#SicherSein

Nein zu Abschiebungen nach Afghanistan!

Anfang des Jahres wurde Afghanistan zu einem sicheren Land erklärt. Doch Gewalt, Bomben und Terror sprechen eine andere Sprache.

07.06.2018
Mann, der in Beratung sitzt (Foto: Diakonie Flüchtlingsdienst)
Die Verzweiflung und die Angst sind groß. (Foto: Nadja Meister)

Von Andrea Goldberger, Einrichtungsleiterin, Beraterin, MOZAIK Jugendberatungsstelle

Am Gang der Jugendberatungsstelle Mozaik tummeln sich viele Jugendliche und junge Erwachsene. Der Warteraum ist voll. „Gestern ist mein Freund von der Polizei abgeholt worden. Wird er abgeschoben?“ Ein tiefer Atemzug. „Gibt es eine Chance?“ Die Verzweiflung des jungen Afghanen Rashed* ist nicht zu übersehen. Die Fragen, die er nicht stellt, die ihm jedoch sichtlich auf den Lippen brennen sind folgende: Was ist mit mir? Wird mein subsidiärer Schutz verlängert? Werde ich abgeschoben?

Rashed ist knapp 18 Jahre alt. Er kam 2015 nach Österreich und erhielt, wie viele andere jungen Afghanen, damals als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling subsidiären Schutz. Für diesen subsidiären Schutz muss immer wieder ein Antrag auf Verlängerung gestellt werden. Vor einigen Monaten hat Rashed seinen Antrag auf Verlängerung eingereicht und wartet noch immer voller Sorge auf die Antwort.

„In Österreich fühlt sich Rashed zum ersten Mal in seinem Leben sicher“

In den vergangenen zwei Jahren hat sich Rashed in Österreich sehr gut integriert. Der Junge spricht hervorragend Deutsch, Niveau B1. Er hat den Hauptschulabschluss absolviert und sucht jetzt eine Lehrstelle. In Österreich fühlt sich Rashed zum ersten Mal in seinem Leben sicher. Er hat hier Freunde gefunden, Afghanen und Österreicher*innen. Er spielt Fußball und lebt sein Leben, wie jeder andere Jugendliche bzw. junge Erwachsene in seinem Alter. Doch seit ein paar Wochen sind die Albträume wieder da, die Rashed in der ersten Zeit nach der Flucht plagten. Er kann nicht schlafen. Plötzlich steht seine bisher als sicher gedachte Zukunft in Österreich unter einem großen Fragezeichen.

Einige seiner Freunde haben nach dem Verlängerungsantrag eine Ladung zum Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl bekommen – zu einer Einvernahme zur beabsichtigten Aberkennung des subsidiären Schutzes. Denn Anfang des Jahres haben österreichische Behörden beschlossen, dass Afghanistan bzw. die Hauptstadt Kabul sicher ist und Flüchtlinge dorthin abgeschoben werden sollen.

Zwei Finger, die auf einer Landkarte auf Afghanistan zeigen (Foto: Nadja Meister)
Krieg und Terror stehen in Afghanistan immer noch an der Tagesordnung (Foto: Nadja Meister)

Doch Expert*innen und Nichtregierungsorganisationen sehen das anders: Fast täglich explodieren Bomben. Die Sicherheitslage ist instabiler als in den letzten Jahren. Der Krieg in Afghanistan dauert mittlerweile länger als beide Weltkriege zusammen. Mehr als 150.000 Menschen kostete der Krieg bisher das Leben.

Erneutes Bangen um die Zukunft. Erneute Unsicherheit.

Seit ein paar Monaten suchen immer mehr verzweifelte Jugendliche die Jugendberatungsstelle MOZAIK des Diakonie Flüchtlingsdienstes auf, weil sie eine Ladung zu Einvernahmen oder Aberkennungsbescheide erhalten haben.

Oder sie berichten von Freund*innen, die abgeschoben wurden oder in Schubhaft sind. Sie fragen sich, was mit ihnen geschehen wird. Sie sind verunsichert und nervös. Sie alle haben eines gemeinsam: Österreich ist in den letzten Jahren zu ihrer Heimat geworden. Sie haben innerhalb kürzester Zeit die Sprache gelernt, eine Schulausbildung abgeschlossen, Freunde und Familie gefunden. Sie sind hier angekommen. Haben hier Ruhe erlangt. Und nun soll alles von vorne beginnen. Erneutes Bangen um die Zukunft. Erneute Unsicherheit.

„Fast täglich explodieren Bomben in Afghanistan“

Auch die Berater*innen des Diakonie Flüchtlingsdienstes stehen vor einer großen Herausforderung. Einerseits die Jugendlichen aufzufangen, sie zu stärken, gleichzeitig ihnen jedoch keine falschen Versprechungen zu machen und dem Druck und der Verzweiflung der Klient*innen standzuhalten.

Die Grenze zwischen Rechts- und Sozialberatung verschwimmt einmal mehr. Plötzlich ist die Sozialberatung vermehrt mit rechtlichen Fragen konfrontiert. Die Rechtsberatung andererseits damit, die Klient*innen psychosozial zu stärken.

Ihre Spende für faire Rechtsberatung!

Fundierte Sozial- und Rechtsberatung stellt für uns eine zentrale Aufgabe der Flüchtlingsarbeit dar.

Wir möchten Asylwerberinnen und -werber in ihrer schwierigen Situation, so viel Handlungsfähigkeit und Entscheidungsspielraum wie möglich zurückgeben. Dazu erklären und übersetzen wir Schriftstücke von Behörden, besprechen Handlungsmöglichkeiten und deren Konsequenzen und informieren, wie wir die Situation und ihre weiteren Perspektiven aufgrund unserer Erfahrung einschätzen.

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Im Moment leistet die Sozialarbeit die Vorarbeit der Rechtsberatung. Sie erklärt den Klient*innen die Situation, den Grund der Einvernahme, schlichtet die Integrationsunterlagen, kümmert sich um professionelle psychologische Unterstützung. Die Rechtsberatung kommt schließlich zum Zug, wenn jemand einen Aberkennungsbescheid erhält oder in Schubhaft genommen wird. Das Rechtsberatungsteam weist die Behörden und Gerichte auf die instabile Sicherheitslage hin, auf die zahlreichen Berichte seriöser Quellen, auf die mangelhafte Qualität der vom Bundesamt herangezogenen Gutachten.

Frankreich hat bereits mit höchstrichterlicher Entscheidung Abschiebungen nach Afghanistan unterbunden. Es bleibt zu hoffen, dass sich auch Österreich besinnt und Menschen wie Rashed nicht ins Verderben schickt.

*Name zum Schutz der Person geändert.

#SicherSein - Engagiert gegen Abschiebungen nach Afghanistan

Derzeit sind viele Menschen von einer Abschiebung nach Afghanistan bedroht. Wenn sie zur Rückkehr gezwungen werden, ist ihr Leben in akuter Gefahr.

Über 20 Organisationen haben sich zusammengeschlossen, um gegen menschenrechtswidrige Abschiebungen nach Afghanistan zu protestieren.