Heidrun Jannachs Geschichte der Hoffnung

„Ich bleibe dort, solang ich gebraucht werde“

Heidrun Jannach: Meine Aufgabe ist es, unglücklich verwirrte Menschen in ihrer besonderen Lebenssituation zu begleiten.

08.11.2014
Frau Jannach, ein Porträtbild
Heidrun Jannach betreut Menschen mit Demenz (Bild: Christian Stemper)

Ich bin seit vielen Jahren in der evangelischen Kirche engagiert und betreue seit 2011 Menschen mit Demenz. Das Bild des desorientierten Menschen war mir seit Kindheit vertraut. Damals bei meiner Großmama war diese Krankheit noch kaum erforscht. Aber ich musste keine besonderen Schwellen überwinden, um mich solchen Menschen zu nähern. Als „Validatorin“, so heißt die Art der Begleitung, für die ich eine Ausbildung gemacht habe, versuche ich mich in die Schuhe der mir anvertrauten Menschen zu versetzen. Ich werde also nie versuchen, diesen Menschen einen Bezug zu unserer Realität aufzudrängen. Sie leben aber in ihrer eigenen Realität und fühlen sich sehr unverstanden und alleine. Auch zurückgestoßen. Und da mit ihnen zu gehen, mich Ihnen an die Seite zu stellen, ist meine Aufgabe.

Gestern habe ich versucht, für eine alte Dame zu singen. Sie ist 94 Jahre alt und hat ihr Sprechvermögen weitgehend verloren. Es ist leider so, dass kognitive Fähigkeiten nach und nach verloren gehen. Aber das Emotionale bleibt den Menschen vollkommen erhalten. Also muss man sich ihnen auf der emotionalen Ebene nähern. Und Musik kann da sehr hilfreich sein. Die Dame hat mit mir mitgesunden, und danach hat sie einen Satz gesagt:

Gell du hilfst mir, dass ich noch ein bissl dableiben kann…

Solche Momente sind sehr bewegend. Da weiß ich dann, wofür ich dort sitze. Weil sich die Menschen sonst völlig verloren fühlen.

Eine meiner Trainerinnen hat gesagt, mit jedem unserer Gespräche bauen wir eine kleine Insel im Meer der Einsamkeit. Vielleicht können wir zwischen diesen Inseln auch Brücken bauen. Dann wird der innere Erlebnisraum dieser Menschen etwas weiter, etwas heller.

Eine Dame, mit der ich lange beisammen war, hat unglaublich mit ihrer Situation gekämpft. Sie hatte den Wandertrieb. Das ist nur zu verständlich: Diese innere Unruhe bedeutet „Ich will nicht hier sein, ich will in mein altes Leben zurück“. In der Pflege gelten solche Menschen oft als die „lästigen Patienten“. Ich hab sie auf dem langen inneren Weg begleitet. Eines Tages bin ich zu ihr gekommen, sie hat mich angeschaut, und ich hab nur gesagt: „sehr nachdenklich heute“. Darauf sagt sie, die kaum noch jemals sprach: „Ja, denken tu ich viel, hast mir ja geholfen dabei“ Ich antwortete: „Was beschäftigt Sie jetzt sehr?“ Und sie: „Nur Schönes!“ Da war ich sehr dankbar. Sie hatte so eine innere Arbeit geleistet, dort hinzukommen. Davor dachte sie alle Menschen seien böse, fremde Männer stiegen durch ihr Fenster ein, die Krankenschwester schütte ihr Wasser ins Bett. Und so fort. Und jetzt dachte sie nur mehr Schönes! Das gibt mir ein gutes Gefühl, ein Gefühl der Dankbarkeit.

Den Begriff „Hoffnungsträgerin“ finde ich sehr schön. Ich denke, Hoffnungsträger erkennen die Bedürfnisse und Nöte von Menschen und stellen sich an ihre Seite. Und sie bleiben dort, solang sie gebraucht werden.

Hoffnung definiert sich für mich auch über Solidarität. Sie bedeutet für einander da zu sein. Hoffnung geben kann ich nur über meine Nähe zu anderen Menschen. Hoffnung ist ein Lebensmittel. Hoffnung macht das Leben möglich. Und Hoffnungsträgerinnen dürfen diese Lebensgrundlage vermitteln.

Über die Kampagne: #Hoffnungsträger werden

Die Diakonie ist Hoffnungsträger für Frau Jannach. Frau Jannach ist Hoffnungsträgerin für uns.
Jeder und jede kann HoffnungsträgerIn sein. Unterstütze die Arbeit der Diakonie mit einer Spende oder deinem ehrenamtlichen Einsatz.
Weitere Infos zur Kampagne unter: http://hoffnungstraeger.diakonie.at