Integration beginnt schon bei den Kleinsten Silach Magomadova über Integration in der Schule

Eine Schule, wo „alle dazugehören“

Silach Magomadova berät anerkannte Flüchtlinge im Integrations- und Bildungszentrum St. Pölten. Für den Diakonie-Blog berichtet sie über die Hürden, mit denen Flüchtlingskinder und ihre Eltern im Schulsystem konfroniert sind, und wie diese Barrieren aus dem Weg geräumt werden können.

24.09.2015
Zwei Kinder spielen im Freien mit einem aufgeblasenen Erdball
Integration in der Schule: Herausforderungen und Best-Practice-Beispiele

Seit 2012 bin ich im Integrations- und Bildungszentrum (IBZ) des Diakonie – Flüchtlingsdienstes in St. Pölten in der Beratung von Flüchtlingen aus verschiedenen Herkunftsländern tätig, wo das Thema Schule immer wichtiger wird.

Ich selbst komme aus Tschetschenien und bin seit zehn Jahren in Österreich. Als Mutter von vier Kindern habe ich auch privat viele Erfahrungen zur Integration im Kindergarten, in der Volksschule und im Gymnasium gesammelt.

Der LEVNÖ Vorsitzende Franz Schaupmann ist mit der Frage an mich heran getreten, warum viele Eltern mit Migrationshintergrund sich nicht am Schulleben ihrer Kinder beteiligen. Ich glaube, das Hauptproblem ist zuerst einmal die Sprache: Viele Eltern sprechen die Sprache noch nicht ausreichend und trauen sich nicht zu, Gespräche mit den LehrerInnen zu führen bzw. sich bei Elternabenden vor der versammelten Gruppe einzubringen.

So hat z.B. eine tschetschenische Mutter das ausgedrückt: „Meine Kinder sagen: Mama, komm nicht zum Elternabend! Uns ist peinlich, dass du nicht alles verstehst und nicht reden kannst.“

Die Angst dahinter hat ein Kind so ausgedrückt: „Meine Lehrerin glaubt sonst, dass meine Mama dumm ist.“

Rollentausch in der Familie

Solche Eindrücke entstehen u.a. auch durch den Rollentausch, der sehr oft stattfindet, wenn Kinder im Alltag als DolmetscherInnen für ihre Eltern eingesetzt werden: Das Kind übersetzt für die Eltern und übernimmt somit eine Erwachsenenrolle, die Eltern wiederum übernehmen die Rolle des hilflosen Kindes, das von der Übersetzung abhängig ist. Besonders im schulischen Kontext stellt dieser Rollentausch eine große Überforderung für das Kind dar (z.B. das Kind übersetzt ein Eltern-Lehrer-Gespräch oder einen Eintrag im Mitteilungsheft, wo es um seine Person geht).

Eine andere Mutter, die sich schon aktiv in der Schule einbringt, hat ihre Nervosität beschrieben, die sie verspürt, wenn sie an Treffen des Elternvereins teilnimmt. Sie hat Angst gegenüber den Eltern und LehrerInnen als dumm zu erscheinen, weil sie sich nicht korrekt ausdrücken kann, falsch verstanden wird oder sich nicht den kulturellen Erwartungen entsprechend verhält.

Hier sehe ich eine gute Möglichkeit, Eltern mit Migrationshintergrund, die schon längere Zeit ihre Kinder hier in der Schule haben, als freiwillige Multiplikatoren, als DolmetscherInnen und InformantInnen einzusetzen. Sie können eine Brückenfunktion zwischen Schule und Familien übernehmen.
Silach Magomadova, Diakonie Flüchtlingsdienst

Denn viele Flüchtlinge und MigrantInnen kennen meist das österreichische Schulsystem noch gar nicht. Sie kommen aus ganz anderen Kulturen und Systemen, wo eine Mitsprache und Mitgestaltung durch die Eltern oft nicht üblich oder nicht erwünscht ist. Besonders Eltern aus bildungsfernen Schichten haben sehr großen Respekt vor der Autorität der LehrerInnen und bleiben deshalb fern.

Hier sehe ich eine gute Möglichkeit, Eltern mit Migrationshintergrund, die schon längere Zeit ihre Kinder hier in der Schule haben, als freiwillige Multiplikatoren, als DolmetscherInnen und InformantInnen einzusetzen. Sie können eine Brückenfunktion zwischen Schule und Familien übernehmen und die neuen Familien dazu ermutigen, sich auch aktiv einzubringen. Es gibt erste Ideen dazu wie z.B. das Projekt „Elterntisch“ der KFB, wo u.a. auch Eltern mit Migrations- und Fluchthintergrund ausgebildet werden, Elterntreffen zu verschiedenen Themen zu organisieren und moderieren.

Eine junge Frau mit Kopftuch bei einem Beratungsgespräch (Nadja Meister)
Austausch zwischen den Kulturen fördern

Dolmetscher erleichtern Austausch mit Eltern

Meiner Meinung nach wäre es auch sehr wichtig, regelmäßig alle Eltern einer Klasse zu einem zwanglosen Zusammentreffen einzuladen. Damit solche Einladungen wahrgenommen werden, sollten die Einladungen mehrsprachig sein, ausdrücklich die gesamte Familie (auch die Geschwister) eingeladen werden sowie ein Dolmetscher organisiert werden.

Mögliche Programmpunkte bei solchen Zusammentreffen könnten sein: Präsentation des Heimatlandes (auch Österreich), Präsentation von Liedern und Tänzen; die Herkunft auf der Weltkarte sichtbar machen, Beispielsätze in der Muttersprache vortragen, ein gemeinsames Spiel für alle Gäste, Gestaltung eines internationalen Buffets durch die Eltern usw.

In diesem Rahmen können sich Eltern austauschen und auch die Lehrerin mithilfe des Dolmetschers Kontakt zu den Eltern suchen.

Austausch zwischen den Kulturen fördern

Auch im Rahmen des Unterrichts ist es wichtig, sich mit den verschiedenen Herkunftsländern und –sprachen auseinander zu setzen und Eltern als „ExpertInnen für ihr Land“ mit einzubeziehen. So erleben Eltern und Kinder, dass die Sprache und Kultur ihres Heimatlandes und auch sie selbst wertgeschätzt werden.

Denn es geht um mehr als nur um Sprache: Die Eltern vermitteln an ihre Kinder die Werte, mit denen sie in ihrem Herkunftsland aufgewachsen sind. In Österreich gelten aber teilweise andere Werte und Verhaltensregeln, die die Eltern vielleicht noch gar nicht kennen. In der Schule werden die Kinder natürlich mit diesen Gegensätzen konfrontiert und erleben große Schwierigkeiten, sich zu orientieren und zu ihrer eigenen Identität zu finden. Sehr oft hören wir von Kindern: „Irgendwie gehöre ich nirgends so richtig dazu“.

Hier könnten interkulturelle MitarbeiterInnen, wie es sie bereits an den Kindergärten gibt, sowohl die Kinder und die Eltern, als auch die LehrerInnen unterstützen und begleiten, denn es ist auch eine große Herausforderung für die LehrerInnen, mit Kindern unterschiedlicher Herkunft zu arbeiten.

Lernbetreuung bei INTO Wien (Foto: ©Nadja Meister/Diakonie Flüchtlingsdienst)
Im Rahmen des Buddy-Projektes „Elongó“ werden österreichische Ehrenamtliche ausgebildet, die Flüchtlingsfamilien bei ihrer Integration, die Kinder meist im Bereich Schule und Lernen, unterstützen.

Frauencafé, Buddies, Sprachkurse

Im Integrations- und Bildungszentrum St. Pölten (IBZ) versuchen wir ebenfalls, unterstützende Angebote zu setzen: Im sozialarbeiterisch angeleiteten Frauencaf+e können sich Frauen unterschiedlicher Herkunft austauschen und informieren, in der Beratung werden Fragen zum Schulsystem beantwortet bei Formalitäten unterstützt oder Vermittlung bei Konflikten angeboten. Muttersprachliche BeraterInnen oder DolmetscherInnen können KlientInnen der Einrichtung je nach Bedarf und Möglichkeit zu Gesprächen mit LehrerInnen begleiten. In den Deutschkursen werden Grundkenntnisse für die Kommunikation mit der Schule vermittelt und im Rahmen des Buddy-Projektes „Elongó“ österreichische Ehrenamtliche ausgebildet, die Flüchtlingsfamilien bei ihrer Integration, die Kinder meist im Bereich Schule und Lernen, unterstützen.

Doch wir können nur einen sehr kleinen Teil des Bedarfs abdecken und appellieren an dieser Stelle an die Verantwortungsträger im Schulbereich, verstärkt in die Förderung dieser Kinder und ihrer Eltern z.B. durch den Einsatz von interkulturellen MitarbeiterInnen zu investieren. Je früher Kinder und Eltern das Gefühl haben, dass sie in der Schule „dazugehören“, desto schneller werden sich einerseits schulische Erfolge einstellen und andererseits ein Bewusstsein entstehen, dass sie nun auch vollwertige Mitglieder der österreichischen Gesellschaft sind. Das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, eine erfolgreiche neue Generation aufzubauen und letztlich eine nachhaltige Investition in unser aller Zukunft.

Ein Porträt von Silach Magomadova
Silach Magomadova arbeitet im Integrations- und Bildungszentrum St. Pölten beim Diakonie Flüchtlingsdienst

Über die Autorin

Silach Magomadova kommt aus aus Tschetschenien und ist Mutter von vier Kindern. Seit 2012 arbeitet sie im Integrations- und Bildungszentrum St. Pölten beim Diakonie Flüchtlingsdienst als Beraterin für anerkannte Flüchtlinge und Subsidiär Schutzberechtigte.

Ihr Lebensmotto: Fange nicht an, aufzuhören. Höre nicht auf, anzufangen.