Soziale Innovation als leeres Versprechen?

Neu! Besser! Billiger!

Alte Menschen pflegen, Flüchtlinge betreuen oder Kinder unterrichten: um erfolgreich zu sein und als förderwürdig anerkannt zu werden, ist „soziale Innovation“ unabdingbar - zumindest am Etikett. Doch was verbirgt sich hinter die­sem viel verwendeten Begriff? Ein Buchtipp!

15.09.2016
Cover des Buches Neu! Besser! Billiger! (Foto: Mandelbaumverlag)
Der neue Sammelband „Neu! Besser! Billiger!“ setzt sich kritisch mit dem Buzzword „soziale Innovation“ auseinander (Cover: Mandelbaumverlag)

Wie demenzkranke Menschen pflegen, minderjährige Flüchtlinge betreuen, Menschen nach psychischem Zusammenbruch wieder aufrichten oder Straßenkinder unterrichten? Von sozialer Innovation spricht man, wenn gesellschaftliche Probleme auf neue Art und Weise gelöst werden.

Damit sind etwa neue Formen der Kommunikation gemeint, moderne Techniken und Methoden, oder neuartige Kooperationen verschiedener Institutionen und AkteurInnen (Howaldt/Schwarz 2010). Probleme neu zu durchdenken und mittels sozialer Innovation – also neuen sozialen Praktiken – zu lösen, stellt definitiv eine Chance für den Umgang mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen dar.

Mit sozialer Innovation sind daher auch viele Hoffnungen verbunden:

  • Sozialen Wandel herbeiführen,
  • den Sozialstaat in Zeiten der Sparpolitik entlasten,
  • die Grundlage eines neuen sozialen Gesellschaftsvertrages bilden,
  • ‚social change‘ erwirken,
  • effizienter werden.

Kurzum: Die Welt besser machen. Was davon kann soziale Innovation tatsächlich leisten und erfüllen?

Warum soziale Innovation – und warum gerade jetzt?

Soziale Innovation ist gegenwärtig in aller Munde: Sie ist plötzlich nicht nur zu einem Muss-Kriterium bei der Erstellung von Leistungen für Obdachlose, bei der Arbeitsmarktintegration oder der Frühförderung geworden, sondern auch Kernthema des größten EU-Forschungsprogrammes Horizon 2020. Auf beiden Seiten des Atlantiks wird auch im Politikdiskurs stärker darauf Bezug genommen, werden von Regierungen Abteilungen für soziale Innovation eingerichtet, und an Universitäten entsprechende Social Innovation Centers gegründet. „Pathways to Social Change” oder „Social Innovation to Tackle Future Challenges” lauten die Titel der Konferenzen zu sozialer Innovation, und im Sozialbereich werden seit geraumer Zeit etwa „Social Innovation Awards“ vergeben. [...]

Worum soll es gehen – worum geht es in diesem Buch

[...] Für wen sind soziale Innovationen gut? Und welches Ziel wird dabei verfolgt? Dass Goldman Sachs InvestorInnen für die vorschulische Bildung an öffentlichen Schulen in Chicago suchen, die eine Rendite erhalten, sofern die Entwicklung der Schulkinder entsprechend verläuft, ist tatsächlich innovativ (vgl. Goldman Sachs 2016). Aber die Frage, für wen das gut (und lohnend) ist, steht auf einem anderen Blatt.

Für Obdachlosenbetreuung, Flüchtlingsarbeit, Pflege oder Bildung ist nicht das Neue, sondern das Bessere entscheidend.

Probleme neu zu durchdenken, Lösungen mittels neuer oder alter sozialer Praktiken zu finden – und dabei die Frage zu stellen, wohin wir mit den Lösungen eigentlich wollen – das ist entscheidend. Es geht um Zielfragen und Zielkonflikte. Diese offenzulegen, nicht mit dem Buzzword soziale Innovation zu verschleiern – und auf Basis dieser Informationen zu entscheiden, wohin die Reise gehen soll, darum geht es. Dabei ist „neu“ allein kein Kriterium, um etwas zu bewerten. [...] Für Obdachlosenbetreuung, Flüchtlingsarbeit, Pflege oder Bildung ist nicht das Neue, sondern das Bessere entscheidend.

Aus: Neu! Besser! Billiger! Soziale Innovation als leeres Versprechen?
Vorwort von Katharina Meichenitsch, Michaela Neumayr, Martin Schenk
Wien 2016

„Neu! Besser! Billiger! Soziale Innovation als leeres Versprechen?“

Wer definiert soziale Innovation im Bereich sozialer Dienstleistungen, wer bringt sie hervor und wer profitiert davon? Können soziale Innovationen den Wohlfahrtsstaat reformieren, ihn retten oder zumindest verbessern? Und inwiefern wird das Konzept verwendet, um die Ökonomisierung und Vermarktlichung von sozialen Dienstleistungen voranzutreiben?

Das Buch „Neu! Besser! Billiger! Soziale Innovation als leeres Versprechen?“ orientiert sich am wissenschaftlichen Diskurs zum Thema und richtet sich in leicht verständlicher Sprache an Personen, die in der öffent­lichen Verwaltung, in Nonprofit Orga­nisationen oder in der deutschsprachigen und europäischen Politik mit sozialen Dienst­leistun­gen zu tun haben. Der Sammelband ist im Mandelbaum Verlag erschienen und kann hier online bestellt werden.