Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind Kinder wie alle anderen Kinder auch

Halbe Kinder gibt es nicht

Kinder, die ohne ihre Eltern aufwachsen müssen, haben es sehr oft gar nicht leicht. Sie brauchen ein liebevolles Umfeld, sie brauchen Bezugspersonen, die sie begleiten und sie brauchen auch einen Beistand, der schaut, dass sie all das, was ein Kind zur Entwicklung braucht, auch bekommen:

01.06.2016
Jugendliche lernen im Bildungszentrum BACH der Diakonie
Im Diakonie-Bildungszentrum BACH erhalten Jugendliche eine Chance auf Ausbildung (Foto: Nadja Meister/Diakonie Flüchtlingsdienst)

Entsprechende Kleidung, gesunde Ernährung, eine sinnvolle Freizeitgestaltung, Zugang zu Bildung und Ausbildung. Im Unterschied zu allen anderen Kindern in Österreich bekommen Flüchtlingskinder das alles nicht, oder nur halb, so als wären sie nur halbe Kinder, mit halben Bedürfnissen, halben Hoffnungen und einer halben Zukunft.

Der Großteil der unbegleiteten Minderjährigen in Österreich stammt aus Afghanistan. Sie alle werden hier einen Schutzstatus bekommen, sie werden alle bleiben. Nur ein Bruchteil der älteren Jugendlichen kann nach Ende der Schulpflicht eine Ausbildung absolvieren. Insgesamt sind es nach einer IFES-Studie im Auftrag der Österreichischen Bundesjugendvertretung nur 14 Prozent, die eine Lehre oder eine Ausbildung absolvieren. Nur 31 Prozent besuchen eine Schule (Neue Mittelschule oder Polytechnischer Lehrgang). - Der große Rest sitzt auf der Bettkannte seiner/ihrer wenig bis gar nicht adäquaten Unterkunft und wartet aufs Erwachsenwerden.

Das ist nicht nur extrem kurzsichtig, das ist auch dumm!

Betreuungssystem stiehlt tausenden jungen Menschen ihre Zukunft

Was Jugendlichen, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben als Essen, Schlafen und Warten, alles einfällt, brauche ich nicht extra auszuführen. Ich bin aber felsenfest davon überzeugt, dass das keine Frage der Herkunft ist!

Dieses Betreuungssystem stiehlt nicht nur tausenden jungen Menschen ihre Zukunft, sondern es beraubt Österreich auch eines Potenzials junger hochmotivierter künftiger Facharbeiter*innen und qualifizierter Arbeitskräfte, die sich ein neues Leben aufbauen wollen.

Deshalb müssen sie raus aus diesem unleidlichen Parallelsystem der Grundversorgung! Raus aus dieser Mangelverwaltung, die oft eher eine Verwahrung als eine Betreuung ist!

Von den derzeit 6.350 Unbegleiteten Minderjährigen in Grundversorgung sind immer noch 1.350 in Bundesbetreuungsquartieren untergebracht. Sie haben dort keine Einzelbetreuung, kaum Beschäftigungsmöglichkeiten, meist keinen Zugang zu Bildungsangeboten, keinerlei Privatsphäre, ja oftmals nicht einmal einen Kasten, in dem sie persönliche Gegenstände aufbewahren könnten.

Raus aus dieser Mangelverwaltung, die oft eher eine Verwahrung als eine Betreuung ist!
Christoph Riedl, Asylexperte der Diakonie

Sie werden vor der Zulassung zum Asylsystem (während des Zulassungsverfahrens) in diesen schlecht betreuten Bundesquartieren untergebracht, obwohl sämtliche für die Kinder und Jugendhilfe relevanten Gesetze, und auch die Bundesverfassung keine unterschiedliche Behandlung von österreichischen Kindern und Kindern ohne Staatbürgerschaft vorsehen. Auch das EU Recht sieht zwingend vor, dass den Minderjährigen unmittelbar ein Vertreter beizustellen ist, der das Wohlergehen und die soziale Entwicklung des Minderjährigen sicherstellt. Dieses EU Recht wurde in Österreich aber nicht umgesetzt.

Zulassungsverfahren bei Flüchtlingskindern heißt vor allem: Warten auf die Altersfeststellung! Die Asylbehörde steigt erst in das inhaltliche Verfahren ein, wenn das Alter festgestellt wurde. Eine Unterbringung in der Landesgrundversorgung erfolgt auch erst nach der Altersfeststellung, die derzeit viele Monate in Anspruch nimmt.

Der Grundsatz: Im Zweifel für den Jugendlichen gilt hier nicht! Lieber werden alle schlecht versorgt, als man riskiert einmal jemandem „zu Unrecht“ eine bessere Betreuung angedeihen zu lassen, weil diese für Erwachsene nicht vorgesehen ist. Das ist mehr als zynisch, ist aber österreichische Praxis.

Es ist daher höchste Zeit diese – zudem ungesetzliche – Parallelstruktur zu beenden

Es gibt in Österreich ja eigentlich eine klare Zuständigkeit und Behördenstruktur für die Versorgung und Betreuung von Kindern in Notsituationen: Die Kinder- und Jugendhilfeabteilungen der Bundesländer!

Sie sollten und müssen die Verantwortung für die Flüchtlingskinder und zu den gleichen Unterbringungsstandards wie für österreichische Kinder übernehmen. Damit soll endlich Klarheit geschaffen werden, dass die Verantwortung für das Kindeswohl ab Beginn des Aufenthalts im Bundesgebiet bei den Jugendbehörden liegt.

Finanzierung, Aufsicht, Kontrolle der Auflagen muss der Kinder- und Jugendhilfe obliegen. Aus den Mitteln der Grundversorgung sollte ein Kostenbeitrag geleistet werden. Auch die aktuell 1.350 in Verwahrung des Bundes im Bereich der Erstaufnahmestellen befindlichen Jugendlichen müssen umgehend in den Verantwortungsbereich der Länder übernommen werden, auch wenn ihre Verfahren nicht zugelassen sind.

Wir NGOs sind bereit, an einem solchen neuen System mitzuwirken. Nur muss es ein System sein, das für sämtliche Kinder, unabhängig von ihrer Herkunft, gleiche Bedingungen schafft und für alle altersgemäße Entwicklungsmöglichkeiten bietet. So wie es Abdi geschafft hat, können es alle schaffen. Wenn wir sie lassen!

Logo der Kampagne „Keine halben Kinder!"

Kampagne „Keine halben Kinder“ kämpft für Kinderrechte

Minderjährige Flüchtlinge werden in wesentlichen Bereichen des Lebens wie Gesundheit, Bildung, Entwicklung, Betreuung sowie Teilhabe in ihren Rechten beschnitten. Auf diese Ungleichbehandlung aufmerksam zu machen, ist das Ziel der Kampagne „Keine halben Kinder“, die von mehr als 45 Organisationen gemeinsam unterstützt wird. Mehr Informationen zur Kampagne gibt es hier online!