Eine entwicklungsfördernde Beziehung ist der Schlüssel zum Lernen.

Erfolgreich lernen in sicherer Bindung

An der Neuen Mittelschule in Vöcklabruck engagieren sich ein Lehrer und zwei Schulassistentinnen besonders für schwierige Kinder, indem sie mit „Bindungsgeleiteten Interventionen“ arbeiten. Erste Erfolge zeigen sich, wenngleich sie für diese Arbeit einen langen Atem brauchen.

06.03.2017

Wolfgang Böhm ist Pädagoge an der Neuen Mittelschule. Zur Ausbildung von Henri Julius ist er über seine Frau gekommen. Irene Böhm arbeitet als Schulassistentin an derselben Schule. Sie ist schwärmend von einer Fortbildung zum Thema „Bindungsgeleitete Interventionen“ nach Hause gekommen: „Ich war berührt und begeistert und für mich war klar: Das wäre was für Wolfgang“.

Falsches Lehrerverhalten

Wolfgang erzählt: „Ich bin sehr bewegt, aber auch irritiert von meiner ersten Julius-Fortbildung zurückgekehrt. Mir war plötzlich klar, welche meiner bisherigen Verhaltensweisen nicht hilfreich waren. Ich hatte damals fünf schwer traumatisierte Kinder in meiner Klasse. Ich habe sehr intuitiv gearbeitet. Das ist aber falsch. Immer wenn ich aus dem Bauch heraus reagiere, steige ich auf das Beziehungsmuster des Kindes ein.“

Für Lehrkräfte und Schulassistentinnen besteht das Problem darin, dass Kinder ihre Beziehungserfahrungen im Elternhaus mit in die Schule bringen und auf sie übertragen. Ein Kind, das zuhause zurückgewiesen wird, erwartet das auch von den Bezugspersonen in der Schule und setzt die gleichen Strategien ein. „Das provoziert bei den meisten Lehrern ein Verhalten, das den primären Bindungsfiguren ähnelt." Bindungsgeleitete Interventionen durchbrechen diese Spirale und sollen eine entwicklungsfördernde Beziehung aufbauen.

Gruppenbild mit Irene Böhm (Schulassistentin), Wolfgang Böhm (Pädagoge), Martina Mülheimer (Schulassistentin)
Das engagierte Team des Diakonie Zentrum Spattstraße v.l.n.r.: Irene Böhm (Schulassistentin), Wolfgang Böhm (Pädagoge), Martina Müllehner (Schulassistentin)

Mit viel Einsatz ist es Wolfgang Böhm trotz Hürden und Widerstand gelungen, das Projekt „Klasse der nächsten Generation: Erfolgreich lernen in sicherer Bindung“ auf die Beine zu stellen. Im Februar vor drei Jahren wurde mit der ersten Klasse gestartet. Von der Bildungsregion Vöcklabruck werden dafür zusätzlich zwei Lehrerstunden und von der Landesbildungsdirektion zwei Assistenzstunden pro Woche finanziert. Martina Müllehner ist Schulassistentin in dieser Schulklasse. Auch in der Klasse, in der Irene Böhm als Schulassistentin im Einsatz ist, wird das Projekt umgesetzt.

Im Spiel Neues probieren

Besonders hilfreich ist für den Pädagogen und die beiden Assistentinnen das Szenische Spiel, bei dem mit den Kindern Interaktionen aus der Schule, der Familie oder dem Freundeskreis gespielt und reflektiert werden. Beziehungsmuster können damit auf spielerische Art und Weise verändert werden. Einmal durchgespielt können neue Verhaltensweisen leichter auf reale Beziehungen übertragen werden. Es ist eine Methode, mit allen Sinnen zu lernen. „Julia (11 Jahre) hat eine Mutter gespielt und Irene die Tochter, die sich beim Inline-Skaten verletzt hat. Julia hat die Tochter in ihrer Rolle wüst beschimpft. Wochen später entsteht in einer dieser Spielstunden eine Szene, die ein konstruktives Verhalten zeigt. Wieder ist Julia die Mutter. Die Tochter kommt mit schlechten Noten heim. Statt sie zu beschimpfen, fordert sie die Tochter auf, sich erstmal hinzusetzen und schlägt vor, Spaghetti für sie zu kochen. Das sind goldene Momente, die wir nicht oft haben“ freut sich Wolfgang Böhm.

Belastendes loswerden

Wenn sich die Kinder öffnen, erleben die drei, dass ihre bindungsgeleitete Arbeit fruchtet: „Wir hatten Wandertag. Kevin, ein als besonders schwierig geltender Schüler, der schon von mehreren Schulen geflogen ist, hat mir bereits zwei Stunden lang die Ohren vollgelabert. Der Weg ging durch den Wald und wir kamen zu einem Kreuzweg. Plötzlich lief der Junge los und drosch mit voller Wucht auf die Jesusdarstellung ein. Was mach ich da als Lehrer? Das Hirn rattert. Der erste Gedanke war: Gott sei Dank ist kein Pilger in der Nähe. Dann kam die Frage: Was hab ich gelernt? Als Kevin und ich wieder aufeinandertrafen, hab ich zu ihm gesagt: ‚Du, gell, auf den hast Du einen großen Zorn.’ Kevin hat erwidert: ‚Ja, der hat genau gewusst, meine Mama hat Krebs und er hat nix getan. Er hat zugeschaut und geseh’n wie meine Mama krepiert.’“

 

Durch die Bindungsarbeit öffnen sich die Kinder und erzählen Dinge, die sie belasten und die das Lernen behindern.

Durch die Bindungsarbeit öffnen sich die Kinder und erzählen Dinge, die sie belasten und die das Lernen behindern. Irene: „Die Lehrer bekommen ja viel gar nicht mit. Sie können nicht einfach sagen: Komm, wir gehen raus und Du sagst mir, was los ist. Das ist für uns Assistentinnen leichter. Vorausgesetzt, die Zusammenarbeit mit den Lehrkräften funktioniert gut.“

Worauf es ankommt

Irene, Martina und Wolfgang fassen ein paar Grundsätze zusammen, auf die es ankommt:

  • Bereitschaft zur kontinuierlichen Selbstreflexion
  • Die zentrale Frage ist: Was braucht dieses Kind?
  • Ganz individuell auf die Kinder eingehen: was bei einem Kind passt kann beim nächsten genau das Verkehrte sein
  • Feinfühlend reagieren
  • Der Fels in der Brandung sein und Ruhe bewahren
  • Auf Kontrolle nicht mit Gegenkontrolle reagieren
  • Beobachten, was den Kindern Stress macht und auf Stressreduktion achten.

Lernerfahrungen, die prägen

„Ich habe mir im Video selbst zugeschaut, wie ich einem 14-jährigen Schüler den Arbeitsplatz aufräume. Ja hallo, geht’s noch? Da schafft es ein Junge mit seinem Muster doch tatsächlich, dass ich ihm alles richte“ beschreibt Irene augenzwinkernd die Selbsterkenntnis aus der Videosequenz. Auch Martina blickt auf ihre Lernerfahrungen zurück: „In einer Klasse hat sich die Situation so aufgeschaukelt, dass ein Kind das Klassenzimmer regelrecht zertrümmert hat. Heute wüsste ich, wie ich reagieren könnte, dass es gar nicht so weit kommt. Ich könnte dazwischen gehen. Oder noch besser: ich könnte mit dem Kind aus der Klasse gehen, wenn ich merke, dass sich da etwas anbahnt.“ Wolfgang ergänzt: „Wir machen Fehler, aber wir denken darüber nach: Wie hätte ich anders reagieren können? Manchmal wissen wir mehr, als uns gelingt, umzusetzen“.

Das Projekt an der NMS ist auch für Prof. Julius ein Besonderes. Es wird daher von Doktoranden der Uni Rostock wissenschaftlich begleitet. Die Arbeit wird mit Kameras aus zwei verschiedenen Perspektiven gefilmt. Das Team in Vöcklabruck erhält präzises Feedback zum eigenen Verhalten und zum Verhalten der SchülerInnen. „Es ist nicht leicht, Lehrkräfte zu finden, die bereit sind, sich filmen zu lassen“, beschreibt Irene. Die peinlichst genaue Analyse deckt viel auf. Hier wird sie als große Lernchance genutzt.

Anmerkung: Namen der Kinder von der Redaktion geändert.