Gemeinsam sind wir stark

Jerichos Frauen kochen auf

Hohe Arbeitslosigkeit, israelische Besatzung und patriarchalische Traditionen – im Jordantal haben es Palästinenserinnen nicht leicht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Brot für die Welt unterstützt ein Projekt der YWCA, bei dem Frauen auch die traditionelle Küche neu entdecken – und damit Schritt für Schritt die Wirtschaftswelt.

27.12.2017
  • Mitarbeiterinnen der Brot für die Welt Partnerorganisation YWCA (Young Women‘s Christian Association)
    Brot für die Welt unterstützt gemeinsam mit der Projektpartnerorganisation YWCA Frauen auf dem Weg in eine selbstbestimmte Zukunft.

Von Agnes Fazekas

Jericho, die tiefstgelegene Stadt der Welt, wirkt in manchen Gegenden auch wie die verschlafenste Stadt der Welt. Im Süden der Stadt, nur einen Katzensprung von der nächsten israelischen Siedlung entfernt, wird jeder Fremde erstmal beäugt – und dann freundlich begrüßt. Hier befindet sich das Büro der  Brot für die Welt Partnerorganisation YWCA (Young Women‘s Christian Association). Nazar Halteh, Geschäftsführerin der YWCA, erzählt: „Die Arbeitslosigkeit ist sehr hoch hier, dazu kommen kulturelle Zwänge. Oft müssen wir die Eltern und Männer erst überzeugen, dass die Frauen aus dem Haus dürfen.“

Auf der anderen Seite ist es die Armut, die immer mehr Frauen dazu bewegt, mitverdienen zu wollen. 60 Prozent leben im Jordantal unter der Armutsgrenze. Die Idee, saisonale Lebensmittel weiterzuverarbeiten und lokal zu vertreiben, kam schon zur Zeit der Zweiten Intifada auf. Während die PalästinenserInnen sich gegen die israelische Besatzung erhoben, war Jericho völlig von den Märkten abgeschnitten, die BäuerInnen konnten ihre Produkte nicht mehr in Ramallah oder Hebron verkaufen. Seitdem hat sich Jerichos Wirtschaft nicht mehr erholt.

Wirtschaftliche Partizipation von Frauen fördern

Neben Schulungen in der Weiterverarbeitung lokaler Lebensmittel, zum Beispiel zur Gewinnung von Sirup aus den Datteln, für die Jericho so berühmt ist, bot das YWCA auch einen Kurs zur Herstellung von koffeinfreiem Kaffee aus ihren Kernen an.

Weniger erfolgreich war ein Workshop im Pilze-Züchten. „Es kostet uns hier in der Hitze einfach zu viel Strom, den Raum kühl und feucht genug zu halten“, sagt Nazar. Doch die Workshops  in Verarbeitung, Qualitätsprüfung und dem Marketing von Maftul, einer Art Couscous, von sonnengetrockneten Tomaten, oder den beliebten Moluchia-Blättern waren so erfolgreich, dass sich einige der rund 60 Teilnehmerinnen inzwischen selbstständig gemacht haben. Die YWCA wiederum beschloss, die erworbene Erfahrung im Marketing von lokalen Produkten auch an bestehende NGOs und Kooperativen weiterzugeben. Eine davon ist die Frauengruppe von Fatemeh Awatleh aus dem Dorf Al Nuweimeh.

  • Eine Frau verarbeitet Maftul
    Die Workshops zu Verarbeitung und Marketing von Maftul, einer Art von Couscous, waren sehr erfolgreich - einige der Frauen haben sich bereits selbständig gemacht.
  • Maftoul, eine Art Couscous
    YWCA unterstützt im professionellen Marketing - eine ansprechende Verpackung ermöglicht den erfolgreichen Absatz.

Seitdem die 45-jährige Witwe in ihrem Dorf zwanzig Nachbarinnen um sich geschart hat, um Bienen zu züchten, geht es bergauf. Der Honig wird inzwischen unter edlem Etikett in Ramallahs Supermärkten verkauft, wo Kaufkraft und Lebensstandard viel höher sind als in Jericho. Fatemeh, deren Gesicht von der strengen Sonne im Jordantal gezeichnet ist, kommt gerade aus dem Kampagnen-Workshop im Büro über dem Laden. Bei den Trainings sollen die Teilnehmerinnen nicht nur Selbstbewusstsein entwickeln, sondern Verhandlungsstrategien üben.

Oft sei es ein Kraftakt, die von ihrer Situation frustrierten Palästinenserinnen zu motivieren, erklärt Nazar. Umso glücklicher ist sie deswegen über die enge Partnerschaft mit dem Frauenzentrum in Aqabat Jaber. Das Flüchtlingslager ist längst  ein ärmlicher Vorort, wenn auch im Verhältnis zu anderen Lagern in Palästina Häuser und Straßen großzügig wirken: Während des arabisch-israelischen Krieges 1948 suchten viele PalästinenserInnen in Jericho Zuflucht – in der wärmsten Stadt der Region – und in Aqabat Jaber etablierte sich mit bald 100 000 BewohnerInnen das größte Lager. Während des Sechstagekriegs 1967 jedoch flohen viele Flüchtlinge nach Jordanien weiter. Heute leben nur noch etwa 10 000 PalästinenserInnen im Lager. Einige bereits in der vierten Generation. In den Lagern ist die Arbeitslosigkeit meist besonders hoch, genauso wie die Geburtenrate.

Ein Porträt von Hanan A.
Hanan A., Mutter von sechs Kindern, hat einen Raum ihrer kleinen Wohnung zur Küche umfunktioniert: hier kocht sie mit fünf weiteren Frauen im Schichtbetrieb - und versorgt zwei Schulkantinen mit Essen.
Eine Imkerei
Erfolgreich im Bienengeschäft - eine Frauengruppe aus dem Dorf Al Nuweimeh produziert Qualitäts-Honig, der auch in Supermärkten guten Absatz findet.
Imkerin Fatemeh
Die 45-jährige Witwe Fatemeh leitet eine sehr erfolgreich Frauengruppe. Hier bei einem Kampagnen-Workshop zu Verhandlungsstrategien.

Seit 1948 hilft die YWCA hier Frauen und Kindern, sich zurechtzufinden. „Sie nennen uns ihr zweites Zuhause“, sagt Nazar. Eine kleine Erfolgsstory ist Hanan Amash. Eine rührige 44-Jährige mit sechs Kindern, die kein Training der YWCA verpasst hat. Längst hat sie ein Zimmer in ihrem kleinen Haus zur Küche umfunktioniert, aus der es jeden Morgen dampft und duftet. Mit fünf weiteren Frauen kocht und bäckt sie hier in Schicht, um mit dem Essen zwei Schul-Kantinen in der Stadt zu beliefern. Insgesamt versorgt Hanan sieben Angestellte mit dem Mindestlohn.

Sie nennen uns ihr zweites Zuhause.
Nazar Halteh, Geschäftsführerin der "Young Women‘s Christian Association"

Einige Frauen im Lager stellen Maftul her, die beliebten Getreide-Kügelchen werden nun in einer hübschen Packung verkauft, darauf das sternfömige Fenster des antiken Hishams Palasts, Jerichos archäologischem Highlight. Das macht mehr her in den Geschäften als die dünnen Plastiksäckchen die vorher als Packung dienten.

Das Projekt wird gefördert durch die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit.

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