Respekt ist keine Einbahnstraße

Straße der Hoffnung

Würde man nur nach der Adresse urteilen, dann könnte es auch ein schickes Beisl sein, das „Häferl“ im 6. Bezirk in der Wiener Hornbostelgasse. Doch dieses Lokal hat eine ganz andere Zielgruppe. Straße der Verlierer nennt sich der schmale Zugang. Ein Fragezeichen dahinter beweist aber, genauso wie die Schicksale einiger Mitarbeiter, dass die Hoffnung lebt.

13.02.2018
Stadtdiakonie Wien Armenwirtshaus s'Häferl

Im Armenwirtshaus der Stadtdiakonie Wien ist jeder willkommen, der Hunger hat. Er zahlt nichts für ein dreigängiges Menü und nur 50 Cent für ein alkoholfreies Getränk.

Das Lokal wurde 1988 von der evangelischen Gefangenen-Seelsorgerin Gerlinde Horn als Tagesstätte für Haftentlassene und Freigänger gegründet. Es ist in der Unterkirche der evangelischen Gustav Adolf Kirche untergebracht und sehr gut besucht. Im „Häferl“ werden pro Tag mehr als 200 Menschen verköstigt.

Service am gedeckten Tisch

Suppe, Hauptspeise und Nachspeise werden auf Tischen serviert, die mit Tischtüchern gedeckt und mit Wasser und Brotkörben ausgestattet sind. „Wir speisen hier nicht aus, wir servieren fast so wie in einem Wirtshaus“, betont Nobert Karvanek, ein gelernter Konditor, der das Lokal am Laufen hält. Den Gästen gegenüber zeigt man damit Respekt und Wertschätzung, was sie nur sehr selten erleben.

Vom Gast zum Wirt

Norbert kam bereits 2002 in das Armenwirtshaus, damals als Gast. Er war selbst mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Die Arbeit im Häferl ist nun nicht nur seine zweite Chance, sondern auch seine Lebensaufgabe geworden. Gleichzeitig ist er als Küster der Pfarre der Pfarrgemeinde als „Mädchen für alles“ angestellt.

Freiwillige willkommen

Auch Freiwillige engagieren sich hier. Insgesamt haben im vergangenen Jahr 350 ehrenamtliche Helfer mit angepackt. Menschen die Sozialstunden abarbeiten, können das auch im „Häferl“ tun. Norbert: „Das ist viel besser als sie wegen einer Geldstrafe, die sie nicht bezahlen können, wegzusperren.“

Ort des Austauschs und der Hilfe

Haftentlassene, für die das Lokal ursprünglich geplant war, kommen kaum noch ins „Häferl“. Viele Gäste sind arbeitslos oder obdachlos, Sozialhilfeempfänger, Bezieher von Mindestpensionen oder Armutsmigranten aus Osteuropa. Das „Häferl“ ist auch ein Ort des Austausches und der Hilfe, wenn es schwer ist, einen Ausweg aus der Perspektivenlosigkeit zu finden.

Großer Bedarf

40.000 Mal pro Jahr konnte die Diakonie zuletzt zumindest den Hunger stillen und für etwas Wärme sorgen. Und der Bedarf an Nahrungsspenden ist weiterhin enorm. Einige Beispiele, welche Mengen an Zutaten verkocht wurden: 1500 kg Erdäpfel, 1400 kg Teigwaren, 670 kg Reis sowie 6500 kg Gemüse und 1700 Eier. 

Respekt ist keine Einbahnstraße

Die Gäste sind in den meisten Fällen freundlich, plaudern mit Norbert. Alkohol und Drogen sind verboten. Außerdem ist den meisten bewusst, dass sie sich in einer Kirche befinden. Respekt ist keine Einbahnstraße. So sehen das auch die Gäste.