Von Gott und der Welt

Um die Wurst

Die süßeste Schokolade kann nach Niederlage schmecken, wenn das Fleisch schwach geworden ist mitten in der Fastenzeit, nachdem die ersten zwei Wochen „ohne“ glücklich bewältigt wurden. Das Scheitern an den eigenen Vorsätzen schmeckt bitter.

29.03.2014
ein Stück Schokolade, das dem Betrachter das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt
Schokolade essen in der Fastenzeit, kann den Geschmack einer Niederlage bedeuten (Foto: Pixabay)

Aus der Übertretung des Fastengebots können aber auch große Dinge entstehen. So begann 1522 in Zürich die Reformation mit der Wurst. Im Haus des Buchdruckers Christoph Froschauer fand ein demonstratives Wurstessen statt. Mitten in der Fastenzeit – ein veritabler Skandal, der sogar gerichtsanhängig wurde. Der Priester und spätere Reformator Ulrich Zwingli war beim Wurstessen dabei, aß aber selber nichts.

Doch in seiner Predigt verteidigte er die Wurstesser. Zu fasten sei kein biblisches Gebot, vielmehr eines, das sich die Menschen selbst gegeben hätten.

Macht man sich selber aber daraus ein Gebot und redet sich ein, man sündige, wenn man es nicht einhält, dann heißt dies, das Gewissen brandmarken und beschmutzen, und Verführung zu wahrer Abgötterei.
Ulrich Zwingli, schweizer Reformator

Kurz und einfach gesagt: "Willst du gerne fasten, dann tue es! Willst du dabei auf Fleisch verzichten, dann iss auch kein Fleisch! Lass mir aber dabei dem Christen die freie Wahl!“

Die Rehabilitierung der Wurstesser gilt auch den Schokosündern. Selig wer in Freiheit verzichten kann. Wem aber ein selbst auferlegter Zwang die Süße der Schokolade vergällt, kann sie sich guten Gewissens schmecken lassen.

„Von Gott und der Welt", die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung.