Alter – Pflegebedürftigkeit – Armut

Eine von vier. Altersarmut in Österreich.

Eine von vier alleinstehenden Frauen im Alter ist von Armut bedroht.

24.04.2017

Von Daniela Palk, Martin Schenk und Tom Schmid

Durchgehende Erwerbstätigkeit und die Höhe der erzielten Erwerbseinkommen finden sich in der Höhe der Alterspension wieder. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass unterbrochene Erwerbsbiographien und niedrige Einkommen zu niedrigen Pensionen führen. Das höchste Risiko im Alter auf eine Mindestpension angewiesen zu sein, haben Frauen, selbst wenn sie längere Versicherungsdauer aufweisen, aber in ihrem Leben niedrige Einkommen mit längeren Teilzeitphasen bezogen haben.

Eine alte Frau zählt Münzen (Foto: Fotolia/Alexander Raths)
Eine von vier alleinstehenden Frauen im Alter ist von Armut bedroht. (Foto: Fotolia/Alexander Raths)

Wichtigste Ursachen für Altersarmut sieht der Armutsforscher Richard Hauser deshalb auch in mehreren Faktoren: „Fehlende Universalität der Alterssicherungssysteme; niedrige Erwerbseinkommen; längere Perioden der Arbeitslosigkeit; vorzeitige Erwerbsunfähigkeit; längere Krankheiten; Scheidungen; Zuwanderung im mittleren Alter, ohne dass bereits ausreichende Alterssicherungsansprüche erworben und mitgebracht wurden“. Dabei wird erneut deutlich, dass einerseits Armut das Risiko im Alter pflegebedürftig zu werden verstärkt, und andererseits gerade auch die Übernahme schlecht oder gar nicht bezahlter Pflegearbeit das Risiko im Alter in Einkommensarmut zu leben verschärft.

Frau K. lebt von Sozialhilfe, ihre Pflegeversicherung geht vollständig an den Pflegedienst. Die alte Frau hat niemanden, der sich sonst um sie kümmert. Zu ihren Söhnen hat sie keinen Kontakt, manchmal schaut eine Nachbarin vorbei. Die einzige verlässliche Quelle für ihre Pflegeorganisation ist die öffentliche Fürsorge. Wahlmöglichkeiten hat sie keine. Individuelle Bedürfnisse und Autonomie reichen offensichtlich immer nur soweit, wie die Kaufkraft der Einzelnen oder deren Familie reicht.

Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass Frauen mit geringem sozialen Status häufiger die Pflege übernehmen als Frauen mit höherem sozialen Status. Die größte Bereitschaft zum Selberpflegen besteht beim ärmsten Teil der Bevölkerung. Moralische Erwägungen zählen da weniger als Kostenabwägungen. Wer kein Geld hat, dem bleibt keine Wahl. Wer Geld hat, zahlt sich eine Pflegekraft. Die gesellschaftlichen Eliten singen zwar im Fernsehen das hohe Lied der aufopfernden Angehörigenpflege, suchen sich selbst aber im echten Leben die notwendige Unterstützung, die auch die Ärmeren bräuchten.

Ein Pflegenetz, das über die Familie hinaus reicht, wirkt entlastend und reduziert soziale Ungleichheiten.

Ein Pflegenetz, das über die Familie hinaus reicht, wirkt entlastend und reduziert soziale Ungleichheiten. Weiters entscheiden die Kriterien des Zugangs, der Umfang der gewährten Dienstleistungen sowie Formen der Finanzierung, ob sich eine sozial ausgleichende Wirkung ergibt, oder eben nicht. Beispielsweise führte in Deutschland die getrennte Einrichtung einer – einerseits - sozialen Pflegeversicherung für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung und – andererseits - einer privaten Versicherung für Selbstständige, Beamte und höhere Einkommensbezieher zu einer geringeren Umverteilung der Ressourcen. Dieses Mehrklassensystem ist auch Ursache für die defizitäre Entwicklung der sozialen Pflegeversicherung. Generell kann man in Europa den Trend erkennen, dass Länder mit hoher Steuer- beziehungsweise Beitragsleistung auch einen größeren Umfang an Leistungen für alle Pflegebedürftige bereithalten – egal ob arm oder reich.

Wenn Pflegedienstleistungen nicht leistbar oder nicht vorhanden sind, trifft das Personen mit geringem Einkommen doppelt. Zum einen weil sie die benötigten Betreuungsleistungen nicht finanzieren können, zum anderen weil sie häufiger von chronischen Erkrankungen, insbesondere auch Demenz, betroffen sind.

„Alter – Pflegebedürftigkeit – Armut“

In diesem Beitrag (Handbuch Armut in Österreich, Dimmel/Schenk/Stelzer-Orthofer (2014), Studienverlag.) setzen wir uns mit der sozialen Lage älterer und/oder pflegebedürftiger Menschen auseinander. Dazu wird im ersten Teil auf unterschiedliche Lebensstile im Alter eingegangen und der Zusammenhang mit dem sozialen Status hergestellt. Weiters folgt ein  Überblick zur Pflege unter den Gesichtspunkten der sozialen Teilhabe, der Autonomie und des Sozialraums.