Von Gott und der Welt

Herr über die Toten

Fast 300 Menschen hat der gescheiterte Putsch in der Türkei das Leben gekostet. Darunter neben Putschisten, auch einfache Soldaten, Zivilisten und Anhänger Präsident Erdogans.

23.07.2016
Brennende Kerzen in einer dunklen Umgebung (Foto: Pixabay)
Bild: Pixabay

Jede und jeder einzelne von ihnen hinterlässt Angehörige. Väter und Mütter weinen um ihre Kinder, Söhne und Töchter um Vater und Mutter. In der Trauer und im Tod sind alle gleich.

In der Folge hat die türkische Regierung den Ausnahmezustand erlassen und die Menschenrechte befristet außer Kraft gesetzt. Man verhalte sich nicht anders als Frankreich, das ebenfalls als Reaktion auf den Terror den Ausnahmezustand ausgerufen habe.

Die Toten werden begraben. Beim Begräbnis enger Vertrauter des Staatschefs, weinte Recep Tayyp Erdogan. In der Trauer sind alle gleich.

Die „getöteten Putschisten“ dürfen allerdings keine religiöse Bestattung bekommen, ordnete die türkische Regierung an. Mehmet Görmez, der Leiter der Religionsbehörde Diyanet, meinte die Putschisten hätten den „Freispruch und die Gebete“ ihrer Glaubensgeschwister nicht verdient.

In der Trauer und im Tod sind alle gleich.

Recep Tayyp Erdogan beansprucht nicht nur die Macht über die Lebenden, sondern auch die Macht über die Toten. Trauernde Familien werden bestraft. Wer dem unterlegenen Gegner das Begräbnis verweigert, will den anderen ganz auslöschen, nicht nur physisch, sondern auch jegliche Erinnerung soll vom Erdboden getilgt werden. Doch dieser Versuch ist noch nie gelungen, denn Erinnerungen kann niemand beherrschen.

„Von Gott und der Welt"

Die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung