Neues Angebot

Einzelwohnbetreuung step in

Es gibt Mädchen und Burschen, die dringend Unterstützung brauchen, bei denen die Betreuung in einer Sozialpädagogischen Wohngruppe aber nicht möglich oder zielführend ist. Zu schwer ist es für sie, in einem sozialen Gefüge zurechtzukommen. Diese Jugendlichen ab 15 Jahren werden seit November 2016 in der Einzelwohnbetreuung (EWB) betreut. Von der Intention und vom Ziel dieses neuen Angebotes erzählt Leiterin Carmen Aichern. 

11.09.2017
Porträt von Carmen Aichern
Carmen Aichern, Mutter von drei Kindern, Diplomierte Behindertenpädagogin, seit 2003 in der Spatti tätig. Seit November 2016 leitet sie die "Einzelwohnbetreuung step in".

Welche Jugendlichen betreut ihr?

Es sind Jugendliche ab 15, die schon früh in ihrer Kindheit zu wenig Unterstützung und Erziehung bekommen haben. Sie sind oft schwer traumatisiert. Die Eltern konnten die Bedürfnisse der Kinder nicht wahrnehmen oder adäquat darauf reagieren. Das Lernen am Modell in der Familie war für diese Jugendlichen nicht möglich. Daher sind sie sehr ängstlich und können sich nicht leicht auf Beziehungen einlassen. Es fällt ihnen sehr schwer, jemandem zu vertrauen. Sie haben gelernt, selber die Kontrolle zu behalten. Die Defizite an sozialen Kompetenzen erschweren es zusätzlich, in sozialen Kontakten zurechtzukommen. Daher sind z.B. die Strukturen in einer Wohngruppe auch nicht passend für sie. 

Wie werden die Jugendlichen betreut?

Sehr individuell. Wir sehen uns jede/n Jugendliche/n einzeln an. Was wissen wir aus ihrer Geschichte? Welches Verhalten zeigen sie und was steckt dahinter? Welche Bedürfnisse und Ziele gibt es? Was können die Jugendlichen gut annehmen? Darauf aufbauend gestalten wir den dafür passenden Rahmen. Wir mieten Wohnungen an und besuchen und betreuen die Jugendlichen dort. Derzeit haben wir Wohnungen in der Wienerstraße in Linz, in Bad Schallerbach und in Ried/I. Zur Betreuung gehört auch, dass wir die Jugendlichen versorgen und z.B. für sie einkaufen oder kochen. Der erste Schritt ist der Aufbau einer Beziehung. Das kann lange dauern, ist aber die Basis für eine förderliche Entwicklung. Es kommt immer darauf an, was die Jugendlichen selbst bereit sind zu lernen. Diese Bereitschaft und die mit den SozialarbeiterInnen der Kinder- und Jugendlhilfe vereinbarten Ziele sind unsere Orientierungspunkte. DASEIN ist unser Hauptaufgabe. Bis die Jugendlichen merken, dass sie sich zeigen können, wie sie sind. Erst wenn die Jugendlichen das Gefühl haben, sie können die Beziehung mitgestalten und auswählen, was davon sie annehmen und was nicht, gehen Türen auf. Eine Begegnung frei von Druck macht Vieles möglich. Dann können diese jungen Menschen Verantwortungsbewusstsein für sich selbst entwickeln.

Wieviel Zeit steht Euch zur Verfügung?

Pro Jugendlichem/ Jugendlicher haben wir 60 bis 70 Stunden Zeit im Monat. Wir sind von Montag bis Samstag von 6.00 bis 22.00 Uhr erreichbar für die Jugendlichen. Wenn sich Krisen anbahnen, haben wir an Sonn- und Feiertagen die Möglichkeit einer bezahlten Rufbereitschaft. Zurzeit sind wir dabei, mit dem Wàki ein Krisentelefon aufzubauen, bei dem die Jugendlichen auch außerhalb unserer Erreichbarkeit anrufen können. 

Was braucht das Personal hier?

Neben den in den EWB-Rahmenrichtlinien festgelegten Qualifikationen wie Sozialpädagogik, Sozialarbeit usw. braucht diese Betreuung standfeste Persönlichkeiten, die gut bei sich sind und einen langen Atem haben. 

Die Fachkräfte brauchen ein Gespür dafür, wann es gefährlich wird. Suizidgefährdung, Drogenkonsum, Gewalt ... sind Themen bei uns. Die gefühlte Verantwortung ist groß in dieser Maßnahme der Vollen Erziehung. Toleranz ist eine wichtige Eigenschaft. Denn es braucht dieses Zulassen anderer Lebensweisen. Nicht jede/r hält es z.B. gut aus, wenn es in diesen Wohnungen ganz anders aussieht, als wir das von zu Hause gewohnt sind. Wer hier arbeitet, tut sich leichter, wenn er Abstand nehmen kann vom eigenen Vorstellungen und Bildern. Frei zu sein von Erwartungen und eigenen Lösungsstrategien ist überhaupt das Schwierigste für das Personal. Aber ohne diese Freiheit entsteht schnell ein unglaublicher Druck, der schwer auszuhalten ist und dann oft auch weitergegeben wird. Dann gehen beim Gegenüber die Jalousien runter. 

Es braucht Achtsamkeit für Gelegenheiten, in denen Türen aufgehen und Lernen am Modell möglich wird, in denen die Begleitung angenommen wird. 

Was motiviert Dich persönlich, Dich für diese Jugendlichen einzusetzen?

Mich motiviert eine sehr persönliche Erfahrung. Es ist mir aus meiner eigenen Geschichte nicht fremd, Zeit zu brauchen, um mich anderen Menschen gegenüber öffnen zu können und zu vertrauen. Man wirkt dann unnahbar auf andere. Daher fällt es mir vielleicht leichter, anderen diese Zeit auch zuzugestehen und vertrauensvoll am Beziehungsaufbau dranzubleiben. Ich empfinde es nicht als Angriff oder Enttäuschung, wenn sich jemand mir gegenüber lange verschlossen zeigt und Begegnung schwer möglich ist. Ich weiß, wenn diese Menschen dann aufmachen, kann sich sehr viel Positives entwickeln. Diese Zuversicht möchte ich meinen MitarbeiterInnen mitgeben als möglichen Zugang.

Mich motiviert, dass in der Spatti reagiert wird, wenn wir merken, da bräuchte es eigentlich etwas Anderes. Die EWB ist ein eigenständiges Angebot, das aus den Flexiblen Hilfen heraus entstanden ist. Dadurch gibt es viel Unterstützung von Seiten der Flexis. Das ist Gold wert in unserer Startphase. Was ich sehr schätze ist das Vertrauen in mich, den Raum zum Gestalten und Entwickeln, die fachliche und persönliche Unterstützung durch Birgit Mayr-Mauhart und den Rückhalt durch die Geschäftsführung.

Die Säulen der Betreuung in der Einzelwohnbetreuung step in

Traumasensible Arbeit

Das Fachpersonal verfügt über traumaspezifisches Wissen und unterstützt die Jugendlichen bei der Aneignung adäquater Handlungsstrategien zur Überwindung ihrer Krisen. 

Sozialraumorientierung

Aktivierung und Ausbau der Ressourcen im bestehenden Sozialraum. Öffnung und Vernetzung der im Wohnumfeld bestehenden Hilfesysteme.

Empowerment

Befähigung der Jugendlichen zu selbständiger Lebensführung und Steigerung der Eigenverantwortlichkeit.

Partizipation

Einbeziehen der Jugendlichen in zielgerichtete Prozesse. Förderung der Selbstwirksamkeit.

Bindungsgeleitete Interventionen

Durch eine konstante, verlässliche Beziehung werden Bindungsunsicherheiten zunehmend abgebaut. Sichere Bindungsmuster werden aktiviert.

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