Ein Integrationsgesetz muss den Fokus auf die Begabungen und Kompetenzen der Menschen legen

„Lernen´S zerst Deutsch, wenn´S was von uns wollen“

Ein Integrationsgesetz, das diesen Namen verdient, muss als erstes den Fokus auf die Ressourcen, Begabungen und Kompetenzen der Menschen legen, die es in ihren Integrationsbemühungen unterstützen soll.

09.03.2017
Ein Fußballspieler der U11-Mannschaft der Acakoro Football Academy (Foto: Mike Ranz)
Hürden aus dem Weg räumen: Begegnung ermöglichen

Der vorliegende Entwurf fordert jedoch von Menschen mit Flucht- und Migrationsbiographie eine ganze Menge ein und will ihr Scheitern an diesen Anforderungen unter harte Sanktionen stellen.

Doch welchen Beitrag muss die Aufnahmegesellschaft leisten?

Klar ist, dass die in Österreich oft überhohen Hürden radikal aus dem Weg geräumt werden müssen, damit Begegnung zB auch in einer Amtsstube auf Augenhöhe möglich wird. Das gilt auch für Schulen, Kindergärten und alle Orte, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinandertreffen und miteinander lernen, arbeiten, spielen oder auch nur Sport betreiben wollen.

Das typische „lernen Sie zuerst Deutsch, wenn Sie was von uns wollen“ muss spätestens dann der Vergangenheit angehören, wenn alle verstanden haben, dass der „Andere“ auch zu „uns“ gehört.
Christoph Riedl, Integrationsexperte der Diakonie Österreich
BewohnerInnen von Macondo beim Deutsch lernen

Dem jetzt vorgelegten Gesetzesentwurf fehlen jedoch ausreichende Angebote für Menschen mit Asylstatus und AsylwerberInnen, die eine nachhaltige Integration ermöglichen würden. Das dürfte einem tiefen Misstrauen gegenüber Menschen mit Flucht- und Migrationsbiographie geschuldet sein, das eine sehr defizitorientierte Herangehensweise beim Entwurf von Integrations-Angeboten fördert.

Individuelle Beratung und gute Begleitung statt Strafe und Zwang

Ein modernes Integrationsgesetz sollte auf individuelle Beratung und gute Begleitung, und nicht auf Strafandrohungen und Zwang setzen.

Gerade Flüchtlinge sind oft in ihrer Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt, weil sie sich um das Überleben ihrer Angehörigen im Heimatland sorgen, oder sie aufgrund erlittener Verfolgung, oder traumatischer Erfahrungen während der Flucht, psychisch erkrankt sind.  - Sanktionen hingegen wirken sich auf Flüchtlinge, die aufgrund ihrer sozialen (z.B. Alleinerzieher*innen) oder gesundheitlichen Situation weniger leistungsfähig sind, kontraproduktiv aus, und können damit sogar integrationshemmend sein.

Kürzungen des Lebensunterhaltes, und damit die Sorge um das tägliche Überleben, werden in der Folge in die Isolation führen. Und sie werden die Teilnahme an Sprachkursen und anderen Integrationsangeboten erst recht verhindern.

Ein Integrationsgesetz sollte daher die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Integration und Inklusion von Anfang an und ohne Bruchstellen stattfinden kann.

„Wertekurse“

Die Vermittlung von Orientierungswissen sowie Menschenrechtsbildung und politische Bildung darf nicht allein auf „Wertekurse“ reduziert werden. Vielmehr ist es so, dass Neu-Ankommende individuelle Betreuung und Unterstützung brauchen, im Rahmen derer die Wertevermittlung 1:1 und lebensnah geschieht.

Psychologische und therapeutische Unterstützung

Außerdem ist ein ausreichendes Angebot an psychologischer und therapeutischer Unterstützung für traumatisierte Menschen die Grundlage dafür, dass Integrationsangebote überhaupt wirksam werden können.

Wohnen

Ein Integrationsgesetz darf den Zugang zu menschenwürdigem und erschwinglichem Wohnen genauso wenig aussparen, wie eine ausreichende Mindestsicherung, die armutsbetroffene Frauen, Männer und Kinder vor extrem prekären Lebensverhältnissen bewahrt.

Integrationsjahr: Freiwillig oder verpflichtend?

Im Rahmen des Integrationsjahres, für welches aktuell ein eigener Gesetzesentwurf vorgelegt wurde, sind individuell abgestimmte Integrationsmaßnahmen vorgesehen. Das ist grundsätzlich ein guter Zugang, denn das „Arbeiten-Dürfen“ – insbesondere wenn es mit Weiterbildung begleitet wird -  ist jedenfalls als integrationsfördernd anzusehen. Dabei ist aber wichtig, dass die Teilnahme an diesem Angebot freiwillig ist. Menschen auf der Flucht den Schritt in ein Integrationsjahr aus eigener Motivation heraus unternehmen. – Zwangsmaßnahmen sind hier weder für die Teilnehmer, noch für die Arbeitgeber zielführend.

Wesentlich wäre, dass der Kreis der Arbeitsgeber bei denen Arbeitstrainings absolviert werden können über die Zivildienstorganisationen hinaus erweitert wird. Nur so könnte sich das eine oder andere Praktikum, in eine dauerhafte Anstellung verwandeln lassen.

Alle Vorschläge, wie Integrationspolitik inklusiv gestaltet werden kann, finden sich im Zehn-Punkte-Papier für ein wirkungsvolles Inklusions- und Integrationsgesetz