Wenn Privatpersonen ihre vier Wände mit Flüchtlingen teilen - Eine Multimedia-Reportage

Krapfen trifft Baklava in Weidling

Im Herbst 2014, zur Zeit der „Unterbringungskrise“, beschließt ein Weidlinger Ehepaar zwei geflüchteten Menschen das zu geben, was sie brauchen: ein sicheres Dach über dem Kopf. Sie nehmen eine Syrerin und ihren erwachsenen Sohn bei sich auf. Damit holen sie nicht nur mehr Action und neue Aufgaben, sondern auch viel Dankbarkeit in ihr Haus.

17.03.2016
Die österreichisch-syrische Wohngemeinschaft beim Teetrinken (Foto: Julia Schwaiger)
Christine und ihr Mann Volker haben seit September 2015 zwei neue Mitbewohner: die Syrerin Fadwa (65) und deren Sohn Ziad (43).

„Ich hätte in dieser Situation gar nicht anders gekonnt.“ Das ist Christines (51) blitzschnelle Antwort auf die Frage, wieso sie sich Herbst letzten Jahres dazu entschieden habe, Flüchtlinge bei sich zu Hause aufzunehmen. „Wir haben ein sehr großes Haus und unsere Kinder sind seit einiger Zeit ausgezogen. Platz war also das, was wir geben konnten. Ich hab’ mich ur toll gefühlt, als wir es dann tatsächlich gemacht haben.“ Sie lebt mit ihrem Mann Volker (57) in Weidling bei Klosterneuburg. Die Straße, die zu dem alten pastellgelben Häuschen mit dem weißen Fensterstuck führt, schlängelt sich ein Bächlein entlang bergauf. Ein Sehnsuchtsort für viele Städter.

Christine hat einen festen Händedruck und ein sanftes Gemüt. Für ihre Nachbarin Eva, die sich später unserem Kaffeekränzchen anschließen wird, ist sie „eine Seele“.

Seit September 2015 haben sie und ihr Mann zwei neue Mitbewohner: die Syrerin Fadwa (65) und deren Sohn Ziad (43). Die beiden haben bis zu ihrem Umzug nach Weidling im Lager in Traiskirchen fünf Duschen mit 2000 anderen geteilt. Nun teilen sie Bad, WC, Küche und den Blick auf die Weinberge mit dem österreichischen Ehepaar.

  • Fadwa und Ziad blicken in die Kamera
    Fadwa und Ziad sind aus Syrien geflüchtet und leben derzeit bei einem Ehepaar in Niederösterreich.
  • Blick auf ein Familienhaus im Grünen
    Nahe der schönen Weinberge fanden die Geflüchteten ein neues Zuhause.
  • Fadwa, Ziad und Christine sitzen am Kaffeetisch
    Zum nachmittäglichen Tee gibt es Krapfen und Obst.
  • Ziad steht auf der Terasse von Christines Haus
    Gerne würde Ziad künftig mit seiner ganzen Familie einen Balkon teilen.
  • Ziad spaziert gerne am örtlichen Bach entlang und genießt die Schönheit der Weinberge.
    In Aleppo war Ziad Bauingenieur, seine Frau Lehrerin. Sie hatten ausreichend Geld, ein schönes Haus und gemeinsam mit dem Bruder eine Apotheke. Nichts davon gibt es mehr, eine Bombe hat alles zerstört.

Wir sitzen zusammen in ihrer bescheidenen, aber gepflegten Küche, die sich sämtliche Haushaltsmitglieder teilen und trinken Kräutertee. Christine schenkt allen nach. Erst als ich mich dem vor mir liegenden Faschingskrapfen widme, greifen auch Fadwa und Ziad, die bisher aus Höflichkeit gewartet haben, zu.

Teilen im großen Stil: die eigenen vier Wände

Christine und Volker haben sich gewünscht, dass ihr der Diakonie Flüchtlingsdienst nicht Einzelpersonen, sondern eine Familie vermitteln würde. „Menschen, die füreinander verantwortlich sind“, spezifiziert die Gastgeberin, „Weil wir gesagt haben, wir können einfach nicht so viel Kraft investieren.“ Es scheint als hätten die Richtigen zusammengefunden. Fadwa und Ziad wollen ihr Leben hier eigenständig bestreiten. Sie gehen in den Deutschkurs, Ziad sucht bereits nach Arbeit als Ingenieur und sie halten das Haus in Schuss. „Wenn mein Mann und ich ein paar Tage verreist waren, ist alles so schön und sauber, wenn wir nach Hause kommen. Da freuen wir uns immer sehr“, sagt Christine.

In den ersten Wochen waren ihre beiden Leben recht eng verflochten, erzählt sie. Sie haben Memory gespielt, Kultur-Beschau in Wien gemacht und die beiden Männer haben sich so manch Tischtennis-Match geliefert. Außerdem haben sie häufig gemeinsam gegessen: „Am Anfang hat mir mein eigenes Essen gar nicht mehr geschmeckt, weil Fadwa so gut kocht.“ Christine legt Fadwa die Hand auf den Unterarm und die beiden Frauen lachen. Auch Ziads Kochkünste seien aber nicht zu unterschätzen – er ist durch Mutters Schule gegangen.

Fadwa und Christine sitzen gemeinsam am Kaffeetisch
Körpersprache, Handzeichen, Mimiken - all das schafft dort Verständnis, wo es das gesprochene Wort in dem Fall nicht vermag.

Christine berichtet von einer spannenden Erfahrung: Da man sich sprachlich bisweilen nur minimal verständigen könne, schaue man einander sehr genau an. Körpersprache, Handzeichen, Mimiken - all das schafft dort Verständnis, wo es das gesprochene Wort in dem Fall nicht vermag.

„Ich habe die Fadwa aber immer überraschend gut verstanden. Wir haben so eine hausfrauliche Basis, da kennt man sich schnell gut aus – kochen, Gemüse schneiden und so Sachen.“ Sie macht die entsprechenden Bewegungen pantomimisch in der Luft. Fadwa nickt beipflichtend.

Europakarte mit einer eingezeichneten Route von der Türkei nach Österreich
Fadwa und ihrem Sohn flüchteten aus Syrien. Bis sie in Österreich angekommen sind, verging ein dreiviertel Jahr.

In Aleppo war Ziad Bauingenieur, seine Frau Lehrerin. Sie hatten ausreichend Geld, ein schönes Haus und gemeinsam mit dem Bruder eine Apotheke. Nichts davon gibt es mehr, eine Bombe hat alles zerstört. Als er weder für das Assad-Regime noch die Freie Syrische Armee in den Krieg zu ziehen bereit war, musste er flüchten: „Ich habe Kinder und other people haben auch Kinder. Ich will nicht töten.“ Der Plan war, in einem sicheren Land Asyl zu bekommen und die Familie nachzuholen. Schutz fanden er und seine Mutter nach einem dreiviertel Jahr Flucht über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn schließlich in Österreich.

Vorfreude auf die nachreisende Familie

Ziad und seine Mutter haben bereits einen positiven Asylbescheid. Die Familienzusammenführung, so die technisierte Bezeichnung für die Erlaubnis, seine Kernfamilie auf offiziellem Weg einreisen zu lassen, ist mittlerweile vom österreichischen Konsulat im Libanon genehmigt. Sobald seine Ehefrau und die vier Kinder österreichischen Boden betreten, können sie im Rahmen des Familienverfahrens einen eigenen Asylantrag stellen. 99 Prozent der Flüchtlinge syrischer Herkunft erhalten derzeit in Österreich Asyl.

Wissen: Verschärfte Familienzusammenführung

Ziad kann durchatmen. Er hat den Antrag auf Erteilung eines Einreisetitels für seine Familie rechtzeitig gestellt – seit der Asylrechtsnovelle 2015 ist es nämlich so, dass dieser binnen drei Monaten nach Gewährung von Asyl gestellt werden muss. Verpasst der Nachholende diese Frist, kann er seine Familienmitglieder nur noch nachholen, wenn er sie ohne staatliche Hilfe versorgen kann. Das heißt, er muss ein adäquates Einkommen, eine Krankenversicherung und eine ortsübliche Unterkunft vorweisen können. Jene anerkannte Flüchtlinge, die Mindestsicherung beziehen, fallen damit schon mal durch. Erst ab Anerkennung darf man arbeiten – soweit die Theorie. Wie oft kommt es aber in der Praxis wohl vor, dass innerhalb von zwölf Wochen ein Job gefunden wird? Richtig. Selten.

Momentan gehört Ziad noch zu den 26 Prozent der AkademikerInnen unter den 21.000 arbeitslos gemeldeten Flüchtlingen (Stand Jänner 2016). Er ist schwer motiviert, das sobald als möglich zu ändern. Der Mann war es gewohnt, in Syrien 60 Stunden die Woche zu arbeiten und möchte auch hier am liebsten wieder seinen gelernten Beruf ausüben. Herumsitzen erträgt er nur schwer.

Im Jänner 2016 hat das AMS die Ergebnisse seiner Kompetenzcheck-Studie präsentiert.
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Kompetenzcheck des AMS: viele syrische AkademikerInnen

Im Jänner 2016 hat das AMS die Ergebnisse seiner Kompetenzcheck-Studie präsentiert. Im zweiten Halbjahr 2015 sind dafür die Qualifikationen 898 anerkannter Flüchtlinge erhoben worden. Besonders hoch gebildet sind demnach Asylberechtigte aus Syrien, Iran und dem Irak.

Erst wenn Ziads Deutsch so gut ist, dass er bei einem Vorstellungsgespräch überzeugen und den Anforderungen der täglichen Arbeitspraxis standhalten kann, wird er einen Job bekommen. Vor zehn Tagen hat er ein Vorstellungsgespräch bei einem Bekannten seiner Vermieter gehabt. Das Problem sei einzig sein noch mangelhaftes Deutsch, als Ingenieur sei er prinzipiell gefragt gewesen.

Ohne Deutschkurs keine AMS-Registrierung

Um sich in Niederösterreich beim Arbeitsmarktservice (AMS) als arbeitssuchend zu melden und einen Antrag auf bedarfsorientierte Mindestsicherung stellen zu können, müssen Asylberechtigte mittlerweile vorher an einem Deutschkurs eines staatlich zertifizierten Instituts teilnehmen. Und zwar mindestens auf Sprachniveau "A2" - diese Stufe entspricht laut Gemeinsamem Europäischen Referenzrahmen für Sprachen der Kompetenz, sich in alltäglichen Routinesituationen über vertraute Themen verständigen zu können. Die erfolgreiche Absolvierung oder zumindest die Anmeldung bei einem entsprechenden Kurs müssen die Flüchtlinge ihrer Bezirkshauptmannschaft (BH) vorlegen.

Mit vereinten Kräften

Unterstützung in Sachen Deutschlernen, Geld- und Sachspenden, Arzt- und Behördenbegleitungen seitens der Nachbarschaft sind wertvoll. „Als Einzelperson hat man beschränkte Energiereserven. Wenn man sich gegenseitig hilft, geht es aber gut“, so Christine.

Ziad bedankt sich unvermittelt bei ihr und beteuert seine Begeisterung für die Wohnsituation: „Christine und Volker sind sehr sehr gut. Und Nachbarn gut. Weidling und Klosterneuburg gut.“ Die Sprache ist nach wie vor herausfordernd für ihn, doch er bemüht sich redlich alles auf Deutsch zu erklären. Vom ersten Augenblick an, in dem sie das Haus betraten, hätten er und seine Mutter ein gutes Gefühl gehabt.

Der Traum von der eigenen Wohnung

Momentan ist das größte Thema die weitere Wohnungssuche, weil bald seine Ehefrau und vier Kinder nachkommen. Für sieben Leute ist aber kein Platz in dem Häuschen. Also strecken Nachbarn und „die Familie“, als die Ziad seine Gastgeber mittlerweile bezeichnet, seit Wochen ihre Fühler nach einer Folgewohnung aus. Ein Objekt in Klosterneuburg ist bereits in Aussicht. Ziad glaubt zwar, dass es zu klein sein wird für so viele Leute, doch der Wohnungsmarkt für anerkannte Flüchtlinge ist schwierig – sie werden voraussichtlich damit Vorlieb nehmen müssen. Auch hier ist der neue niederösterreichische Freundeskreis ein großer Gewinn: Im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlingen, die mit Mietwucher und baufälligen Wohnungen zu kämpfen haben, haben Ziad und Fadwa Leute, die sie vor Abzockern bewahren. Das es etwas eng werden wird, weil viele Quadratmeter nicht leistbar sind, ist vergleichsweise verschmerzbar.

Fadwa legt eine Mandarine und einen Apfel auf meinen Teller, sobald ich den letzten Bissen Krapfen geschluckt habe. Obst sei gesund, bedeutet sie mir. Am nächsten Tag wird sie ihren 66. Geburtstag feiern. Ihr Sohn wird Baklava und Falafel zubereiten.

Nichts bereut

Christine würde dasselbe wieder tun. Ihr Mann sei anfangs skeptischer gewesen und habe den Arbeitsaufwand realistischer eingeschätzt als sie. Gleichzeitig sei er jedoch positiv überrascht, wie gut alles funktioniere. „Er hatte Sorge, dass es ihn belasten werde. Doch das tut es überhaupt nicht. Es war wirklich von Anfang an beglückend.“

Wenn ihre Gäste demnächst mit der ganzen Familie in eine eigene Wohnung ziehen werden, werde sie sich dennoch erst einmal eine Pause gönnen. Es bleibt offen, ob nach einer gewissen Zeit vielleicht neue WG-Kollegen in den Weidlinger Weinbergen spazieren und in Christines Küche Baklava backen werden.

Inschallah, mal schauen.

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Die Diakonie vermittelt Wohnraum für Flüchtlinge in Wien, Niederösterreich, Tirol, Burgenland und Kärnten. In den anderen Bundesländern ist diese Möglichkeit nicht lückenlos gegeben. Wir informieren Sie gerne über die zuständigen Stellen in den Bundesländern.

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