Berichte aus Brüssel (Teil 1)

Schumann - Mein erster Tag in Brüssel

Mein erster Tag in Brüssel. Ich habe für das kommende Monat wahrscheinlich zu viel eingepackt, mein Koffer wiegt satte 30 Kilos, die ich bis zur neuen Wohnung schleppen muss. Ich steige vom Flughafen kommend am Schuman vom Bus aus, direkt bei der Kommission, im Herzen von Brüssel, der Hauptstadt Europas.

07.03.2014
EU-Flagge weht im Wind (Foto: Fotolia /ArtJazz)
Diakonie-Sozialexpertin Katharina Meichenitsch arbeitet ein Monat im Eurodiaconia Büro im Brüssel (Foto: Fotolia /ArtJazz)

Das Gebäude beeindruckt, es steht riesig da, ein dreiteiliger Stern, der metallisch glänzt. Hier werden die Gesetze, die Europa so stark prägen, geschrieben. Hier sitzen jene Menschen, die die Ideen für wichtige Verordnungen liefern, oder Hintergründe recherchieren, um neue Projekte umzusetzen. Ich lasse das Bild nochmal auf mich wirken, nehme mein Koffer Ungetüm an der Hand und begebe mich auf die Suche nach der U-Bahn Station. Immer der Masse nach - die aber verschwindet relativ bald in einem winzigen Loch, und mir wird klar – Schuman ist noch immer Baustelle. Seit 2008 wird hier gearbeitet, ein großes Verkehrsprojekt, geplant ist Fertigstellung in 2015.

Ok, denke ich mir, durchbeissen, ist ja nur ein einziges Mal mit dem schweren Koffer. Ich schleppe mich die Treppen runter – immer tiefer werden die Abgründe, immer schmäler die Gänge, mit Brettern verschlagen und staubig. Auf halben Weg kommt mir ein Paar mit einem Kinderwagen entgegen, wir lächeln uns blöde an. Geteiltes Schicksal. Als ich schließlich schwitzend bei der U-Bahn im Untergrund ankomme, gebe ich dem Koffer einen Tritt. Die herumstehenden PassantInnen lächeln leise. Nicht umsonst, denke ich mir, wird die Europäische Kommission in den nächsten Tagen an einem European Accessiblity Act (EAA) arbeiten. Dabei soll die Zugänglichkeit und Barrierefreiheit von Gütern und Leistungen im „design-for-all“ Prinzip ermöglicht werden.

80 Millionen Menschen mit Behinderung leben in der Europäischen Union.

Das European Disability Forum, dass diesen Act gefordert hat, ist sehr erfreut darüber, dass sich der EAA im diesjährigen Arbeitsprogramm der Europäischen Kommission findet. Für mich und meinen Koffer kommt das jedenfalls zu spät – aber nicht nur für mich – etwa 80 Millionen Menschen mit Behinderung leben in der Europäischen Union. Ich nehme mir vor, in den kommenden Tagen mit anderen Menschen über den EAA zu sprechen, und vielleicht erfahre ich dann auch, wo ich hätte einen Lift bei der Station Schuman finden können.

Eurodiaconia

Die Eurodiaconia ist ein europäisches Netzwerk bestehend aus mehr als 45 Kirchen und NGOs, die soziale Dienstleistungen erbringen. Diakonie-Sozialexpertin Katharina Meichenitsch arbeitet ein Monat im Eurodiaconia Büro im Brüssel und berichtet von ihren Erfahrungen.