Erfahrungsbericht und Appell

Eine Hommage an jugendliche Flüchtlinge

Dieser Bericht stellt eine andere, in der Öffentlichkeit viel zu wenig bekannte Seite des Lebens von jungen Asylwerbern in Österreich dar. Er ist zugleich eine Hommage an die Burschen, die in der UMF-WG des Diakonie Zentrums Spattstraße in Linz leben. Eine Hommage an junge Männer, die mit äußerster Disziplin und Fleiß, trotz widrigster Umstände, nicht aufgeben. An Männer, die jeden Tag aufs Neue aufstehen, lernen, und ihr Bestes geben. 

04.06.2018
Jugendliche Flüchtlinge lernen gemeinsam im Diakonie Zentrum Spattstraße
Die Jugendlichen lernen fleißig, sprechen nach zwei Jahren oft sehr gut Deutsch.

Von Elisabeth Poindl, Psychologin im Diakonie Zentrum Spattstraße

Bis vor kurzem empfand ich alle Bereiche meiner abwechslungsreichen Tätigkeit sowohl in der Familienberatungsstelle, als auch in der Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF-WG) als zutiefst sinnvoll. Seit einigen Wochen begleiten mich erstmalig Gedanken meiner Arbeit mit nach Hause. Die Wahrnehmung von tiefem Unrecht, welches einigen der jungen Männer aus der UMF-WG gerade widerfährt, hat mich dazu bewegt diesen Artikel über meine Erfahrungen zu verfassen.

Auf zu neuen Ufern...

Vor nunmehr fast 2 Jahren wurde mir angeboten, zusätzlich die Tätigkeit als Klinische- und Gesundheitspsychologin für die UMF-WG, zu übernehmen. Trotz meiner bis dahin durch die Thematik meiner Diplomarbeit ausschließlich positiven Begegnungen mit Asylwerbern, sprang ich dabei nicht gleich vor Begeisterung. Und die Gründe dafür waren mir bewusst und schockierten mich zugleich. Meine eignen Vorurteile standen mir im Weg. Erzeugt durch plakative Medienberichterstattung. Mein Wissen darüber (siehe Kasten) in Kombination mit meiner bis dato gesammelten Erfahrung mit Asylwerbern, erweckten dann tatsächlich den Wunsch nach einem Realitätsabgleich in mir. 

Was ist tatsächlich dran an dem Bild, welches öffentlich erzeugt wird? Wie gestaltet sich das Zusammenleben von 20 Jugendlichen unterschiedlicher ethnischer Herkunft zwischen 14-18 Jahren auf engstem Raum? Wie wird mein Arbeitsalltag aussehen? 

Der Beginn war schwierig 

Der Beginn war auf beiden „Seiten“ schwierig. „Ich bin nicht verrückt, ich brauche keinen Termin bei Dir!“, sagten die jungen Männer, die, allen ersichtlichen Symptomen nach, schwer unter den Folgen der Vergangenheit litten. Ablehnung und Verunsicherung, auch bei mir. Es brauchte mehr. Es braucht Beziehung.

Als Mantra um zur Ruhe zu kommen dient beispielsweise der Satz: „Ich bin hier in Sicherheit, in diesem Haus bin ich sicher.“
Elisabeth Poindl, Psychologin im Diakonie Zentrum Spattstraße

So begann ich mit verschiedenen Aktivitäten, vom Erstgespräch über Yoga bis zu Marmelade einkochen oder Schwimmen und verschiedenen Ausflügen, um eine tragfähige Basis zu finden. Bis aus Fremden Vertraute wurden. 

Sich anvertrauen

Seitdem bekomme ich viele Erzählungen und Erfahrungen geschildert, die jenseits dessen liegen, was wir uns vorstellen wollen. Die Auswirkungen: Alle Formen von Schlafstörungen, erhöhter Wachsamkeit (Hypervigilanz), Albträume, Somatisierungsstörung, etc. Einige Burschen wirkten Monate nach der Flucht noch, als seien sie mitten im Kriegsgebiet. Mit der Zeit kamen sie zu mir, mit der Bitte um Hilfe. Als Mantra um zur Ruhe zu kommen dient beispielsweise der Satz: „Ich bin hier in Sicherheit, in diesem Haus bin ich sicher.“ 

Meine Arbeitstage könnten nicht unterschiedlicher und herausfordernder sein. Die Menschen, denen ich hier begegne, sind anders als in den Medienberichten dargestellt. Es sind Menschen mit all den uns auch bekannten Wünschen und Bedürfnissen. Ganz wesentlich für den Weg in Richtung psychische Gesundheit und hilfreich zur psychischen Stabilisierung ist die Schule. Der Wunsch der Jugendlichen nach Bildung und Beschäftigung ist begleitet von der Hoffnung, nicht ständig dem „Gedankenkreisen“ über die Vergangenheit zu erliegen.

Die Jugendlichen lernen fleißig, sprechen nach zwei Jahren oft sehr gut Deutsch, kommen nach wenigen Monaten zumeist schon ohne Dolmetsch zu den vereinbarten Terminen, arbeiten ehrenamtlich im Altersheim oder in Kindergärten, etc. Sie streiten auch, aber erstaunlich wenig, wenn ich mir vorstelle wie es ist mit 19 anderen, nicht selbst ausgewählten Menschen auf engem Raum zu leben. 

Geprüft wird im Asylverfahren gerichtlich derzeit ausschließlich der Schutzbedarf eines Menschen. Um welche Persönlichkeit es sich handelt, welche persönliche Geschichte jemand hat, wie gut eine Person Deutsch spricht, wie sehr sie sich um Integration bemüht, ob die Person sogar schon eine Mangelberuf-Lehrstelle hat, bleibt dabei außer Acht. 

Nach soviel Anstrengung - die drohende Abschiebung

Klienten die seit teils über zwei Jahren in einer Art „Schwebezustand“ mit den „Dämonen“ der Vergangenheit kämpften, engmaschig von einem ganzen Helfernetzwerk erfolgreich betreut wurden, um nicht „zu entgleiten“, Deutsch lernten, die Schule besuchen, sogar Lehrstellenplätze haben und nun endlich dem helfenden System etwas „zurück geben könnten“, jenen Männern droht nun die Abschiebung. Asyl negativ. All die positive Energie eines ganzen Pools an Menschen, soll umsonst gewesen sein? 

Ein junger Mann, mit unglaublicher Herzensbildung, kam aus tragischsten Gründen, als Analphabet nach Österreich. Er hat im Iran gelebt, war noch nie in seinem Leben in Afghanistan. Er spricht nach zwei Jahren fließend Deutsch, hat ein Angebot für eine Lehrstelle und nun Asyl negativ. Er soll nun in ein Land abgeschoben werden, in dem er noch nie in seinem Leben war. Nach Afghanistan. In ein Land, das von Österreich für Afghanen als sicheres Land eingestuft wird, das aber nicht sicher ist (Reisewarnung Sicherheitsstufe 6 für das gesamte Land). 

Eine mittlerweile geschlossene Petition des Landesrats für Integration, Rudi Anschober, bezieht genau unter dem Titel: „Ausbildung statt Abschiebung“ diesen Aspekt mit ein. Einen Aspekt, der alltäglich in unserer Gesellschaft hoch gehalten wird: Wenn du dich bemühst und dein Bestes gibst, hast du eine Chance. Integration kann funktionieren und sie gelingt auch, aber nur, wenn Menschen wie jene über die ich berichtet habe, nicht ausgewiesen werden sondern eine echte Chance bekommen. 

Porträt von Elisabeth Pointe
Elisabeth Poindl ist Psychologin im Diakonie Zentrum Spattstraße und betreut minderjährige unbegleitete Flüchtlinge

Wieviel kostet ein Menschenleben? 

Mit dem Abkommen 2016, welches die EU mit Afghanistan geschlossen hat, hat sich Afghanistan verpflichtet, Flüchtlinge zurück zu nehmen. Dafür fließen Gelder.  Dabei gab es bis vor zwei Jahren in zweiter Instanz gute Chancen darauf, doch noch „Asyl positiv“ zu erlangen. Derzeit wird zumeist aber auch in zweiter Instanz negativ entschieden und abgeschoben. Die Arbeit und Hoffnung der Betroffenen und des Helfernetzwerks werden innerhalb weniger Tage zunichtegemacht. 

Ich möchte in unserem demokratischen Land ermutigen, zu hinterfragen, ob politisch tatsächlich die Entscheidungen getroffen werden, die humanitär und ökonomisch sinnvoll sind und ob wir diese Entscheidungen befürworten. Bilder, die über Medien präsentiert werden, sollen bewusst die politische Meinung der Bevölkerung beeinflussen und innere und äußere Mauern bauen. Dieses Bild gilt es zu hinterfragen. Brücken entstehen durch Begegnung und Auseinandersetzung. Wir als UMF-Team wünschen uns, dass all die positive Energie eines großen Netzwerks an Menschen, ein Exempel statuiert, wie aus Positivem Positives entstehen kann. 

Achtung, Manipulation!

Politische Parteien machen sich derzeit eine psychologische Gegebenheit zu nutze: Emotional gefärbte Ereignisse werden in ihrer tatsächlichen Auftretenshäufigkeit statistisch überhöht wahrgenommen oder fehleingeschätzt. Als Beispiel, die Angst vorm Fliegen, nachdem ein Flugzeug abstürzte. Als derzeit politischer Slogan einer Partei: „Brutale Gewalttaten“, Sex Attacken“, etc. Diese Themen sind hochgradig emotional, erzeugen Angst und werden daher besonders gut erinnert und überschätzt. 

Tatsächlich zeigt eine aktuelle Studie, dass Flüchtlinge weniger kriminell sind als medial dargestellt.