In Sicherheit leben können ist nicht selbstverständlich

Mohammed hofft auf einen positiven Asylbescheid

Das Bild, das Medien und Politik von Afghanen zeichnen, macht es jungen Menschen wie Mohammed sehr schwer, sich in Österreich zu integrieren und Kontakt zu finden. Dabei hat der 19-jährige schon viel geschafft. Er hat in kurzer Zeit Deutsch gelernt, eine Lehre begonnen und eine Wohnung gefunden. Nun hofft er auf einen positiven Asylbescheid.

09.05.2018
Die Kampagne #SicherSein setzt sich für Flüchtlinge aus Afghanistan ein
Die Kampagne #SicherSein setzt sich für Flüchtlinge aus Afghanistan ein

Im Winter 2015 ist der 16-jährige Mohammed* (Name v.d.Red. geändert) aus Afghanistan nach Österreich geflüchtet. Vertrieben von der Angst, die Taliban könnten ihn eines Tages abholen und unter ihre Gewalt zwingen, wie schon viele junge Männer in seinem Umfeld. Mohammed ist in einer sehr aufgeschlossenen und gebildeten Familie als jüngstes von vier Kindern aufgewachsen. Die drei älteren Schwestern sind schon verheiratet. Der Vater ist pensionierter Universitätsprofessor für Psychologie. „Ich habe nicht ein ganzes Leben gearbeitet und gelehrt, um meinen einzigen Sohn jetzt den Taliban zu überlassen“, beschreibt Mohammed die Einstellung seines äußerst besorgten Vaters. Seine Eltern haben schweren Herzens eingewilligt, als ihr Sohn sich alleine auf den Weg nach Europa gemacht hat.

Krieg und Terror seit Jahrzehnten

Telefonisch hat Mohammed Kontakt mit seinen Eltern in Afghanistan, wo seit Jahrzehnten Krieg und Terror herrschen. „Im ganzen Land besteht das Risiko von gewalttätigen Auseinandersetzungen, Raketeneinschlägen, Minen, Terroranschlägen und kriminellen Übergriffen einschließlich Entführungen, Vergewaltigungen und bewaffneter Raubüberfälle“, heißt es in den Reisewarnungen des österreichischen Außenministeriums. Die staatlichen Strukturen können weder für individuelle Sicherheit sorgen, noch vor den Taliban schützen. 

Freiwilligenarbeit im Seniorenzentrum

Eineinhalb Jahre hat Mohammed im UMF-Wohnprojekt des Diakonie Zentrums Spattstraße in Linz gelebt. Als er volljährig wurde, konnte er noch ein halbes Jahr in der Wohngruppe für Erwachsene bleiben. In diesen zwei Jahren hat er freiwillig in einem Seniorenzentrum in Linz gearbeitet, anfangs in der Küche, später auch in Kontakt mit älteren Menschen. Die Leiterin des Seniorenzentrums war so begeistert von Mohammed, dass sie ihn unterstützt hat, eine Lehrstelle als Koch im Haus aufzunehmen. „Das Kochen selbst ist kein Problem“, sagt Mohammed. „Ich koche schon viele Speisen alleine. Aber ich habe manchmal noch Probleme mit bestimmten Bezeichnungen. Etwas in Würfel oder Streifen schneiden, oder die Namen italienischer oder französischer Gerichte richtig zu verstehen, bereitet mir noch Schwierigkeiten“.

Negativer Bescheid trotz vorbildlicher Integration

Christine Stöckler, Leiterin der UMF-Wohngruppe, schildert

Mohammed hat sich hier vorbildlich verhalten und um eine gute Integration bemüht. Der negative Asylbescheid in erster Instanz, den er im Jänner erhalten hat, ist nicht nachvollziehbar. Er fragt sich, was er falsch gemacht hat. Aber da gibt es nichts, was er besser machen hätte können. Wenn jemand es schafft, so fokussiert zu bleiben und so viele positive Bewertungen zu sammeln, gehört das auch gewürdigt. Der Umkehrschluss wäre nämlich: Warum sich anstrengen, wenn es ohnehin nichts bringt. Das demotiviert im Moment viele Jugendliche samt den haupt-und ehrenamtlich Engagierten, die sie unterstützen

Schiefes Bild in den Medien

In den Medien ist von jungen Männern wie Mohammed bisher nichts zu lesen. Nur Geschichten von Landsleuten, die mit dem Gesetz in Konflikt kommen, werden dargestellt. „Es ist schwer für mich, Kontakt mit Österreichern zu bekommen. Sobald ich sage, dass ich aus Afghanistan stamme, distanzieren sich die Menschen. Sie haben Angst. Eine Arbeitskollegin wollte, dass ich in ein anderes Seniorenzentrum versetzt werde, als sie von meiner Herkunft erfahren hat. Jetzt kennt sie mich. Jetzt ist sie es, die sich dafür einsetzt, dass ich bleiben kann. Aber das hat ein, zwei Monate gedauert.“

Gezwungen, zu töten oder zu sterben

„Wenn ich nach Afghanistan zurückmuss, werde ich von den Taliban getötet. Davor habe ich keine Angst. Ich bin mit dem Tod aufgewachsen. Ich habe Angst davor, dass sie mich am Leben lassen. Dann werden sie mir nicht mehr erlauben, selbst zu denken, zur reflektieren, meine Meinung zu sagen, Musik zu hören oder zu lachen. Ich habe Angst, gezwungen zu werden, Menschen zu töten. Aber das geht nicht. Ich kann nicht einfach einen Menschen töten“ sagt Mohammed überzeugt und mit aufrechter Haltung.

Initiative #SicherSein

Die Initiative #SicherSein hat zum Ziel, das Thema Sicherheit in einem der sichersten Länder der Welt bewusst aufzugreifen, und ins Reale zurück zu verkehren. Es geht den UnterstützerInnen von #SicherSein um die Sicherheit FÜR Flüchtlinge, im Gegensatz zu jener „Sicherheit“ bzw. behaupteten Unsicherheit vor einer unbestimmten Bedrohung durch jene „anderen“.

Auf der Website www.sichersein.at finden UnterstützerInnen und Interessierte die Möglichkeiten für Vernetzung mit anderen Betroffenen.

Außerdem beantworten wir häufig gestellte Fragen, bieten Hintergrundinfos sowie Materialien zum Bestellen und Downloaden an. Weiters gibt es Aktionsideen, die jede und jeder einfach tun kann, und bei denen wir Unterstützer gerne begleiten und vernetzen. - Jedes Engagement macht einen Unterschied!

(Die Initiative #sichersein wird getragen von asylkoordination österreich, Alpine Peace Crossing, Diakonie, Don Bosco Flüchtlingshilfswerk, Integrationshaus und SOS Mitmensch und Volkshilfe. Unterstützende Organisationen sind Amnesty International, Rotes Kreuz, Samariterbund, SOS Kinderdorf und VIDC.)

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Diakonie Zentrum Spattstraße

Wir betreuen 20 junge Flüchtlinge im Alter von 14 bis 18 Jahren. Sie sind ohne Familienangehörige in Österreich angekommen.  Die Jugendlichen sind in Zweibettzimmern untergebracht. Verlässliche Beziehungen erleichtern ihnen, sich in der fremden Umgebung zu orientieren und zu integrieren. Zusätzlich betreuen wir 4 junge Erwachsene in einer Übergangswohnung.