Erfahrungsbericht einer Lehrerin

SchülerInnen mit Autismus in der Klasse begleiten

Gemeinsam mit Fritz hat die ganze Klasse viel gelernt. Ein Erfahrungsbericht seiner Lehrerin, Sandra Gruber aus dem Evangelischen Gymnasium Donaustadt in Wien.

28.03.2016
Kinder beim Lernen
Im Evangelischen Realgymnasium in Wien Donaustadt gibt es viel Raum für alternative Lernformen

Fritz G. in der 3. Klasse hat das Asperger Syndrom. Da ich in dieser Klasse auch Klassenvorstand bin, durfte ich genau beobachten, wie er sich an unserer Schule entwickelt.

Vom ersten Tag an – eigentlich bevor ich Fritz zum ersten Mal gesehen habe – habe ich die enge Zusammenarbeit mit den Eltern zu schätzen gelernt. Es gab schon ein Gespräch mit Fritz Vater, Herrn G., bevor ich zum ersten Mal in die damalige 1.Klasse ging und Fritz gesehen hatte. Die Mutter, Frau G. hat mir hilfreiche Literaturtipps gegeben und mir geholfen, Fritzs Verhalten besser einzuschätzen.

Viele Dinge wurden mir erst nach einiger Zeit bewusst, zB dass sich Fritz mit Metaphern oder Redensarten sehr schwer tut und diese wortwörtlich nimmt. Ich habe noch genau sein Gesicht vor mir, wie ich gesagt habe: „Bitte tut sowas nie wieder. Da ist mir das Herz in die Hose gerutscht.“ Mit einem Blick von oben nach unten hat Fritz darauf gemeint: „Wie geht das?“

Wir haben den Kindern in der Klasse erst nach einem halben Jahr Fritzs Autismus erklärt. Dazu hat Frau G. es ermöglicht, Fritzs psychologische Betreuerin an die Schule zu holen, um den MitschülerInnen in der Klasse die „Eigenheiten“ von Menschen mit Autismus zu erklären. Dazu muss man sagen, dass Fritz in der Klasse schon gut integriert war, wenn nicht sogar von den Kindern bewundert wurde, da er eine halbe Stunde über ein Thema reden konnte, ohne sich dazu Notizen zu machen. Die Mitschüler waren sehr interessiert und haben gewisse Verhaltensweisen (zB alles kommentieren zu müssen und immer rauszurufen) besser akzeptieren gelernt.

Im ersten Jahr wurde Fritz nur in einigen Fächern von schulinternen Lehrern zusätzlich zum jeweiligen Fachlehrer begleitet. Schon damals hat er auch einen starken Bezug zu seiner Religionslehrerin, entwickelt, die er immer in den Pausen durch die Gänge begleitet hat.

Ein Jahr später hat Frau G. einen zweiten Vortrag von Fritzs psychologischer Betreuerin für das gesamte Lehrerteam organisiert. Wir haben wieder sehr viel dazugelernt und ich kann von mir sagen, dass ich bezüglich gewisser Verhaltensweisen noch mehr sensibilisiert wurde.

Wir haben uns überlegt, wo wir Fritz in der Klasse hinsetzen und uns Regeln überlegt, damit er nicht immer rausruft (zB durch ein großes Schild auf seinem Platz). Fritz hat in vielen Dingen auch sehr viel Humor bewiesen. LehrerInnen und MitschülerInnen haben über seine „Eigenheiten“ oft schmunzeln müssen und diese auch eher „liebevoll“ betrachtet. Zu wissen, dass er das nicht mit Absicht tut, hat uns sehr dabei geholfen.

Regeln befolgen

Dies bedeutet nicht, dass es im Klassenverband immer einfach war, den MitschülerInnen klar zu machen, dass jetzt nicht jeder in der Klasse immer rausrufen darf und dass auch Fritz sich an die Regeln zu halten hat.

Viele Dinge, die wir ausprobiert haben, haben auch der Klasse gut getan. Das Stimmungsbarometer, zum Beispiel, welches wir in der Klasse aufgehängt haben, hat nicht nur Fritz unterstützt, sich in andere Kinder hineinzuversetzen, sondern war auch für die gesamte Klasse eine willkommene Einrichtung.

In der Pause

In der Pause – welche für Autisten oft am schwierigsten sind, da sie nicht strukturiert sind – hat Fritz dann Aufgaben wie Blumen gießen (mit genauen Anweisungen: nur Montag und Freitag!), Klassenbuch kontrollieren etc. bekommen.

Im zweiten Jahr an unserer Schule wurde Fritz während des Unterrichts auch mehrere Stunden von einer unserer Sonderpädagoginnen begleitet. Auch wussten alle LehrerInnen in der Schule über Fritz Bescheid. Also während einer Gangaufsicht von Fritz „niedergeredet“ zu werden, gehörte zu unserem Alltag – in positiver Sicht.

Einen besonderen Bezug hat Fritz auch zum Schulhund der Zeichenlehrerin entwickelt. Mit ihm hat er sich immer seine Banane geteilt und macht das auch dieses Jahr noch gelegentlich.

Seit diesem Schuljahr wird Fritz an zwei Vormittagen von einer Betreuerin der Autistenhilfe begleitet. Sie unterstützt Fritz, Ordnung zu halten und auch während des Unterrichts. Sie hat sich auch außerhalb der Schule mit Frau G. getroffen und sich über Fritz informiert. Mit sehr viel Engagement unterstützt sie Fritz, wo immer es möglich ist.

Fritz entwickelt sich wunderbar an unserer Schule. In den Pausen sehe ich ihn oft schon mit seinen MitschülerInnen „herumhängen“ und seinen anfänglichen Spruch „Klassengemeinschaft ist mir nicht wichtig. Wichtig ist, dass es mir gut geht.“ höre ich immer weniger.

Die Freiarbeitszeit war in den ersten beiden Jahren für alle Seiten eine Herausforderung, ist diese doch wenig strukturiert und bietet viele Freiheiten an. Die Freiarbeitspläne aller Fächer bieten Fritz inzwischen den nötigen Rahmen für das selbständige Arbeiten.

Wir schätzen Fritzs Gerechtigkeitssinn und auch sein unparteiisches Verhalten sehr.

Alle Mitschüler sind total begeistert, dass Fritz dieses Semester die Einteilung für die Freiarbeit übernommen hat: Er bewahrt den Überblick und bevorzugt keinen.

Diese positive Entwicklung wird vor allem auch durch die außerschulische Betreuung und das Engagement der Eltern gefördert. - Ich freue mich jeden Tag, wenn mich Fritz mit einem Lächeln begrüßt.

Aktion zum Welt-Autismus-Tag

In der Nacht von 1. auf 2. April werden auf der ganzen Welt Gebäude blau beleuchtet. Es ist ein Zeichen der Solidarität mit Menschen mit Autismus und mit deren Angehörigen. Mehr Infos hier!