Von Gott und der Welt

Sehen und Gesehen werden

Das Motto des Evangelischen Kirchentags, der derzeit von rund 200.000 Christinnen und Christen in Berlin gefeiert wird, lautet: „Du siehst mich!“

27.05.2017

Donald Trump wird nachgesagt, dass er eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne habe. Er könne sich nur kurz auf sein Gegenüber konzentrieren. Umso mehr braucht er selbst die ungeteilte Aufmerksamkeit. Beim NATO-Gipfel rempelte er unsanft den montenegrinischen Ministerpräsidenten aus dem Weg, zupfte sich das Sakko zurecht und posierte mit gerecktem Kinn in der ersten Reihe der Nato-Partner. Der Mann will gesehen werden. Da bleibt keine Zeit, anderen Aufmerksamkeit zu schenken.

Das Motto des Evangelischen Kirchentags, der derzeit von rund 200.000 Christinnen und Christen in Berlin gefeiert wird, lautet: „Du siehst mich!“ Die Bibelstelle dazu lautet: „Ich habe einen Gott, der mich sieht.“ Dieser Satz ist ein Glaubensbekenntnis, ein Vertrauenssatz. Es gibt jemanden, der mich sieht, der mir seine Aufmerksamkeit schenkt, dem ich nicht egal bin. Der mich sieht, auch wenn ich mich klein und elend fühle. Der mich kennt mit all meinen Schwächen und Gaben. Ich habe einen Gott, der mich ansieht wie mich Vater und Mutter angesehen haben, als ich ein Kind war.

Kirchentag 2017 - Motto
Das Motto des Evangelischen Kirchentags, der derzeit von rund 200.000 Christinnen und Christen in Berlin gefeiert wird, lautet: „Du siehst mich!“

Wer diesen Blick der Liebe zu selten gespürt hat, der muss sich immer wieder ins Licht der Aufmerksamkeit rempeln. Doch die Blicke, die einen da treffen, die bleiben kalt und abschätzend, sie wärmen nicht. Der Narziss sieht sich nur selbst im Spiegel. Erst wenn er den Blick von sich selbst lösen kann, kann er den sehen, der ihn anschaut.

„Von Gott und der Welt“, die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der „Krone".