Von Gott und der Welt

Im Licht der ersten Kerze

Lauter „Sozialfälle“ versammelten sich unter dem Adventkranz. Waisenkinder, Taschendiebe, Straßenkinder, Obdachlose, kleine Bettlerinnen. Es war noch dunkel, frühmorgens am ersten Advent des Jahres 1839, als der junge Erzieher und evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern die erste Kerze an einem Wagenrad entzündete und damit die Tradition des Adventkranzes begründete.

26.11.2016
großer Adventkranz mit 24 Kerzen vor dem Wiener Rathaus
Heuer hat der Advent 28 Tage

Die „Sozialfälle“ lebten im Rauhen Haus, einem Kinderdorf der Diakonie in Hamburg. Im schwachen Schein der ersten Kerze konnte man sehen, wer da unter dem Kranz saß. Da war die kleine Marie, die Mutter gestorben, der Vater auf See, mit der schönen Stimme und neben ihr Hans mit den langen Fingern, der bekannt gewesen war als Taschendieb auf der Reeperbahn, der sich aber auch so geschickt anstellte in der Lehre bei Tischler Brooks. Und Elke traute sich kaum, hinauf zum Licht zu schauen, war sie doch noch den demütig bettelnden Blick gewohnt, denn nur dann gaben ihr die Passanten ein paar Groschen.

Niemand ist ein Sozialfall, niemand ist nur ein Mindestsicherungsbezieher oder Flüchtling. Menschen sind mehr, viel mehr als ihre sozialen Probleme. Daran erinnert uns der Adventkranz seit 1839.
Michael Chalupka

Im Licht der Kerze des ersten Adventkranzes, da verwandelten sich all die „Sozialfälle“ in Kinder – in Kinder mit aufgeweckten hoffnungsvollen Gesichtern, die ihre Zukunft wieder vor sich hatten. Die „Ja“ sagen konnten zu ihrem Leben. Was damals galt, das gilt auch heute. Niemand ist ein Sozialfall, niemand ist nur ein Mindestsicherungsbezieher oder Flüchtling. Menschen sind mehr, viel mehr als ihre sozialen Probleme. Daran erinnert uns der Adventkranz seit 1839.

„Von Gott und der Welt"

Die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung