Berichte aus Brüssel (Teil 3)

Lost in Translation

Brüssel scheint das Babel unserer Zeit zu sein. Damit aber im europäischen Sprachengewirr so wenig wie möglich verloren geht, arbeitet die Generaldirektion Dolmetschen (DG) mit etwa 1.000 ständigen ÜbersetzerInnen in allen Institutionen der Europäischen Union.

21.03.2014
Eine Dartscheibe mit drei Pfeilen (Foto: Pixabay)
In der EU gibt es drei so genannte Verfahrenssprachen: Englisch, Französisch und DeutschFoto: Pixabay

Die DG ist damit der größte Dolmetschdienst der Welt – 50-60 Sitzungen stehen pro Tag am Programm, bis zu 11.000 Sitzungstage im Jahr. Die Kosten dafür belaufen sich auf 26 Cent pro Jahr pro BürgerIn, das sind ca. 130 Mio. Euro.

Jedem Beteiligten in der EU soll es möglich sein, sich in seiner oder ihrer Muttersprache ausdrücken – die Mehrsprachigkeit wird seitens der Kommission offiziell gefördert. Dennoch gibt es drei so genannte Verfahrenssprachen – Englisch, Französisch und Deutsch. Oft ergibt sich aber der Eindruck, besonders die Deutschen und Österreicher würden vor der Verwendung ihrer eigenen Sprache etwas zurückscheuen. Dies hängt vielleicht auch mit der Angst zusammen, die PolitikerInnen und BeamtInnen teilen – ist die Übersetzung gut? Geht etwas verloren? Welche Worte werden verwendet? Wo bei Dokumenten oft tagelang um einzelnen Wörter und Formulierungen gefeilscht wird, ist beim Dolmetschen Geschwindigkeit gefordert. Und die deutsche Sprache bietet besondere Hindernisse – die Stellung des Verbs am Ende des Satzes macht es vergleichsweise schwierig, rasch zu übersetzen.

Die „Generaldirektion Dolmetschen“ ist der größte Dolmetschdienst der Welt.

Den Vorsprung, den vor allem die englischsprachigen „natives“ hier haben, ist gewaltig. Sie sprechen und verstehen schnell, sind eloquent, alles ist geschliffen und wertschätzend formuliert. Die FremdsprachlerInnen hingegen, die ohnedies schon sehr gutes Englisch sprechen, winden sich dennoch oft in ihren eigenen Formulierungen, manchmal fehlen Begriffe, die die nationalstaatlichen Debatten in Beziehung setzen, und es werden harte Worte verwendet. Und schließlich, sind die langen Arbeitstage vorbei, surrt der Kopf noch immer von den ständigen gedanklichen Übersetzungsleistungen. Dazu passt dann auch der Vorschlag mit Augenzwinkern, den kürzlich ein Kollege verlauten ließ – zwei Regelungen sollen gelten: erstens sind nur mehr Englisch und Französisch offizielle Arbeitssprachen der EU, und zweitens dürfen Briten nur noch Französisch, und Franzosen nur mehr Englisch sprechen. Lost in translation wäre dann wahrscheinlich mehr als nur ein Filmtitel.

Eurodiaconia

Die Eurodiaconia ist ein europäisches Netzwerk bestehend aus mehr als 45 Kirchen und NGOs, die soziale Dienstleistungen erbringen. Diakonie-Sozialexpertin Katharina Meichenitsch arbeitet ein Monat im Eurodiaconia Büro im Brüssel und berichtet von ihren Erfahrungen.