Von Gott und der Welt

Grant fasten

„Die Seele eines Landes, zeigt sich in den Gesichtern der Menschen!“ Der Satz ist mir hängengeblieben. Ich habe ihn auf einem Plakat im Vorbeigehen gelesen. Wer oder was damit beworben wurde, habe ich gleich wieder vergessen.

13.02.2016
Ein Porträt von Diakonie Direktor Michael Chalupka (Foto: Luiza Puiu)

Doch was für eine schöne Idee. Schon des Morgens im Spiegel, blickt einem ein zwar noch verschlafenes aber neugieriges Gesicht entgegen, das bereit ist den Tag zu entdecken. Im Bus oder in der U-Bahn sitzen dann Menschen, die beim Einsteigen einen kleinen Gruß murmeln, oder einander gar zu lächeln. Was wär das für ein schönes Land.

Meine Freundin Gerhild hat mir erzählt, wie sie die heurige Fastenzeit verbringen will. Sie will Grant fasten. Sie nimmt sich vor: Heute soll ein Tag ohne Grant sein. Zuerst einmal will sie hinschauen und hinhören und irgendetwas Positives bemerken. Nicht zuerst das Negative.

Aufstehen, zur Arbeit fahren, im Stau stehen, lästige Telefonanrufe, beim Einkaufen an der Kasse warten. Heute macht mir das alles nichts aus. Ich versuche die Momente, Begegnungen und Augenblicke fröhlich und gelassen zu sehen.

sagt sie.

Bis jetzt hat sie durchgehalten und neben manchem verstörten Blick, ob so viel der Freundlichkeit, auch schon hin und wieder eine Lächeln geerntet. Von Entzugserscheinungen hat sie noch nicht berichtet. Der Grant geht ihr noch nicht ab. Wer weiß, vielleicht finden sich ja noch andere, die Grant fasten möchten. Der Seele des Landes würde solches Fasten ganz sicher gut tun.

„Von Gott und der Welt", die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung.