Von Gott und der Welt

Sind wir alle heilig?

„Sind Sie heilig? Sind wir, die wir da um den Tisch sitzen, heilig?“

29.04.2017
Ein Porträt von Diakonie Direktor Michael Chalupka (Foto: Luiza Puiu)
„Von Gott und der Welt“, die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der „Krone". (Foto: Luiza Puiu)

„Sind Sie heilig? Sind wir, die wir da um den Tisch sitzen, heilig?“ Es war eine rhetorische Frage, die mir Donnerstagabend ein kluger Mensch stellte. Die Antwort scheint klar zu sein. Wir sind doch keine Heiligen! Dazu kennen wir einander und uns selbst zu gut. Wir kennen die dunklen Ecken der Seele und die Schatten der Vergangenheit. Heilig sind uns Orte oder Symbole, an denen das Göttliche spürbar, der Himmel transzendent wird. Das Heilige erhebt, erschüttert und berührt uns. Im Hören der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach erklingt das Heilige in uns.

Der Mensch ist das, was er daraus macht – und das ist nicht immer etwas Gutes und schon gar nicht immer heilig.
Michael Chalupka

Dass der Mensch heilig sein soll, das ist befremdlich und wider alle Vernunft und Alltagserfahrung. Christinnen und Christen glauben jedoch, dass der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist. Doch das heißt nun nicht, dass wir durch und durch heilig sind. Denn der Mensch ist das, was er daraus macht – und das ist nicht immer etwas Gutes und schon gar nicht immer heilig. Martin Luther, selber kein Heiliger, hat gemeint, dass die Gottesebenbildlichkeit des Menschen hier auf Erden verborgen und verdeckt ist. „So verhält sich der Mensch in diesem Leben zu seiner zukünftigen Gestalt, bis dann das Ebenbild Gottes wiederhergestellt und vollendet sein wird.“

So saßen um den Tisch keine Heiligen aber Menschen, die die Ebenbildlichkeit Gottes in sich tragen, sozusagen Heilige „in spe“. Das allein sollte uns Respekt abverlangen.

„Von Gott und der Welt“, die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der „Krone".