Von Gott und der Welt

Tischgebet

„Die Suppe und ein bisschen mehr segne Gott der Herr!“ Das ist das kürzeste Tischgebet, das ich kenne.

04.11.2017
Rindsuppe in einer Tasse
„Die Suppe und ein bisschen mehr segne Gott der Herr!“ (Foto: Pixabay/Couleur)

Ich habe es bei einer burgenländischen Hochzeit von einem katholischen Kollegen gehört. „Ein bisschen mehr segne Gott der Herr!“ Wer burgenländische Hochzeiten kennt, weiß, dass das, was auf Gebet und Suppe folgte, viel mehr als ein bisschen mehr ist.

Essen ist mehr als Nahrung zu sich zu nehmen. Essen verbindet.

Essen verbindet mit der Welt, mit Pflanzen und Tieren. Im Akt des Zubereitens und Essen verleiben wir uns die Welt ein, eignen uns die Welt an. Das ist immer auch Ausdruck von Kultur. Essen verbindet. Essen verbindet uns mit den Menschen, die unsere Nahrungsmittel hergestellt haben, und mit den Menschen, mit denen wir beim Essen und Trinken ins Gespräch kommen.

Und Essen verbindet mit dem Himmel. Essen ist Teil religiöser Rituale.

Weltweit leiden wieder mehr Menschen an Hunger. Da geht es um den Mangel an Lebensmitteln, unter dem 815 Millionen Menschen leiden. Und doch geht es auch um das Mehr: ein Mehr an beziehungsreichem und selbstbestimmten Leben, das den Menschen, die Hunger leiden müssen, vorenthalten wird. Weltaneignung, Gemeinschaft und Zwiegespräch mit dem Himmel, die sich im Essen ereignen, werden begraben im bohrenden Schmerz des Hungers.

Auch deshalb dürfen die Suppenschüsseln nicht leer bleiben und darf die Bitte auch das bisschen Mehr umfassen.

„Von Gott und der Welt“, die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der „Krone".