Gemeinwesenarbeit und Sozialraumorientierung als neue Disziplin in der Flüchtlingsarbeit

Teil des Gemeinsamen werden

Gemeinwesenarbeit heißt, die NachbarInnen in Stadtteilen und Gemeinden, in denen Menschen mit Fluchterfahrung leben, in die Flüchtlingsarbeit einzubeziehen.

03.08.2017
Bewohner von Macondo machen alte Stühle wieder schön

Fachkommentar von Andreas Gampert.
Andreas Gampert ist Sozialarbeiter und  Master der Gemeinwesenentwicklung. Er verfügt über 14j-ährige Erfahrung im Bereich der Integrationsarbeit mit Flüchtlingen. Seit 2013 leitet er den Fachbereich Integration des Diakonie Flüchtlingsdienstes.

Neben der professionellen „Fallarbeit“, die Flüchtlinge individuell durch Sprachkurse, Orientierung, Bildungs- und Arbeitsmarktberatung unterstützt, rückt eine weitere Disziplin der Sozialen Arbeit immer mehr ins Zentrum der Integrationsarbeit: die Gemeinwesenarbeit bzw. die Sozialraumorientierung. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, findet Integration doch in erster Linie dort statt, wo sich Menschen begegnen: im unmittelbaren Lebensumfeld, in der Nachbarschaft, im Sozialraum, im Gemeinwesen.

Gemeinwesenarbeit hat das Ziel, die Handlungsfähigkeit von Menschen zu erhöhen. Das heißt, dass diese zunehmend Kontrolle über ihre Lebensverhältnisse erlangen, und letztlich aktiv am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. So wird es möglich, dass sie ihre eigenen und die kollektiven Lebensbedingungen verbessern. Die Ziele der Gemeinwesenarbeit decken sich damit mit den Zielen des Integrationsprozesses. Und auch das Leitbild Diakonischen Handelns ist beiden sehr nahe: „Menschen ein Leben in Fülle zu ermöglichen, und sie dabei zu unterstützen, ihre Gaben wachsen zu lassen“. Dies bedeutet in einem ersten Schritt, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen diese Gaben auch eingesetzt werden können, und Möglichkeiten der Selbstbestimmung einzuräumen.

Es gibt viele praktische Beispiele

StocksprecherInnen in Grundversorgungsquartieren gestalten direkt ihre Lebensbedingungen mit; Wohnungen zur Flüchtlings-Unterbringung werden möglichst dezentral angemietet und den BewohnerInnen übergeben, um so früh wie möglich selbstbestimmtes und ortsübliches Wohnen in Hausgemeinschaften und Nachbarschaften zu ermöglichen.

Gemeinwesenarbeit heißt also, die Wohnbevölkerung in Stadtteilen und Gemeinden, in denen Menschen mit Fluchtbiographie leben, in die Flüchtlingsarbeit einzubeziehen. Ihre Aufgaben reichen von Koordination bestehender Angebote von Kirchengemeinden, Vereinen etc., bis hin zur Initiierung oder Unterstützung freiwilliger HelferInnen.

Begegnung und vor allem Beteiligung (im Rahmen solzialraumorientierter Integrationsarbeit) schaffen es, dass Flüchtlinge Vertrauen in die Aufnahmegesellschaft fassen können. So können Menschen mit Fluchthintergrund ihre Talente und Potenziale sichtbar machen nehmen sich als akzeptierter und aktiver Teil der Gesellschaft wahr. Gleichzeitig werden Vorurteile innerhalb der Mehrheitsgesellschaft abgebaut.

Gemeinwesenarbeit fördert also „Willkommenskultur“, den interkulturellen und interreligiösen Dialog und die Integration in die österreichische Gesellschaft.