Kommunikation für Kinder mit Spracherwerbsstörungen

Spielerisch kommunizieren, wo die Sprache fehlt

Kinder, die nicht sprechen können, erlernen mit Hilfe der Frühen Kommunikations-Förderung (FKF), sich auszudrücken und zu kommunizieren.

12.06.2017

Mit großen Taschen bepackt kommt Andrea Leonhartsberger aus dem Haus. Mit Schwung packt sie die Taschen in den Kofferraum ihres Autos, in dem schon Fördermaterial verstaut ist. Andrea ist Leiterin der Frühen Kommunikationsförderung im Diakonie Zentrum Spattstraße. Sie macht sich auf den Weg zu Familien, deren Kinder nicht sprechen können.

Sebastian baut einen Turm und zückt ein Kärtchen, um noch einen Baustein zu bekommen.
Sebastian baut einen Turm und zückt ein Kärtchen, um noch einen Baustein zu bekommen.

Heute fährt sie in die Bezirke Eferding und Grieskirchen. Die erste Station führt sie zu Sebastian, einem 3-jährigen Jungen mit Down-Syndrom. Die Mutter von Sebastian hat auf einem Zettel Wörter aufgeschrieben, die sie in Gebärdensprache braucht. Kette, Schimpfen, Kasten/Lade zumachen – diese Wörter stehen auf dem Zettel. „Er schimpft manchmal so vor sich hin, und ich möchte ihn fragen können, warum er schimpfen muss“ erklärt die Mutter. Andrea schlägt vor, dass sie auch fragen kann, worauf er wütend ist, oder worüber er sich ärgert, denn diese Gebärden sind beiden bereits vertraut.

Mitarbeiterin des Diakonie Zentrum Spattstraße zeigt die Gebärde für das Wort "Henne"
Andrea mit der Gebärde für Henne: Mit Daumen und Zeigefinger klopft sie auf die Handfläche.

Andrea Leonhartsberger zeigt der Mutter die Gebärden für die Wörter, die sie braucht. Beim nächsten Mal wird Sie auch Bilder zu den Gebärden mitnehmen. Diese Bilder werden in Mappen gesammelt. Mit Hilfe dieser bebilderten „Vokabelmappe“ erlernt die gesamte Familie die Sprache, die Sebastian versteht. 

Für Sebastian hat Andrea eine große Tasche mit Spielsachen eingepackt. Sie holt einen Hund aus einer kleinen Schachtel. Sebastian kennt die Gebärde für Hund bereits. Auch die Gebärden für Schwein und Kuh sind ihm vertraut. Andrea packt auch eine Henne aus, denn Sebastian liebt es, bei den Hühnern im Freien zu stehen und ihnen zuzusehen, wie sie ihre Körner aufpicken. Andrea zeigt die Gebärde für Henne, indem sie die Fingerspitzen von Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zusammenführt und damit auf die offene Handfläche der linken Hand klopft. Die Mutter macht die Gebärde nach und beide versuchen, auch Sebastian dazu zu motivieren. Der findet es aber heute interessanter, mit seinen beiden Fingern auf den Boden zu klopfen, statt auf die Handfläche. 

Neben Gebärden spielen in der Frühen Kommunikationsförderung auch Bilder, Symbole, Fotos und elektronische Hilfsmittel eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit den Bezugspersonen werden für das Kind geeignete Kommunikationsmethoden erarbeitet, die gut in den Alltag integrierbar sind.

Symbolübersicht für unterschiedliche Gebärden

Im Bilderbuch kann Sebastian schon gut unterscheiden wo die Henne ist und wo der Hase. So kann er Mama auch mit Hilfe der Bilder zeigen, was er gerne machen möchte. „Kommunikation ist die Grundlage für Selbstbestimmung und für die Teilhabe am Leben. Kinder mit schwerwiegenden Beeinträchtigungen können sich sprachlich oft kaum verständigen und sind deshalb Fehlinterpretationen hilflos ausgesetzt. Dabei besteht nicht zwangsläufig eine geistige Behinderung. Manche Kinder lernen sehr schnell, sich mit Hilfsmitteln und Gebärden zu verständigen, wenn es in der Familie im Alltag trainiert wird“ erklärt Andrea Leonhartsberger.

Sebastian führt seine beiden Hände vor dem Körper auseinander wie wenn er einen Stift befühlen würde. Andrea fragt lachend: „Möchtest Du ein Soletti?“ Sebastian strahlt sie mit großen Augen an. Andrea hat mit der Gebärde verstanden, was er jetzt gerne möchte. Er weiß, dass sie gleich die kleine Schachtel mit den Soletti auspacken wird und wischt sich schon freudig über den Mund.

Kommunikation für Kinder mit Spracherwerbsstörungen

Die Frühe Kommunikations-Förderung ist ein Angebot des Diakonie Zentrum Spattstraße in Linz. Wir unterstützen Kinder mit einer erheblichen angeborenen oder erworbenen Spracherwerbsstörung wie z.B. bei Cerebralparese (ICP), Autismusspektrumsstörung, Down Syndrom, Rett Syndrom, usw. Die Frühe Kommunikationsförderung findet zu Hause statt und kann ab dem zweiten Geburtstag bis zum Schuleintritt genutzt werden.

Im Team arbeiten Andrea Leonhartsberger, Michaela Brückler, Christina Hermanns, Alexandra Lambrecht und Gurdrun Palmetshofer-Lesterl. Ihre Qualifikationen sind  Sonderkindergartenpädagogik, Logopädie, Linguistik und Sonderschulpädagogik. Im Lauf eines Monats werden ca. 70 Kinder in ganz Oberösterreich betreut.