Stimmt's? Mythen & Märchen

Ist Bildung der Schlüssel gegen soziale Spaltung?

Bildung kann viel, aber nicht alles leisten.

04.09.2015
Schüler des Montessori Kindergartens lernen gemeinsam
Spielend lernen im Montessori-Kindergarten © Ulrike Wieser / Diakonie Bildung

So hat Finnland Spitzenwerte beim Schulerfolg sozial benachteiligter Kinder, aber trotzdem eine hohe  Jugendarbeitslosigkeit. Die beste Schule nützt nichts, wenn die Übergänge zum Arbeitsmarkt mangelhaft sind oder Jobs fehlen. Bildung führt nicht automatisch zu sozialem Aufstieg. Wo Wissen zum ausschlaggebenden Faktor im Wettbewerb wird – Stichwort Wissensgesellschaft –, da verschärfen sich soziale Ungleichheiten.

Bildung als individuelles Hochrüstungstool im Wettkampf vergrößert die soziale Spaltung. Es geht immer auch darum, ob Bildung am Arbeitsmarkt „verwertbar“ ist. Tausende müssen in Österreich weit unter ihrer Qualifikation arbeiten.

Schlüssel und Schloss

Deutsch lernen sei der Schlüssel zur Integration, heißt es. Die Sache ist aber komplizierter, sonst müssten die Jugendlichen in den Pariser Vorstädten bestens integriert sein, sprechen sie doch tadellos Französisch. Es fehlt an Jobs, Aufstiegsmöglichkeiten, Wohnraum, Netzwerken.

Ein Schlüssel braucht immer auch ein Schloss. Die einen investieren nur in Schlüssel, die anderen nur in Schlösser, und dann wundern sich alle, dass die Türen nicht aufgehen.

Zwei kleine Kinder sitzen auf einem Teppich und spielen. (Foto: Wieser/Diakonie Bildung)
Bildung soll jedem Kind Chancen für eine bestmögliche Entwicklung bieten. © Wieser / Diakonie Bildung

Untersuchungen zeigen: Für MigrantInnen ist die Verwertung der Bildung ein größeres Problem als die Bildung selbst. Vom gesamten sozialen Unterschied zwischen der Bevölkerung, die ihre Bildung in Drittstaaten erworben hat, und der Bevölkerung mit im Inland geborenen Eltern ist nur ein Drittel auf den Unterschied in der Bildung zurückzuführen. Zwei Drittel dieses sozialen Unterschieds sind – bei gleicher Bildung – durch ungleiche Chancen am Arbeitsmarkt verursacht.

Geschlecht, Alter, Aussehen, Auftreten und Akzent: Das entscheidet bei Bewerbungen.

Lernmaterialien fürs Rechnen (Bildnachweis: Ulrike Wieser / Diakonie Bildung)
Spielend lernen im Montessori Kindergarten © Wieser / Diakonie Bildung

Die Unterschiede werden deutlich. Wir sind es gewohnt, andere sozial einzuschätzen: Wie reden sie, wie sind sie angezogen, was lesen sie, was sehen sie im Fernsehen, was essen sie, welche Musik hören sie, welches Auto fahren sie?

„Bildung hört man mehr, als man sie sieht. Den materiellen Besitzstand sieht man dagegen eher, als dass man ihn hört“, bringt es der Sozialwissenschafter August Gächter auf den Punkt. Bei Bewerbungsgesprächen spielt die „gehörte Bildung“ mit Namen und Akzent die größte Rolle, dann erst kommt die wirkliche Qualifikation. Versuche mit unterschiedlichen Absendernamen bei Bewerbungsbriefen haben gezeigt, wovon Einladung oder Desinteresse abhängen: Michael ja, Mustafa nein.

Druck nach unten

Die Nachfrage nach gering qualifizierten Tätigkeiten ist größer als die Anzahl an Menschen mit geringen Qualifikationen, die zur Verfügung stehen. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Niedriglohnsektor hat eine mittlere Ausbildung. Es gibt einen Überschuss an mittleren Ausbildungen und zu wenig Geringqualifizierte für die zahlreichen „unteren“ Jobs.

Wenn davon gesprochen wird, dass Bildung die soziale Frage löst, dann muss auf den Widerspruch in Bezug auf die große Nachfrage im Niedriglohnsektor verwiesen werden. Und es muss der Druck zur Sprache kommen, der mittlerweile besser Gebildete dazu zwingt, im untersten Sektor zu arbeiten.

Darstellung von WIssen als Glühbirne

Faktencheck

Soziale Mobilität: Bildung wird vererbt

Nur 6,5 % der Studierenden kommen aus Familien, in denen beide Elternteile höchstens einen Pflichtschulabschluss aufweisen. Der Anteil der Studierenden, die aus reinen Akademikerfamilien stammen, beträgt jedoch 17,8 %.

28 % der österreichischen Erstimmatrikulierten an öffentlichen Universitäten haben einen Akademiker zum Vater. Bei 59 % ist auch die Mutter Akademikerin.