Interview mir Bildungsforscher Johann Bacher

Mehr Chancen, mehr Leistung

Bildungsforscher Johann Bacher über die Faktoren für bessere Unterrichtsqualität: mehr Zeit für das Unterrichten, anregende Aufgaben, gutes Klassenklima und gute Feedbackkultur

27.08.2015
Porträt des Bildungsforschers Johann Bacher
Bildungsforscher Johann Bacher: "Was die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft anbelangt, so ist Österreich im Spitzenfeld" (Foto: Nadja Meister)

DiakonieThemen: Die Chancen und Lernerfolge von Kindern hängen in Österreich sehr stark vom Einkommen und Status der Eltern ab. Warum ist das so?

Johann Bacher: Drei Faktoren spielen dabei eine Rolle: 1. Das österreichische Schulsystem delegiert sehr viele Aufgaben an die Eltern, gerade die Bildungsaufgaben. Daher hängt viel davon ab, ob die Eltern  unterstützen können oder nicht. In der Soziologie wird das als primärer Schichteffekt bezeichnet.

2. Selektion: Österreich trennt die Kinder zu früh. Je früher die Trennung, desto weniger spielt der  Leistungseffekt eine Rolle, und desto stärker wirkt der soziale Hintergrund bei der Bildungsentscheidung. Dies wird als sekundärer Schichteffekt bezeichnet.

3. Die soziale Zusammensetzung in der Schule: Schulen in ärmeren Vierteln mit Arbeitslosigkeit oder niedrigerem gesellschaftlichem Status wirken sich ungünstig auf die Bildungschancen der Kinder aus. Das nennen wir soziale Kontext- bzw.  Kompositionseffekte.

Wie steht Österreich im europäischen Vergleich da?

Österreich ist leider im Spitzenfeld, was die Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft anbelangt. Es ist wichtig, zu betonen, dass es hier um die soziale Herkunft geht, das heißt, um den Bildungs- und Berufshintergrund sowie das Einkommen der Eltern. Migrationshintergrund spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Bedeutet das, der soziale Status schlägt die ethnische Herkunft?

Ja, alle Befunde sagen, dass dieser wesentlich dominanter und stärker ungleichheitserzeugend wirkt.

Wohnen und Arbeitsmarkt gehören da auch dazu?

Ausgewogene soziale Wohnbaupolitik in den Städten trägt zu einer sozialen Durchmischung bei und reduziert damit den Kompositionseffekt.

An welchen Schrauben muss man in der Schule drehen?

Eine Interventionsmöglichkeit wäre eine kompensatorische Ressourcenzuteilung. Das heißt: Schulen mit einem hohen Anteil an sozial benachteiligten SchülerInnen bekommen zusätzliche finanzielle Mittel, um die Problemlage zu bewältigen. In den Niederlanden wird das bereits seit den 1980er-Jahren praktiziert. Mein Modell: Die Schule bekommt eine fiktive Zuweisung auf Grundlage der sozialen Ausgangssituation, mit dem Auftrag: Bitte entwickelt einen Plan, damit das Leistungsniveau an der Schule steigt. Die Schule legt dann diesen Plan vor und bekommt das Geld zugewiesen.

Schüler des Montessori Kindergartens lernen gemeinsam

Wer genau entwickelt den Plan?

Die Legitimation soll durch eine erweiterte Schulpartnerschaft erfolgen. Diese setzt sich aus Eltern,  SchülerInnen, LehrerInnen, Schulleitung, Schulerhalter und Akteuren aus dem nahen Umfeld wie einem Kulturverein, Sport- oder Musikverein zusammen. Helfen können auch Leute aus der Jugendarbeit oder der Schulpsychologie. Diese können den Plan unter dem Aspekt betrachten, ob genügend Maßnahmen enthalten sind, die tatsächlich die Leistungen der SchülerInnen steigern können. Der Schlüsselfaktor ist hier die Erhöhung der Unterrichtsqualität, verbunden mit einer regionalen Einbettung.

Wie ist das zu finanzieren?

Grundsätzlich glaube ich, dass Geld im Schulsystem zur Verfügung steht. Wichtig wäre zunächst ein Kassensturz im Bildungsbereich. Wir wissen derzeit nicht, wie viele Mittel tatsächlich bei dem Schüler, der Schülerin ankommen.

Mehr Geld muss mehr Qualität heißen.

Ja. Wichtig wäre, aus der Evaluierung der Neuen Mittelschule (NMS) zu lernen. Diese hat gezeigt, dass die erste Generation der NMS gut abgeschnitten hat und die zweite Generation kaum mehr Verbesserungen erbracht hat.

Eine Ursache dafür ist mit Sicherheit die Art der Einführung. Die erste NMS-Generation hat sich primär aus Schulen in der Steiermark und in Vorarlberg zusammengesetzt. Hier war die Einführung sehr gut vorbereitet und begleitet. Das Ziel muss darin bestehen, die Unterrichtsqualität zu verbessern, das heißt mehr Zeit für das Unterrichten zu haben, anregende Aufgaben zu stellen. Außerdem sind gutes Klassenklima und gute Feedbackkultur wichtig.

Feedbackkultur heißt, dass SchülerInnen Rückmeldungen über ihre Leistung und Anstrengung bekommen. Hier haben wir ein großes Defizit.

Bildungsstudien sagen, Österreich hat viele sogenannte „RisikoschülerInnen“.

Viele SchülerInnen haben am Ende der Pflichtschulzeit sehr geringe Kompetenzen. Es wurden nicht genügend Kompetenzen vermittelt, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, sowohl in wirtschaftlicher als auch in kultureller und politischer Hinsicht. Damit ist Teilhabegerechtigkeit als zentraler Wert gefährdet. Das größte Risiko, in diese Situation zu geraten, ist der frühe Schulabbruch. Hinzu kommen noch jene Jugendlichen, die eine Lehre oder eine berufsbildende mittlere oder berufsbildende höhere Schule beginnen und dann abbrechen.

Porträt des Bildungsforschers Johann Bacher
Bildungsforscher Johann Bacher

Was wäre hier der Beitrag der Schule?

Ein gewisser Prozentsatz an SchulabbrecherInnen ist nicht vermeidbar. Diese brauchen wahrscheinlich eine andere Art Schule – in diesem Bereich haben sich in Österreich ganz gut die Produktionsschulen entwickelt, die stärker auf handwerkliche Leistungen und Kompetenzen abzielen und weniger auf die kognitiven Kompetenzen. Außerdem wäre es noch wichtig, im dualen Ausbildungsbereich nachzujustieren und noch stärker Teilqualifizierungen zu vermitteln.

Warum so viel Aufwand für das Herstellen von Chancengleichheit, wenn danach Wettbewerb, schlechte Jobs oder Arbeitslosigkeit drohen?

Aber es ist doch so, dass Chancengleichheit als wichtiges gesellschaftspolitisches Ziel in Österreich noch gar nicht ausreichend akzeptiert ist. Die Kehrseite dieser Nichtakzeptanz ist, dass sich auch das Leistungsprinzip noch nicht adäquat durchgesetzt hat. Die Kritik, dass in Österreich zu wenig  Leistungsmotivation vorhanden ist, hängt damit zusammen, dass es zu wenig Chancengleichheit gibt.

Wie definieren Sie Chancengleichheit als gesellschaftspolitisches Ziel?

Chancengleichheit bedeutet, dass jeder aufgrund seiner Motivation, seiner Fähigkeiten und seiner  erworbenen Kompetenzen Chancen hat, beruflich aufzusteigen bzw. einen Beruf zu finden. Wenn nun wie in Österreich Chancen mehr von „Vitamin B“, dem Zufall der Geburt oder dem Schulstandort abhängig sind als von dem, was man geleistet oder investiert hat, dann stellt sich die Frage, warum man das Prinzip zur eigenen Handlungsmaxime machen sollte. Man kann nicht immer nur die Leistungsmotivation einfordern, ohne gleichzeitig mit Nachdruck zu sagen, dass wir mehr Chancengleichheit brauchen.

Jetzt kann die Jugendhilfe bis 18 Jahre in Anspruch genommen werden. Wie sehen Sie das?

Bei den Maßnahmen darf man nicht mit einem bestimmten Alter aufhören. Es bedarf einer  Nachbetreuung. Maßnahmen brauchen daher flexiblere Altersgrenzen. Insgesamt müssen wir uns derzeit stärker über Arbeitslosigkeit den Kopf zerbrechen. Wir brauchen Investitionen in die Infrastruktur, wenn der Konsum und die privatwirtschaftlichen und unternehmerischen Investitionen auslassen.