Von Gott und der Welt

Im Schatten des Zaunes

Am Gottesdienst in Ciudad Juarez, den Papst Franziskus feierte, nahmen mehr als 200.000 Gläubige teil. Der Altar stand in 80 Metern Entfernung vom Grenzfluss und dem dahinter hochgezogenen Sperrzaun zu den USA.

20.02.2016
Ein abgenutztes Paar Schuhe in schwarz weiß
Ohne Schuhe kommt man nicht ans Ziel. (Foto: Pixabay)

Vor der Messe ging der Papst nahe an den Zaun, wo ein Holzkreuz an die vielen Menschen erinnert, die beim Grenzübertritt ihr Leben verloren haben.

Dort segnete er in aller Stille ein Paar Turnschuhe eines namenlosen lateinamerikanischen Migranten, der an der Grenze gestorben war.

Eine berührende Geste. Denn Schuhe sind das Wichtigste, das Flüchtlinge besitzen. Wer Glück hat, hat Sneakers. Doch man nimmt, was man bekommen kann. Hauptsache, die Schuhe sind noch robust und sie tragen auf dem Weg der Hoffnung. Schuhe werden bewacht wie der eigene Augapfel. Mehr noch als die Kleidung, die man am Leibe trägt, als das provisorische Zelt gegen die Hitze des Tages oder die Decke gegen die Kälte. Denn ohne Schuhe kommt man nicht ans Ziel.

Der Papst segnete die Schuhe und er nannte das Elend, das im Schatten des Zaunes geschieht, beim Namen: die Toten, die Opfer des Menschen- und Drogenhandels, der Gewalt und der Armut. Gleichzeitig bat er auch um die Gabe der Umkehr, die Gabe der Tränen.

Es ist die Zeit der Umkehr, es ist die Zeit der Rettung, es ist die Zeit der Barmherzigkeit
Papst Franziskus

so Franziskus. Die Zäune, die Menschen trennen, dürfen nicht das letzte Wort behalten und Schuhe nicht das einzige sein, worauf man seine Hoffnung setzen kann.

„Von Gott und der Welt", die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung.