Freiwillig für Geflüchtete

Harald - der Lernbuddy

Harald Zuderell unterrichtet Jugendliche mit Fluchthintergrund in Deutsch. Wir haben den engagierten Freiwilligen in der Jugendberatungsstelle MOZAIK des Diakonie Flüchtlingsdienstes zum Interview getroffen. 

11.06.2018
Seit zwei Jahren ist Harald Zuderell als Lernbuddy und Deutschtrainer aktiv.

Wie bist Du dazu gekommen, bei der Diakonie als Freiwillige zu arbeiten?
Im Rahmen der großen Fluchtbewegung 2015 hatte ich damals die Idee, mich zu engagieren.Ich habe aktiv im Internet recherchiert, wo man Deutsch freiwillig für Flüchtlinge unterrichten kann. Im März 2016 habe ich dann begonnen

Was machst Du genau? Was ist Deine Aufgabe?
In der Jugendberatungsstelle MOZAIK des Diakonie Flüchtlingsdienstes unterrichte ich seit April 2016 Geflüchtete in Kleingruppen in Deutsch. Einige Zeit war ich auch als Lernbuddy aktiv und habe mit einzelnen Jugendlichen Mathematik gelernt.

Wie ist es dir mit den Begegnungen gegangen/geht es dir damit?
Sehr gut, es waren viele interessante Begegnungen dabei und sind es nach wie vor.

War/ist etwas für dich fremd oder neu?
Ich kenne Erwachsenenbildung, aber eher im akademischen Bereich. Für mich war es ungewohnt Menschen zu unterrichten, die nicht eine der Sprachen sprechen die ich spreche sondern z.B. Persisch, Arabisch oder Somali. Es hat lang gedauert, bis ich gemerkt habe, wie schwer es eigentlich ist, eine so fremde Sprache wie Deutsch zu erlernen, oft ohne Vorbildung. Manche TeilnehmerInnen haben auch Probleme mit der Schrift – das macht das Erlernen der Sprache noch schwieriger.

Was macht dir besondere Freude?
Ich kann hier kein einzelnes Beispiel herauspicken. Besondere Freude macht es aber, wenn es Lernerfolge gibt und die gibt es in jeder Lerneinheit. Beeindruckend ist auch die erstaunlich positive Lebenseinstellung vieler Geflüchteter trotz sehr schwieriger Bedingungen und Lebensumstände.

Gab es Herausforderungen, die du/ihr bewältigen musstet?
Eine Herausforderung ist sicher, dass viele nicht richtig lernen gelernt haben. Schulisches/Bewusstes/Aktives Lernen ist oder war kein Teil ihrer Erfahrungswelt. Anfangs ist es auch schwer herauszufinden, wo jemand lerntechnisch steht, wenn man nicht mit ihm sprechen kann.

Herausfordernd ist auch den jungen Menschen ein wenig mehr Selbstdisziplin und strukturiertes Arbeiten zu lernen, ohne dabei mich oder sie zu überfordern. Das ist sehr wichtig, aber da ist jeder anders. Ich bin z.B. eher chaotisch. Junge Menschen meistens auch. Für die Jugendlichen muss ich aber den Stoff strukturieren, aufbereiten und in kleinen Blöcken präsentieren. Daran muss ich weiterhin arbeiten. Da bin ich auch froh, dass ich jetzt Zeit dafür habe und entdecken kann, wie ich mich dabei fühle, wenn ich anderen etwas beibringe.

Im Sprachunterricht spielt auch Motivation und Emotion eine sehr große Rolle - das liegt mir von meinem Naturell nicht immer so. Eine Herausforderung war auch, die eigenen Bedürfnisse zurück zu nehmen und eine selbstlose Haltung einzunehmen – nicht was ich brauche sollte im Vordergrund sein, sondern was die SchülerInnen brauchen.

Wie ist das gelungen?
Mit der Zeit kommt die Erfahrung. Bei MOZAIK haben wir eine gute Lernumgebung, ich bin nicht unter Druck und kann mich ausprobieren. Beim Unterrichten habe ich auch gemerkt, was ich noch brauche und was erforderlich ist. Ich habe dann auch eine Ausbildung zum Deutschtrainer gemacht – das wollte ich schon lange tun.

Ist Dir ein Erlebnis besonders in Erinnerung geblieben?
Es gibt sehr viele Erinnerungen und gibt es jedes Mal wieder schöne Erlebnisse, zum Beispiel, wenn wir gemeinsam Lieder im Kanon zu singen versuchen, wie Bruder Jakob. Das ist dann sehr lustig.

Wie war dein Kontakt zu MitarbeiterIinnen der Diakonie in der Zeit?
Durchwegs positiv, es ist eine angenehme Arbeitsumgebung, es gibt Austausch und Feedback. In der Schule wurde es auch explizit gesagt und immer wieder bestätigt, dass ich gute Arbeit leiste und man erfährt viel Wertschätzung. Es gibt auch eine Weihnachtsfeier und viele freundliche Gesten, die Wertschätzung ausdrücken und auch Informationsveranstaltungen. Hilfsorganisationen wie der Diakonie Flüchtlingsdienst bieten die Möglichkeit, das Potential der Gesellschaft zu nutzen und auf Schiene zu bringen.

Gab es Austausch, oder hast Du das alleine bewältigt?
Ich kann immer mit Anliegen kommen, es gibt eigentlich konstant Austausch, da die Deutschgruppen direkt in der Jugendberatungsstelle abgehalten werden.

Wie hat Dein Umfeld darauf reagiert? Welche Rückmeldungen hast Du bekommen?
Die meisten eigentlich positiv, manche reagieren reservierter. Es wissen aber auch nicht alle Menschen in meinem Umfeld, dass ich das tue - ich gehe damit nicht hausieren. Direkte negative Rückmeldungen gab es aber bisher noch nicht.

Warum macht man sich eigentlich diese Mühe? Warum stellst Du Dich und Deine Zeit zur Verfügung? Was motiviert dich dazu?
Ich habe in der Vergangenheit verschiedenen Organisationen Geld gespendet. Jetzt als Frühpensionist spende ich weniger Geld, dafür ist es mir ein Bedürfnis, meine Zeit, mein Wissen und meine Erfahrungen sinnvoll zu nützen und zur Verfügung zu stellen und auch meine Kräfte und mein Potential zu entwickeln und wach zu halten. Bei MOZAIK bietet sich mir diese Möglichkeit. Und natürlich geht es auch darum, anderen Menschen zu helfen und zu unterstützen.

Für mich ist es eine echte Bereicherung.
Harald Zuderell

Hast du das Gefühl, du hast etwas für dich gewonnen?
Ja, das finde ich schon. Ich entwickle mich als Lehrer noch immer ständig weiter und ich gewinne auch für mich, dass ich etwas Sinnvolles mache.Ich spiele Gitarre, singe und meditiere, auch das macht mich total glücklich. Aber dabei geht nichts nach außen, es wird nichts produziert, und das ist bei der freiwilligen Arbeit mit den Jugendlichen schon gegeben.

Hast du etwas gelernt?
Ich habe gelernt, dass Sprachen lernen eine sehr emotionale Sache ist und dass es immer eine starke Herausforderung bleibt, ein Vermittler von Freude zu sein, um die Sprache dadurch besser unterrichten zu können.

Würdest du sagen, es hat sich gelohnt/lohnt sich?
Es lohnt sich ganz sicher. Ich wüsste keine bessere Beschäftigung für mich im Moment.

Würdest Du es FreundInnen empfehlen, sich auch als Buddy zu engagieren?
Wenn man etwas Neues machen und sich engagieren will, dann ist es eine tolle Möglichkeit. Natürlich muss man einmal ausprobieren und herausfinden, ob es einem liegt. Aber wer die Zeit und die Möglichkeiten dafür hat sollte darüber nachdenken. Für mich ist es eine echte Bereicherung. Wie schon gesagt, auch Gitarre spielen und meditieren gefallen mir, aber das ist kein Beitrag zur Gesellschaft. Das Unterrichten schon. Genau das gibt mir ein gutes Gefühl und die Gesellschaft kann im Moment engagierte und hilfsbereite Menschen und deren Beitrag auch wirklich brauchen.

Wenn Sie sich auch im Diakonie Flüchtlingsdienst einbringen möchten freuen wir uns auf ihre Kontaktaufnahme unter freiwillig@diakonie.at.