Eliana hat sich ein Gymnasium ausgesucht, wo „Altenarbeit“ ein Maturafach ist.

„Komm bald wieder“

Eliana hat im Sommer 2015 ihre Matura im evangelischen Gymnasium in Wien abgelegt. Sie erzählt von ihrem Schwerpunktfach „Geragogik“.

10.11.2015
Die Maturantin mit einer Bewohnerin der Senioren-Hausgemeinschaft
Eliana hat im Sommer 2015 ihre Matura im evangelischen Gymnasium in Wien abgelegt. Sie erzählt von ihrem Schwerpunktfach „Geragogik“. (Foto: Diakonie)

Donnerstag um die Mittagszeit in einer Senioren Hausgemeinschaft der Diakonie in Wien.  Eliana (18) ist zu Besuch und unterhält sich angeregt mit Frau Rothe. Eliana hat im Sommer 2015 ihre Matura im evangelischen Gymnasium in Wien abgelegt, und war damit eine der zwölf ersten Jugendlichen in Österreich, die den Schwerpunkt „Geragogik“ absolviert haben. Eliana ist für dieses letzte Schuljahr aus ihrer Heimat in Deutschland nach Wien gekommen.

Im Interview erzählt sie, was Geragogik ist, und warum sie das unbedingt machen wollte.

Was ist Geragogik und was ist daran das Interessante für dich?

Ich habe vor zwei Jahren schon einmal ein Praktikum in einem Seniorenheim gemacht, wo ich mich zwei Wochen lang bei der Beschäftigungstherapie umschauen und engagieren konnte. Dabei ging es vor allem darum, die großteils hochaltrigen Menschen im Alltag so zu begleiten, dass sie möglichst viel selbst machen können. Ich habe zum Beispiel das Frühstück mit ihnen gemeinsam hergerichtet und an den Nachmittag Spiele mit ihnen gespielt, bei denen sie Kopf und Hand koordinieren müssen. Diese Spiele machen den alten Menschen auch Spaß, und daher hat mir diese Aufgabe von Anfang an viel Freude gemacht.

Wie bist du auf die Idee gekommen, dich für alte Menschen zu interessieren?

Mein Vater ist Hausarzt und hat viel mit älteren Menschen zu tun. Ich habe schon zuhause von meinen Eltern gelernt, dass es wichtig ist, die alten Menschen zu respektieren. Und in meinen ersten Begegnungen habe ich gesehen, dass man mit ihnen so viel lernen kann. Und irgendwie macht es mich sogar glücklich, wenn mir alte Menschen sagen, „komm bald wieder“!

Das heißt, du hast die Schule hier auch bewusst ausgewählt?

Ja, ich habe mir die Schule angesehen, habe gesehen, dass es hier wirklich möglich ist, praktisch im Seniorenwohnheim mitzuhelfen. Deshalb habe ich mich entschieden, dass ich aus Deutschland hierher kommen möchte, und hier meine Matura ablegen möchte.

Worum geht es da also, in diesem Fach „Geragogik“?

In Geragogik lernt man vor allem die Situation von alten Menschen kennen; man lernt, welche Probleme es geben kann, z.B. dass viele Menschen im hohen Alter zunehmend an Demenz erkranken. Die Herausforderung, die es da zu bewältigen gilt, ist die, dass es den Menschen trotzdem weiterhin gut gehen soll, dass ihr Leben weiterhin lebenswert und schön bleiben soll. Sie sind ja nicht krank, in dem Sinn, sondern eben ein bisschen verwirrt, und sie brauchen einfach mehr Unterstützung. Nicht mehr und nicht weniger.

Was sind denn so ganz konkrete Erfahrungen, die du in deinem letzten Schuljahr gemacht hast?

Am Anfang haben wir zum Beispiel eine Ergotherapeutin begleitet, wie sie eine ältere Frau mobilisiert hat. Wie sie ihr dabei geholfen hat, dass sie gewisse Bewegungen wieder selber machen kann.

Mit einem alten Mann hat sie zum Beispiel Kopfrechnen gespielt. Man muss sagen gespielt, weil es dem Mann wirklich – obwohl er eigentlich schon sehr verwirrt ist – noch immer sehr leicht fällt, im Kopf Zahlen zu addieren und zu multiplizieren. Unsereins braucht da schon manchmal den Taschenrechner!

Was habt ihr sonst noch gemacht, in der letzten Klasse?

Wir haben in diesem Jahr einige Tageszentren und andere Senioreneinrichtungen in Wien besucht, haben gesehen, wie sie arbeiten, und durften bei diesen Besuchen auch immer viele Gespräche mit den Bewohnern und Bewohnerinnen führen. Das ist etwas, was mir besonders gut gefallen hat. Ich habe einfach einen guten Draht zu alten Menschen. Und ich habe auch viel gelernt, bin viel selbstsicherer geworden.

Was machst du denn jetzt konkret anders als früher?

Wenn mich früher ein alter Mensch um den Weg gefragt hätte, hätte ich es der Person vielleicht nur erklärt. Heute würde ich einen älteren Menschen auf jeden Fall ein Stück begleiten, denn es ist nicht so selbstverständlich, dass sich jemand den Weg merken kann, und sein Ziel findet.

Eine Sache muss ich auch noch erzählen, die mich sehr beeindruckt hat und die zeigt, dass Menschen mit Demenz nicht ihre Persönlichkeit verlieren: eine Frau, die in ihrem Leben mehrere Sprachen fließend gesprochen hat, kann das auch jetzt noch perfekt. Sie spricht neben perfektem Deutsch noch immer fließend englisch und französisch. Manchmal merkt sie zwar nicht, welche Sprache sie gerade benutzt, aber der Umstand, dass sie in jedem Fall die Sprache perfekt beherrscht, ist faszinierend. Und sie hat sich sehr gefreut, als ich ihr in allen drei Sprachen antworten konnte!“