Von Gott und der Welt

Ein Becher Milch

Bischof Munib Younan, der Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, der in Jerusalem lebt, hat einen Brief geschrieben. Er richtet sein Schreiben an die Mächtigen der Welt und all die Menschen guten Willens.

05.09.2015
Eine Menschenmenge geht zu Fuß über eine Straße (Foto: Nadja Meister)

Es ist ein flammender Appel, Flüchtlinge willkommen zu heißen. „Flüchtlinge sind keine Urlauber“, schreibt er.

Sie haben ihre Häuser nicht verlassen, um sich ins Abenteuer zu stürzen. Gewalt, Armut, Terror und politische Konflikte haben sie vertrieben. Verzweiflung und Angst lassen sie ihr Leben riskieren und einen sicheren Hafen suchen, um ihre Familien in Frieden aufwachsen zu sehen.

Der Appel des Jerusalemer Bischofs reiht sich ein in die unzähligen Aufrufe, Flüchtlinge willkommen zu heißen – von Papst Franziskus über Bundespräsident Fischer und Skistar Marcel Hirscher bis zur Schauspielerin Katherina Stemberger und vielen anderen, die diese Haltung leben und Tag für Tag helfen. Und doch prallen diese Appelle oft noch auf taube Ohren, ob in Europa, in Ungarn oder hierzulande.

Bischof Munib Younan schreibt aber nicht nur als Bischof, sondern er war selbst Flüchtling. Als er 2010 zum Präsidenten des Lutherischen Weltbundes, also zum Repräsentanten aller lutherischen evangelischen Christen und Christinnen gewählt wurde, erzählte er, dass er in einem Flüchtlingslager seinen ersten Becher Milch bekommen hat. Der Becher trug die Aufschrift: „Lutherischer Weltbund“.

„Von Gott und der Welt", die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung.