Von Gott und der Welt

Ein Opernabend

Nach den letzten Takten, - eine gefühlte Ewigkeit bis der Applaus einsetzt. Im Theater an der Wien wurde die Saison eröffnet.

12.09.2015
Eine Reporterin stellt einer Frau ein Bein - Szene in Rözke im Herbst 2015
Diese Szene aus Rözke ist im Oktober 2015 um die Welt gegangen (Foto: radiodinamicamachala.blogspot.com)

Die Oper von Grigori Fried: Das Tagebuch der Anne Frank hatte den allzu schnellen Begeisterungsstürmen Einhalt geboten. Die Geschichte des Mädchens Anne Frank, die sich mit ihrer Familie in einem Kontor in Amsterdam vor den Nazis versteckt hielt und ihre Erlebnisse, Träume und Ängste in einem Tagebuch festhielt, ist bekannt. Ebenso ihr schreckliches Ende.

Sie wurde von einem österreichischen Schergen verhaftet und starb im KZ Bergen Belsen kurz vor Ende des Krieges mit 16 Jahren an Typhus. Das Premierenpublikum hörte die Musik, bewunderte die Sängerin, doch es hatte andere Bilder im Kopf. Das Bild vom 15 jährigen Mädchen, das im Flüchtlingslager Röszke in Ungarn von seinen Eltern getrennt wurde und von Polizisten daran gehindert seinen Eltern nach Budapest nachzureisen. Oder die Bilder von dem Mann, der sein Kind auf dem Arm trägt und dem von einer Kamerafrau ein Bein gestellt wird, um von den Fallenden eindrucksvollere Bilder schießen zu können. Oder gar das Bild des Dreijährigen, der tot am Strand der Insel, die Rettung versprach, angeschwemmt wurde.

Die Geschichte der Anne Frank ist 70 Jahre her. Dem Publikum im Theater an der Wien stockte der Atem. Es bleibt zu hoffen, dass in 70 Jahren, nicht wieder ein Publikum fassungslos zurückblicken muss und sich fragen, wie konnten Europa das zulassen?

„Von Gott und der Welt", die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung.