Von Gott und der Welt

Sinn und Arbeit

Bis zur Erfindung des modernen Buchdrucks wurden die Texte der Bibel von Mönchen in den Skriptorien der Klöster mit der Hand geschrieben. Diese Kalligraphie bedurfte einer geübten Kunstfertigkeit, hoher Konzentration und fast unendlicher Geduld.

24.06.2017
Eine Füllfeder auf einem Stück Papier
Foto: Pixabay

An einer Bibel schrieb ein Mönch mehrere Jahre lang. Die Bibel mit der Hand zu kopieren, war zum einen schwere Arbeit, zum andern aber auch ein meditativer Akt der Kontemplation und des Gebets. Das Schreiben war ein Dienst an Gott – ein Gottesdienst.

Bei der Weltausstellung der Reformation in Wittenberg übernimmt nun ein Industrieroboter, der sonst zur Montage am Fließband eingesetzt wird, diese feine Arbeit. Mit Tinte und Feder schreibt er 24 Stunden am Tag ohne Unterbrechung am Text der gesamten Bibel. In neun Monaten wird er fertig sein. Der Text wird ohne Fehler sein, kein Tintenfleck wird stören. Man kann dem Roboter beim Schreiben zusehen. Der Eindruck ist zwiespältig. Da muss sich kein Mensch mehr schinden, aber auch vom Gottesdienst ist nichts zu spüren. Der Roboter bleibt seelenlos.

Martin Luther hat die Arbeit geadelt, indem er meinte, dass jeder Beruf Gottesdienst ist, indem er nicht nur Mühe macht, sondern auch Sinn stiftet. Roboter werden uns in Zukunft viel schweißtreibende Arbeit abnehmen. Das ist gut so. Worauf wir aber achten müssen, ist, dass wir uns den schöpferischen Sinn, der in der Arbeit liegt, nicht auch abnehmen lassen.

„Von Gott und der Welt“, die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der „Krone".