Zwischenruf

Papa, Mama, Heinz Conrads und ich – ein Ostermorgen

Die Ostergeschichte ist eine Liebesgeschichte. Es wird die Geschichte erzählt, wie der Auferstandene mit seinen Jüngerinnen und Jüngern in Beziehung tritt, nach seinem Tod und über den Tod hinaus für sie Bedeutung erlangt.

16.04.2017
Gemälde von Maria Magdalena
Maria von Magdala hat Jesu auf seinem Weg begleitet, hat unter dem Kreuz ausgeharrt. Sie ist auch die erste am Grab und findet das Grab leer. Die Augen voller Tränen, wendet sie sich an den Gärtner: Hast du ihn weggetragen?

„Guten Morgen die Madln, Servas die Buam.“ Die Sonntage der Kindheit in den frühen 1960er Jahren, sie klingen nach Heinz Conrads und riechen nach Papa und Mama, zu denen ich ins Bett schlüpfen durfte, um „Was gibt es Neues? Die singende klingende Wochenplauderei“ zu hören, in der Heinz Conrads aus dem großen Sendesaal des Wiener Funkhauses besonders die Madln und die Buam begrüßte – also auch mich. Heinz Conrads machte keine Pause, also hörten wir und ganz Österreich ihn bestimmt auch am Ostersonntag.

Doch das erste Wort am Ostersonntag hatte nicht Heinz Conrads. Kaum hatte ich die Tür des Schlafzimmers einen Spaltbreit geöffnet, rief mein Vater laut: „Der Herr ist auferstanden!“ Und wir, die Mutter und ich, hatten zu erwidern: „Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Nun war mein Vater gar nicht besonders gläubig und schon gar kein regelmäßiger Kirchgänger. Obwohl Evangelisch getauft, hatte er diesen Ostergruß der orthodoxen Kirchen, der an den Ruf der ersten Zeuginnen und Zeugen erinnert, aus seiner Heimat Serbien mitgebracht.

Zwischenruf nachhören!

Dieser Zwischenruf von Michael Chalupka, Evangelischer Pfarrer und Direktor der Diakonie, ist am Sonntag, 16.04.2017 auf Ö1 erschienen und kann hier nachgehört werden.

Die österliche Auferstehung war für mich also stets mit der elterlichen Liebe und Heinz Conrads verbunden. Deshalb stand sie auch außer Zweifel.

Dabei ist Auferstehung nicht einfach zu glauben. Denn Tod ist Tod. Wer stirbt, der kommt nicht wieder. Der Tod gehört zum Leben und folgt ihm wie das Amen dem Gebet. Das ist unsere Lebenserfahrung, das wissen wir, und das wussten auch seine Jüngerinnen und Jünger. Deshalb wollen die biblischen Erzählungen auch nichts beweisen. Sie erzählen eine Liebesgeschichte.

Die Ostergeschichte ist eine Liebesgeschichte. Es wird die Geschichte erzählt, wie der Auferstandene mit seinen Jüngerinnen und Jüngern in Beziehung tritt, nach seinem Tod und über den Tod hinaus für sie Bedeutung erlangt.

Die Frage nach einem Beweis der Auferstehung, nach einem historischen Beleg, sie greift zu kurz. Beweise haben in einer Liebesbeziehung keinen Platz. Die Frage nach einem Liebesbeweis ist in sich der Nachweis, dass es mit der Liebe nicht weit her ist.

Die Ostergeschichte ist eine Liebesgeschichte.

Maria von Magdala hat Jesu auf seinem Weg begleitet, hat unter dem Kreuz ausgeharrt. Sie ist auch die erste am Grab und findet das Grab leer. Die Augen voller Tränen, wendet sie sich an den Gärtner: Hast du ihn weggetragen? Wohin hast du ihn gebracht? Ich will ihn holen. Erst als der vermeintliche Gärtner sie mit ihrem Namen anspricht: „Maria“ – da erkennt sie ihn und will ihm um den Hals fallen. Der Auferstandene aber lässt es nicht zu: „Berühre mich nicht. Geh und erzähl es den Jüngern.“

Die Ostergeschichte ist eine Liebesgeschichte. Indem Jesus Maria beim Namen nennt, entsteht die Beziehung neu. Da braucht es keine Berührung, keinen Liebesbeweis mehr. Die Ostergeschichte ist eine Liebesgeschichte über den Tod hinaus. Der Glaube an die Auferstehung braucht keine Beweise. Christinnen und Christen zu allen Zeiten allerorten hören die Anrede des Auferstandenen, der mit ihnen in Beziehung tritt, nach seinem Tod und über seinen Tod hinaus für sie Bedeutung erlangt.

So war das elterliche Bett am Sonntagmorgen für mich wohl der rechte Ort, um das erste Mal die Osterbotschaft zu hören als Responsorium gesprochen zwischen Vater und Mutter, eingebettet in die Liebe der Familie, an einem Ort, an dem die Welt in Ordnung war oder in Ordnung gebracht wurde. Sogar Heinz Conrads Stimme aus dem Radio fügte sich da ein, war er doch einer, der mit seinem leichten Wochenrückblick versuchte, die Nation stets aufs Neue zu versöhnen.

Die Liebe ist stärker als der Tod! Und es braucht Orte, an denen wir das erleben dürfen.

Das mag nun eskapistisch klingen, führt man sich den Zustand der Welt vor Augen, die eher einem ständigen Karfreitag gleicht. Doch die Erzählungen der Osterzeit verleugnen das Leid dieser Welt, das, was Menschen imstande sind, einander anzutun, eben nicht. Aber am Ende steht die große Liebesgeschichte. Die Liebe ist stärker als der Tod!

Und es braucht Orte, an denen wir das erleben dürfen.

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!