Wir können viel tun gegen die Folgen von Folter

Therapie ist Integration – Integration ist Therapie

Menschen mit Extrem-Traumatisierung haben es schwer mit Lernen, Arbeiten, Beziehungen leben. Bei Folterüberlebenden ist die Therapie selbst eine entscheidende Hilfe für Integration.

30.01.2017
Eine Kinderhand gibt einem Erwachsenen die Hand (Foto: Martin Seidl)
Foto: Martin Seidl
„Mitwohner sollen wir des Lands hier sein und frei, Geschützt vor Zugriff, vor dem Raub durch irgendwen; Und keiner der Bewohner soll, kein Fremder uns Wegführen; sollt es sein, dass man Gewalt gebraucht, Soll, wer nicht eilt zu Hilfe von den Bürgern hier, Ehrlos sein, Flüchtling, durch des Volks Beschluss verbannt“
Aischylos

Die schreckliche Vergangenheit soll nicht länger die Gegenwart der Betroffenen vergiften und ihre Zukunft blockieren. Ohne therapeutische Unterstützung ist ein normales Arbeits- und Familienleben kaum möglich. Eine große Hilfe bzw. in manchen Bereichen sogar Voraussetzung für Integration ist ein ausreichend guter körperlicher und psychischer Gesundheitszustand, der es erlaubt, sich zu konzentrieren, neue Informationen zu verarbeiten und selbstständig zu agieren.

„Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen, die Einfachheit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unserer Gefühle. Unsere Identität wechselt so häufig, dass keiner herausfinden kann, wer wir eigentlich sind. [...] und das bedeutet den Zusammenbruch unserer privaten Welt.“ So beschreibt es Hannah Arendt in ihrem Essay „We Refugees“, einem kurzen Text, veröffentlicht im Januar 1943.

Lernen wird behindert durch Probleme bei der Konzentration. Viele haben nach einem traumatischen Erlebnis Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Es kostet viel Kraft, die Erinnerung an das schreckliche Ereignis, das sich immer wieder aufdrängt, aus dem Kopf zu zwingen. Arbeiten wird behindert durch schwere Schlafstörungen. Mit Albträumen sowie erhöhter Schreckhaftigkeit wachen Traumatisierte leichter auf und können nicht mehr einschlafen. Beziehungen werden behindert durch verlorenes Vertrauen. Unbekannte Menschen und Situationen können schnell als bedrohlich erlebt werden. Es ist nicht mehr selbstverständlich, am Leben zu sein. Die Welt wird als feindlich, gefährlich und unkontrollier bar angesehen.

Psychologie der Knappheit

Und dann kommt noch etwas dazu. Wenn es knapp wird, wenn einfach zu wenig zum Leben da ist, wenn man neben den Traumafolgen in Armut leben muss – dann zeitigt das weitere Konsequenzen. Eine „reduzierte Bandbreite“ nennen der Harvard-Ökonom Sendhil Mullainathan und der Psychologe Eldar Shafir (2013) von der Princetown University, dieses Phänomen. Die Bandbreite ist ein Maß für unsere Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu zeigen, gute Entscheidungen zu treffen, unsere Pläne einzuhalten und Ablenkungen zu widerstehen. Knappheit im Leben macht Knappheit im Kopf.

Jefira und Ankyra - Interkulturelle Psychotherapiezentren des Diakonie Flüchtlingsdienstes

Die psychotherapeutischen Einrichtungen ANKYRA und JEFIRA des Diakonie Flüchtlingsdiensts unterstützen Flüchtlinge in Österreich ihre Situation durch das Angebot von traumaspezifischer, kultursensibler und dolmetscherunterstützter Psychotherapie, psychologischer und medizinischer Beratung zu verbessern.

Die Autoren vergleichen die Knappheitsfolgen mit dem Surfen im Internet. Stellen Sie sich vor, Sie haben einen guten Laptop. Nun sind aber im Hintergrund noch viele Programme geöffnet. Es spielt Musik, Files werden heruntergeladen und ein ganzer Haufen von Browser-Fenstern ist geöffnet. Plötzlich kriechen Sie nur noch im Netz herum. Die Programme im Hintergrund zehren die Prozessorleistung auf. Der Psychologe und der Ökonom gingen in ein Einkaufszentrum. Sie legten Passanten eine Aufgabe vor: Ihr Auto hat ein Problem. Die Reparatur kostet 300 Dollar. Was tun Sie? Dann mussten die Versuchspersonen kognitive Aufgaben lösen. Die Probanden wurden in solche mit wenig und solche mit ausreichend Einkommen geteilt. Beide hatten kein großes Problem, die Autoreparatur zu zahlen und erzielten beim Leistungstest gleich gute Ergebnisse. Aber Shafir und Mullainathan machten einen zweiten Durchgang. Die Aufgabe lautete nun: Die Reparatur kostet 3000 Dollar. Was tun Sie? Die Personen mit den geringen Einkommen hatten massive Probleme, das zu bezahlen. Beim Leistungstest schnitten sie plötzlich signifikant schlechter ab als die Gruppe mit ausreichenden Ressourcen.

Geldsorgen beeinträchtigen die Aufmerksamkeit im selben Maße wie scherwiegender Schlafentzug.
Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie

Allein das Denken an Geldsorgen verschlechtert die kognitive Leistung bei Aufmerksamkeit, beim Planen und bei Selbstkontrolle. Der Effekt ist so groß wie eine Nacht ohne Schlaf. Geldsorgen beeinträchtigen die Aufmerksamkeit im selben Maße wie scherwiegender Schlafentzug.

Ähnliches Ergebnis bei Zuckerrohrbauern in Indien: Wenn sie arm sind – vor der Ernte – schnitten sie schlechter ab, als wenn sie reich das Zuckerrohr eingefahren haben - nach der Ernte. Für diesen Effekt sind nicht die persönlichen Fähigkeiten ausschlaggebend, betonen die Autoren. „Hätten wir den Bauern nur vor der Ernte, in der Zeit der Knappheit, getestet, hätten wir seine begrenzte Kapazität als sein persönliches Merkmal fehlinterpretiert“. Knappheit reduziert auf direkte Weise die Bandbreite. Es sind dafür nicht mangelnde Fähigkeiten ausschlaggebend, sondern die geringere Bandbreite, sie einzusetzen. Knappheit reduziert also nicht die Fähigkeiten, die jemand hat, aber sie bestimmt, wie viele dieser Fähigkeiten im Moment zur Verfügung stehen. Wir sehen gerne die kognitive Kapazität als fixe Größe, während sie sich in Wirklichkeit entsprechend den Umständen ändern kann. Die beiden Uni-Professoren verbinden in ihrer Forschung Ansätze der kognitiven Psychologie mit wirtschaftswissenschaftlichen Theorien. Immer wieder hinterfragen sie scheinbare Gewissheiten im ökonomischen Mainstream und Annahmen zum Verhalten von Menschen. Die Erfahrung, dass Armut mit einem „Mangel an Möglichkeiten“ zu tun hat, und zwar „die eigenen Fähigkeiten auch auszuspielen“, erinnert jedenfalls an das Capability-Konzept des Wirtschaftsnobelpreisträgers Amartya Sens (2000), der von Benachteiligten als „agents“ spricht , als Handelnde, die nicht zu Objekten gemacht werden dürfen. Es geht nach Sen immer auch um die Erhöhung der Handlungsspielräume und Verwirklichungschancen Ärmerer.

„Prekär“ heißt ja wörtlich nicht nur „unsicher“, sondern lateinisch eigentlich „auf Widerruf gewährt“, „auf Bitten erlangt“. Da steckt der geringe Umfang an Kontrolle und Handlungsspielräumen bereits im Begriff. Auch in der Sozialpsychologie und in der Public Health Forschung finden sich Parallelen. Lebenssituationen, die hohe Anforderungen stellen und gleichzeitig mit einem niedrigen Kontrollspielraum ausgestattet sind, erzeugen schlechten Stress.

Die niedrige Kontrolle kann in zwei Formen auftreten: zum einen, nicht über die Gestaltung der Aufgaben entscheiden zu können, zum anderen, nicht die Möglichkeit zu haben, die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu nutzen. Dauern diese Ohnmachtserfahrungen an, lernen wir Hilflosigkeit: Lass mich erleben, dass ich nichts bewirken kann. Wenn Armut steigt, heißt das, dass die Knappheit steigt und die Bandbreite sinkt. Knappheit reduziert nicht die Fähigkeiten, die jemand hat, aber sie bestimmt, wie viele dieser Fähigkeiten im Moment zur Verfügung stehen. Die Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu zeigen, gute Entscheidungen zu treffen, unserer Pläne einzuhalten und Ablenkungen zu widerstehen, ist eine Schlüsselressource.

Menschenrecht auf Rehabilitation und Gesundheit

Die Therapie kann nicht wieder gut machen, was geschehen ist. Die Verwandten und Freunde, die unter schrecklichen Umständen getötet wurden, bleiben tot. Therapie kann aber begleiten auf dem Weg der Trauer, um all das Verlorene und so zumindest den Blick auf die Zukunft - im Exilland Österreich - eröffnen. Dazu braucht es freilich auch Arbeitsmöglichkeiten, Anerkennung von Qualifikationen und eine Reduktion der quälenden Existenzangst. Integration ist Therapie, Therapie ist Integration. Die therapeutische Intervention bei Hemayat zielt darauf ab, dass die Betroffenen wieder Selbstwirksamkeit erlangen, ihre Zukunft planen, ihr Leben in die Hand nehmen können. Das ist ein Beitrag zur Befähigung, am sozialen, politischen und kulturellen Leben teilnehmen zu können und auch beruflich eine Zukunft im neuen Land aufzubauen.

Würde heute die Folter auf der Welt für immer beendet werden, hätte therapeutische Betreuung trotzdem noch über Jahrzehnte eine Aufgabe.
Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie

Würde heute die Folter auf der Welt für immer beendet werden, hätte therapeutische Betreuung trotzdem noch über Jahrzehnte eine Aufgabe. Extreme traumatische Situationen, wie sie die Folter darstellt, hinterlassen auch noch Jahrzehnte nach dem eigentlichen Ereignis tiefe Verwundungen, die Linderung und Behandlung bedürfen.

Lange Wartelisten für Therapien – unerträglich lange Wartezeiten für Betroffene – wirken wie Gift. Basisfinanzierung für die Gesundheitsversorgung Extrem-Traumatisierter ist eigentlich ein Menschenrechtsstandard. Menschen, die Folter- und Kriegstraumatisierungen erlitten haben, haben ein Recht auf medizinische und psychotherapeutische Betreuung – unabhängig von ihrer finanziellen Situation. Die Rehabilitation von Folterüberlebenden, wie es auch die UN-Folterkonvention verlangt, müsste eigentlich gesichert sein. Anstelle dessen gibt es Zittern Jahr für Jahr, Betteln und Bittstellen für eine zentrale völkerrechtlich verbriefte Aufgabe: Folter- und Kriegsüberlebenden therapeutisch wieder Zukunft zu eröffnen.

Viele Betreuungszentren wie Hemayat sind ein ständig bedrohtes Prekarium. Es ist Zeit, das zu ändern. Innenministerium, Gesundheitsministerium und Länder sollten in diese Gesundheits- und In- tegrationsaufgabe investieren. Wir können viel tun gegen die Folgen von Folter.

(Diese Beitrag ist erschienen in der Festschrift ÜBERLEBEN)

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