Ein Betroffener erzählt

Ein wenig sonderbar

Geräusche kann er nicht richtig filtern, die Motorik macht ihm Probleme und auf andere Menschen zuzugehen ist für ihn ein Ding der Unmöglichkeit. Alex F. lebt im Autismus-Spektrum.

30.03.2017
ein Mann sitzt alleine und schaut vor sich hin
Schätzungsweise leben 80.000 ÖsterreicherInnen im sogenannten AutismusSpektrum.

Geräusche kann er nicht richtig filtern, die Motorik macht ihm Probleme und auf andere Menschen zuzugehen ist für ihn ein Ding der Unmöglichkeit. Alex F. lebt im Autismus-Spektrum. Dass er zu dem einen Prozent der Weltbevölkerung gehört, das von dieser Entwicklungsstörung betroffen ist, hat der Kärntner erst nach einem langen Leidensweg erfahren.

Sonderbar sei er schon immer gewesen, sagt Alex F. über sich selbst.  Der beinahe 40-Jährige („Also 39?“, „Nein, noch nicht aber es geht in Richtung 40. Ich runde immer auf die nächsthöhere Zehnerzahl“) wirkt auf den ersten Blick vollkommen normal. Vielleicht etwas scheu, ansonsten ist er ein großer Mann mit einem wachen Blick. Erzählt er über sich, dann spricht er bedacht, vielleicht etwas langsamer als die meisten Menschen, seine Stimme ist tief, seine Sprache ausdrucksstark.

Was genau er mit sonderbar meine? „Na eben anders als die anderen. Ich bin jemand mit vielen Schwierigkeiten.“ Die Schwierigkeiten hätten früh begonnen, so der Kärntner: „Ich war schon immer ein Einzelgänger. Die anderen Kinder haben mich in der Volksschule sehr hässlich behandelt. Sie verfolgten und schlugen mich, gingen gemeinsam auf mich los, warfen mich einen Hang hinunter, in ein stacheliges Gestrüpp. Vielen hat es Spaß gemacht, mich zu quälen“, erzählt Alex F. 

Na eben anders als die anderen. Ich bin jemand mit vielen Schwierigkeiten.
Alex F.

Seine Angst sei enorm gewesen. „Schlussendlich musste mich meine Oma zur Schule bringen und wieder abholen. Aber ganz ausschalten konnte man die Angriffe damit nicht. Es gab ja noch die Pause, vor der ich mich fürchten musste, allerdings war da meist eine Aufsichtsperson zur Stelle, wenn die anderen auf mich losgingen.“ Der Weg in die Hauptschule hätte dann eigentlich per Bus erfolgen sollen. Alex F. zog es jedoch vor, zu Fuß zu gehen.

„Dadurch konnte ich den Schlägern an der Haltestelle aus dem Weg gehen“, erzählt er. Mit zunehmendem Alter sei es etwas einfacher geworden. „Ich war – außer in Sprachen – ein sehr guter Schüler, besonders in Mathematik. Dadurch habe ich mir einen gewissen Respekt verschafft und die Kollegen ließen mich in Ruhe.“ Der Schule folgte ein erfolgreich absolviertes Universitätsstudium an der Boku in Wien.

Dann jedoch begann eine weitere schwierige Phase für den Kärntner, die bis heute anhält:  „Ich habe keine Arbeit gefunden, es gab noch nie eine fixe Anstellung, immer nur Arbeitstrainings oder vom AMS finanzierte Praktika“, erzählt der studierte Forstwirt.  Aber warum?  „Für mich ist es schlicht unmöglich, auf andere Menschen zuzugehen. Vielleicht halte ich aufgrund meiner schlechten Erfahrungen in der Kindheit einfach Abstand. Aber wie auch immer – so sehr ich mich auch bemühe: Andere Menschen anzusprechen ist für mich praktisch unmöglich.

Und diese Eigenschaft ist für ein Bewerbungsverfahren fatal.“  Zudem komme, dass Alex F. nicht telefonieren kann: „Ich höre Nebengeräusche viel intensiver als die Stimme, die durchs Telefon zu mir spricht. Das ist so arg, dass ich nichts von dem Gesagten verstehe, außer ich befinde mich an einem absolut ruhigen Ort. Welcher Arbeitgeber will schon einen Mitarbeiter, der keine Anrufe tätigen und nicht mit Kollegen sprechen kann?“

Alex F. ist einer von geschätzt 50.000 - 80.000 ÖsterreicherInnen, die im sogenannten AutismusSpektrum leben.

Dass es für diese Einschränkungen eine medizinische Erklärung gibt, weiß Alex F. erst seit 2013: „Meine Tante sah damals einen ORF-Beitrag über Menschen mit Autismus und sprach meine Mutter darauf an. Sie meinte, der Beitrag würde stark auf mich verweisen und dass wir das abklären sollten.“ Es folgten zahlreiche Untersuchungen: „Die Diagnose ist nicht so einfach zu stellen. Ich habe viele Tests absolviert.“ 

Das Ergebnis: Alex F. ist einer von geschätzt 50.000 - 80.000 ÖsterreicherInnen, die im sogenannten AutismusSpektrum leben. Vom Autismus-Spektrum spricht man deshalb, da die Ausprägungen und Formen sehr unterschiedlich sein können. „Für meine Eltern war das eine Erleichterung. Sie hatten sich immer bemüht und trotzdem gab es so viele Probleme. Nun wussten sie, dass sie an meinen Schwierigkeiten nicht Schuld waren. Mein Leben hat sich durch die Diagnose aber nicht wirklich verändert.“

Freunde habe er nie gehabt. „Die gehen mir nicht wirklich ab. Aber dass ich immer allein bleiben würde, das war so nicht geplant. Eine eigene Familie hätte ich mir schon gewünscht. Aber wie soll man zu einer Partnerin kommen, wenn man niemanden ansprechen kann? Und wer will jemanden, der nicht eigenständig leben kann und finanziell von den Eltern abhängig ist? Dass mir das verwehrt ist, das ist schon schlimm. In 20 Jahren habe ich es ein einziges Mal geschafft, jemanden anzusprechen. Aber das hat damals so viele Versuche gekostet, dass es – als ich mich endlich dazu durchringen konnte – schließlich irrelevant war. Denn was dabei herauskam war letztendlich eine Verabschiedung – wo doch das Gegenteil beabsichtigt gewesen wäre ...“

Die Freude, die ein anderer Mensch empfindet, kenne ich nicht. Vermutlich hängt alles zusammen

In der Gesellschaft sei für ihn nur schwer Platz zu finden

„In der Arbeitswelt ist das so: Wenn man einen schlechten Start hat, dann hat man verloren. Alles spiegelt sich im Lebenslauf wider. Das Rennen ist bald vorbei, es gewinnt immer ein anderer. Und das setzt sich im Privaten fort. Ich habe leider seit einiger Zeit einen schlechten Gesundheitszustand. Aufgrund einer Netzhautablösung sehe ich nicht gut und fahre deshalb nur sehr langsam und ungern mit dem Auto. Mit den Zähnen habe ich auch Probleme. Schmerzmittel helfen mir nicht, nur äußerst starke Medikamente, die sehr ungern verschrieben werden. Ich frage mich oft: Was bin ich nur für ein Mensch? Die Freude, die ein anderer Mensch empfindet, kenne ich nicht. Vermutlich hängt alles zusammen. Erfolgreiche Menschen sind ja in der Regel auch gesünder. Wenn jemand Misserfolge hat, dann löst das einen Schadensmechanismus aus. Das ist ja nicht nur bei Menschen so, im Wald gibt’s dazu viele Beispiele ...“ 

Und doch ist es gerade die Natur, aus die Alex F. Kraft schöpft. „Da wo ich aufgewachsen bin gab es einen großen Garten und rundherum viele Maisfelder. Das war meine Rückzugsoase, da habe ich als Kind Energie getankt für den harten Schulalltag. Auch heute noch ist die Natur, vor allem der Wald, ein Ort, an dem ich mich sehr gerne aufhalte.“ Deswegen sei auch das Forstwirtschaftsstudium für ihn das richtige gewesen.  

Die Natur helfe ihm mehr als der Austausch mit anderen Betroffenen, meint Alex F. „Ich tue mich mit anderen Autisten sehr schwer, kein Wunder, ich tu mich ja generell mit Menschen schwer. Aber Autismus selbst ist für mich etwas vollkommen Normales, keine Krankheit, sondern eine individuelle Lebensart. Aber eine, die mich eben einschränkt. Es ist ein Schicksal, mit dem ich leben muss. Die Leute wissen nicht viel darüber. Ich habe vor Kurzem gelesen dass von jenen Menschen, die im Autismus-Spektrum leben, 80 bis 96 Prozent (je nach Schweregrad der Behinderung) niemals eine Arbeit finden. Das stimmt mich schon sehr nachdenklich.“

Nachdenklich stimmen sollte das jedoch nicht nur Betroffene wie Alex F.  Der Auftrag unserer Gesellschaft ist eindeutig: Es darf nicht sein, dass Kinder, die anderen als ein wenig sonderbar erscheinen, gequält und geprügelt im Gestrüpp landen. Es darf nicht sein, dass es fast vier Jahrzehnte dauert, eine Diagnose zu stellen, die zu einem früheren Zeitpunkt vielleicht ganz andere Fördermöglichkeiten bedeutet hätte.  Menschen wie Alex F. muss eine faire Chance geboten werden. Eine Chance, in einem Umfeld zu leben und zu arbeiten, in dem er so sein darf wie er ist – in seiner ganz individuellen Lebensform und – wenn man es denn so bezeichnen möchte – eben auch ein wenig sonderbar.