat meine Nachfolgerin bzw. meinen Nachfolger wählt und dann die Übergabe gestaltet wird. Mein Herz schlägt weiter für Diakonie und Kirche.

Danke für das Gespräch.

Das Interview wurde für die Zeitschrift

„Ökumenischen Information 2018“ im September 2017 geführt