... und schreibt davor noch ein Bücherl

Ein Misanthrop setzt sich zu Ruhe...

Es hätte sich gelohnt, wenn die Medien, auch nur mit irgendjemand von den vielen, die in Traiskirchen tätig sind, über ihn gesprochen hätten.

26.03.2017
Menschen schlafen auf der Wiese, Traiskirchen, Sommer 2015
Das österreichische Erstaufnahmesystem ist schon im Sommer 2015 komplett zusammengebrochen
Der Lagerleiter war genau das, was ihm Christian Konrad laut Schabhüttls Memoiren beim ersten Treffen an den Kopf geworfen hat: Kein Menschenfreund.

Franz Schabhüttl, der Lagerleiter von Traiskirchen, setzt sich zur Ruhe. Er selbst wäre immer lieber als „Betreuungsstellen Leiter“ bezeichnet worden, was aber allen, die ihn und die Zustände dort kannten, viel zu euphemistisch war. 

Als ich selbst vor 20 Jahren in der Beratungsstelle des Diakonie Flüchtlingsdienstes, die nur einen Steinwurf vom Lager entfernt  liegt, zu arbeiten begann, war allgemein bekannt, dass der damalige stellvertretende Lagerleiter Schabhüttl extrem jähzornig werden konnte und nicht gerade empathisch mit den Flüchtlingen umging.

Doch nicht nur für seinen rüden Umgang mit den Flüchtlingen war er bekannt, auch MitarbeiterInnen beklagten sich oft über seinen autoritären Führungsstil.

Der Lagerleiter machte allen das Leben schwer: Egal ob es darum ging, dass die am Gelände tätigen Behörden den Wunsch hatten, die Raumaufteilung in den Gebäuden besser zu organisieren; oder ob wir, für unser kleines Beratungskammerl einen eigenen Telefonanschluss benötigten. Franz Schabhüttl verzögerte, was er nicht  verhindern konnte. Aber meistens konnte er verhindern!

Es hätte sich gelohnt, wenn die Medien, die jetzt so bereitwillig Schabhüttls verschrobene Sicht auf die Welt gebracht haben, auch nur mit irgendjemand der zahlreichen Menschen von Polizei bis Bundesamt  für Fremdenwesen und Asyl, die in Traiskirchen tätig sind, über ihn gesprochen hätten. Vielleicht hätten sie auch erfahren, dass drei Journalisten, die an Schabhüttls Buch gearbeitet haben, die Sache hingeschmissen haben.

Der immer höfliche Mann, der mit einem Lächeln im Gesicht die zynischsten Wortkreationen hervorbringt (auf ihn geht das Wort „Ankerkinder“ für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zurück), hat nicht viele MitstreiterInnen:

Für die über Monate hinweg unwürdigen Zustände in Traiskirchen waren (laut Schabhüttls Buch) ausgenommen er selbst, alle anderen verantwortlich: Traiskirchens Bürgermeister Andreas Babler, die Volksanwalt Peter Fichtenbauer, die zuständige Menschenrechtskommission, Landeshauptmann Erwin Pröll, zahlreiche Parlamentsabgeordnete, die Bundesländer, Regierungskoordinator Christian Konrad, international ausgezeichnete Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen (Friedensnobelpreis 1999), Amnesty International, sowie und österreichische Hilfsorganisationen, die seit vielen Jahren in der Flüchtlingsbetreuung unter schwierigsten Bedingungen tätig sind, und die Medien, die Zivilgesellschaft und vermutlich auch das Weltklima.

Wer die Bilder des Sommers und Herbst 2015 aus Traiskirchen noch im Kopf hat, weiß: Die Republik - der Bund, die Länder und Gemeinden - waren in einer absolut fordernden Situation über Wochen und Monate komplett überfordert.

Selbst die damalige Innenministerin sprach von „dramatischen Zuständen“ (Juli 2015) und der damalige Bundeskanzler Werner Faymann hielt nach einem Besuch im August 2015 fest: Die Situation in TK „ist humanitär nicht tragbar“.

Doch anstatt nach Lösungen zu suchen haben das Innenministerium und verantwortliche Personen wie Franz Schabhüttl die Situation weiter eskalieren lassen. Die Erstaufnahmestelle Traiskirchen wurde bewusst als „Nadelöhr“ inszeniert, an dem die Überforderung sichtbar gemacht werden sollte.

Es steht nämlich außer Zweifel, dass die über 4500 Menschen in Traiskirchen nicht mehr versorgt werden konnten. Die Republik Österreich wäre aber – so muss man doch hoffen dürfen - zu jedem Zeitpunkt in der Lage gewesen, mittels Krisenplänen* (wie bei einer sogenannten „Inlandskatastrophe“) eine menschenwürdige Versorgung und Unterbringung in leerstehenden Gebäuden sicher zu stellen.

*Es hätten damals unmittelbar tausende Unterbringungsplätze in Kasernen zur Verfügung gestellt, und das Bundesheer mit der Notversorgung von Flüchtlingen betraut werden können, bis die entsprechenden Kapazitäten aufgestockt worden wären.

Es wäre daher nicht notwendig gewesen, Frauen und neugeborene Kinder bei jeder Witterung im Freien übernachten zu lassen. - Sich nun im Blick zurück über Müll zu beklagen, der entsorgt werden musste, und nicht darüber, dass es zu lange nachweislich nicht gelang, zusätzlich zu Traiskirchen an weiteren Orten ausreichend Erstaufnahme-Kapazitäten für diese Männer, Frauen und Kinder zu schaffen, ist bezeichnend.

Wer wie der Franz Schabhüttl angesichts von hunderten obdachlosen Menschen in Traiskirchen von „Zeltromantik“ schreibt, hat jedweden Bezug zur Wirklichkeit verloren.  

Nicht erst seit Sommer 2015 leidet Schabhüttl an einem massiven Wahrnehmungsproblem. Anders ist auch nicht zu erklären warum er, als bereits Jugendliche auf dem blanken Fußboden schlafen mussten, und nicht mit Essen versorgt wurden, behauptete, es gebe keine Obdachlosen in Traiskirchen. Um das festzustellen hätte er bloß seine Bürotür öffnen müssen.

Selbst das Innenministerium hatte offenbar das Vertrauen in ihren Leiter der Erstaufnahmestelle verloren. Immerhin setzte ihm das Ministerium mit Walter Ruscher und Erich Brenner zwei Generalkoordinatoren vor, die zwischen Juli und September 2015 die Leitung des Lagers übernahmen.

Selbstverständlich waren die Missstände im Lager Traiskirchen nicht die alleinige Schuld des Franz Schabhüttl.

Diese waren Ausdruck eines staatlichen Systems, das zusammengebrochen war, und das auf die Hilfe der Zivilgesellschaft - auf die Hilfe tausender engagierter Bürgerinnen und Bürger angewiesen war. Diese Hilfe im Nachhinein als Teil des Problems zu beschreiben und nicht als Teil der Lösung zu benennen, ist bespiellos.

Franz Schabhüttl schenkt uns zu also zum Antritt seines Ruhestandes ein Buch, das wohl eher mit „Dienst nach Vorschrift“ zu betiteln gewesen wäre. Man muss das nicht überbewerten, denn Franz Schabhüttl war letztlich nur ein sehr kleines Rad in einem nicht funktionierenden Getriebe.

Dennoch hätte er sich, bevor er sich hinsetzt um ein Buch über den Missstand zu schreiben, angesichts dessen, dass ihm offenbar lauter Feinde, also ausschließlich gegnerische Autolenker entgegenkommen, die Frage stellen sollen, ob er nicht selbst der Geisterfahrer ist.

Eine Chronologie der Ereignisse in Traiskirchen und Österreich im Sommer 2015

Das österreichische Erstaufnahmesystem ist schon im Sommer 2015 komplett zusammengebrochen. Von Juni bis Ende August 2015 brachte es die Erstaufnahmestelle auf einen traurigen Höhepunkt: Obdachlosigkeit, hygienische Missstände und medizinische Unterversorgung. Hier ist die Chronologie der Ereignisse in Traiskirchen im Sommer 2015 nachzulesen.