Sarepta – Spezialklinik für Essstörungen

Die Sucht: ein tödliches Gefängnis

25 Jahre lang war Markus D. schwer magersüchtig. Mit nur noch 30 Kilogramm befand er sich in akuter Lebensgefahr. Ärzte hatten ihn bereits aufgegeben, ihn als unheilbar eingestuft; doch mittels harter Konfrontationstherapie fand er schließlich den Weg heraus .

19.12.2017
25 Jahre lang war Markus D. schwer magersüchtig.
Nach etwa einem Jahr wurde die Sucht das erste Mal wahrgenommen: „Es war meine Schwester, der das zuerst aufgefallen ist."

Es ist die am schwersten zu therapierende Suchterkrankung mit der höchsten Sterberate: die Magersucht. Obwohl als typische Frauenkrankheit beschrieben, ist die Zahl der betroffenen Männer dennoch im Steigen begriffen. Einer der Betroffenen ist Markus D. 25 Jahre war der Kärntner stark magersüchtig, wurde mehrfach künstlich ernährt, absolvierte zahlreiche Therapien und befand sich mit nur dreißig Kilogramm bei einer Körpergröße von knapp 170 Zentimeter in akuter Lebensgefahr. Besessen von einem Kontrollzwang, der seinen Alltag nach Diäten und Sporteinheiten ausrichtete, ist sich der mittlerweile 46-Jährige heute einer Sache bewusst: Sucht bedeutet Gefängnis.

„Ich war ein molliger Jugendlicher und wurde deswegen gehänselt. Hinzu kam ein Konflikt mit meinem selbst stark über - gewichtigen Vater, den wir in Form von Spannungen zwischen uns, aber auch über die Schiene der Körperlichkeit austrugen“, erzählt Markus D. „Auf diesen Konflikt reagierte ich mit einer Diät und mit Sport. Ich merkte sehr bald, dass sich etwas in mir veränderte. Und das fühlte sich zunächst richtig gut an.“

Die körperliche Veränderung zog positive Aufmerksamkeit auf sich:  „Ich erhielt sehr viele Komplimente. Es war ein tolles Gefühl, immer weiter abzunehmen, die Zahl auf der Waage war meine Bestätigung. Ich weiß noch genau, ich habe im Juli angefangen und fünf Monate später, im Dezember, war ich schon komplett in der Sucht.“ Die Tragweite realisierte der damals 15-Jährige jedoch vorerst nicht: „Ich fühlte mich ja gut. Das war das Trügerische. Ich glaubte, alles unter Kontrolle zu haben, das gab mir auch ein Gefühl der Sicherheit. In meiner Form der Magersucht hatte ich ein stark ritualisiertes Essverhalten; ich verbrachte Stunden in der Küche, wog alles ab, berechnete Kalorien – und das bis zu zehn Mal, damit mir ja kein Fehler unterlief. Zudem hatte ich einen Wochenspeiseplan, ich aß jeden Montag das Gleiche, jeden Dienstag usw. Es waren winzigste Portionen, die ich alle selbst zubereitete. Auswärts konnte ich überhaupt nicht mehr essen. Wenn doch, dann wurde mir speiübel. “ Diese Übelkeit wurde durch Angst hervorgerufen, meint Markus D. heute: „Ich war panisch, die Kontrolle zu verlieren. Wenn ich selbst kochte, wusste ich genau, wie viele Kalorien ich konsumierte. Und diese Kalorien verbrannte ich durch Sport. Es war eine Negativrechnung. Ich lief, fuhr Rad und genoss es. Als meine Sucht fortgeschritten war, konnte ich das nicht mehr, dann ging ich nur noch Nordic Walken, mehr war nicht mehr drin. Man baut ja erschreckend ab; das ist einem nicht bewusst. “

Nach etwa einem Jahr wurde die Sucht das erste Mal wahrgenommen: „Es war meine Schwester, der das zuerst aufgefallen ist. Meine Eltern hatten noch nichts bemerkt, sie sahen mich täglich und ich trug immer weite Kleidung. Meine Schwester studierte  aber damals schon in Graz und hatte mich ein paar Wochen nicht gesehen. Sie fragte gleich, was mit mir los sei. Erst da begriffen auch meine Eltern, dass ich ein Problem hatte.“ Damals sei es jedoch kaum mehr möglich gewesen, zu dem Jugendlichen durchzudringen. „Ich wusste nicht, was plötzlich alle von mir wollten. Ich fühlte mich nach wie vor wunderbar. Meine Eltern gingen mit mir zu unserem Hausarzt. Der erkannte die Sucht nicht. Er meinte, ich solle mehr Sport treiben, ich hätte zu wenige Muskeln. “ Erst die Konsultierung eines weiteren Arztes bestätigte die Sorge der Eltern und der Schwester.

Es ist die am schwersten zu therapierende Suchterkrankung mit der höchsten Sterberate: die Magersucht.

„Ich wurde in die Uni-Klinik Innsbruck eingewiesen. Das war furchtbar für mich, denn ich war auf einer reinen Erwachsenenstation und wurde das erste Mal künstlich ernährt. Ich hatte das Gefühl, dass mir jegliche persönliche Freiheit genommen wurde. Ich wollte selbst über meinen Körper entscheiden, stattdessen wurde mir ein Schlauch in den Magen eingeführt zwecks Zwangsernährung. Ich war allerdings nur sehr kurz in der Klinik. Meine Eltern sahen, wie schlecht es mir dabei ging und nahmen mich aus dem Krankenhaus heraus. Es folgte ein Aufenthalt in Graz. „Dort gab es damals schon eine Kinderpsychosomatik, auf der ich zwei Monate verbrachte.“ Die Therapieform sei für den Teenager jedoch nicht die richtige gewesen, weiß er heute.

„Ich glaube, ich hatte dort damals zu viel Freiheit. Ich wurde nicht künstlich ernährt, worüber ich sehr dankbar war. Es gab gemeinsames Essen und ich ging stundenlang durch den Wald. Meinem Empfinden nach war das keine richtige Therapie, denn ich lebte währenddessen weiterhin meine Sucht aus und versuchte, so wenig wie möglich zu mir zu nehmen. Ich bemühte mich immer eine Kalorien-Zahl festzulegen. Der Therapie selbst verweigerte ich mich, ich wollte gar nicht mitmachen. Dennoch nahm ich ein paar Kilogramm zu, vielleicht drei, ich hatte da ca. 40 Kilogramm bei einer Größe – damals war ich noch etwas kleiner als heute – von 164 Zentimetern.“

Die Eltern merkten nach der Therapie jedoch, dass ihr Sohn weiterhin seinem Suchtverhalten folgte: „Sie waren mittlerweile sensibilisiert. Sie erkannten meinen Kontrollzwang, beobachteten mein Essverhalten, sahen, dass ich nach wie vor intensiv Sport betrieb. Ich aß damals fast nur noch Fertiggerichte mit angezeigten Kalorien. Meine Eltern suchten weitere Therapiemöglichkeiten und stießen damals auf den Villacher Arzt Dieter Weber. Ich war sechzehn, als ich das erste Mal zu ihm kam. Seine Methode der Therapie zählte damals schon zu den radikaleren, denn man kontrolliert sich nicht mehr selbst, sondern wird stark von außen kontrolliert. Man geht die Abmachung ein, strenge Regeln zu befolgen. Diese Regeln sind jedoch sehr zielführend. Man macht praktisch das Gegenteil von dem, was die Sucht einem diktiert. Alles muss aufgegessen werden, man darf danach nicht exzessiv Sport treiben. Im Prinzip ist es eine Konfrontationstherapie. Man hat Angst davor, zu essen, aber dadurch, dass man es immer wieder macht, wird diese Angst kleiner. Es war hart, aber für mich war es die einzige Möglichkeit, aus meiner Gefangenschaft der Sucht auszubrechen. Ein Teil der Therapie bestand darin, zu schreiben. Ich schrieb jeden Tag, vor allem über mich selbst. Es war schwer, mich darauf einzulassen. Die Wochen bei Dr. Weber waren keine leichte Zeit. Meine Sucht war immer noch da, aber es war mir im Anschluss möglich, die Matura zu machen und zu studieren.“

Das sei nicht selbstverständlich gewesen, denn von der sechsten Klasse hatte Markus D. gut drei Viertel versäumt: „Ich war aber immer sehr ehrgeizig. Meine Schulkollegen waren auch sehr nett zu mir, sie haben mich unterstützt. Angesprochen hat mich kaum jemand auf meine Sucht. Nur ein Mädchen hat mir, nachdem ich nach der Therapie wieder einiges zugenommen hatte, gesagt: 'Jetzt schaust du wieder so richtig gut aus'. Sie meinte das sicher sehr nett, aber bei mir löste das wieder den Gedanken aus, dass mein Körper nicht passte. Dennoch waren nach der Therapie bei Dr. Weber meine Zwänge über Jahre deutlich geringer. Ich war immer noch nicht frei, aber ich fühlte mich wohl. Ich studierte in Wien, lebte in einem Studentenheim, trieb viel Sport aß deutlich mehr als die Jahre zuvor. Einige Jahre lang habe ich mein Gewicht – ich hatte so um die 50 Kilogramm – gehalten.“ Auch das Studium habe ihm gut gefallen: „Ich studierte klassische Archäologie und Ägyptologie. Meine Dissertation schrieb ich im Fach 'Alte Geschichte' über die Griechen und Römer. Für die Recherche ging ich ein Jahr nach Athen. All das konnte ich dank der Therapie machen. Wer griechisches Essen kennt, weiß, dass die Küche dort nicht gerade fettarm ist. Für einen Magersüchtigen ist das eine ziemliche Herausforderung. Vor meiner Therapie wäre ein so langer Aufenthalt dort undenkbar gewesen.“

In der Sucht ist man nicht frei. Man hat das Gefühl der absoluten Kontrolle, aber Freiheit ist in keiner Sekunde gegeben. Das ist den Betroffenen nicht bewusst. Man ist total ausgefüllt. Es gibt keine Möglichkeit, darüber nachzudenken, was man tut.
Markus D.

Der Zeit in Athen folgte ein weiterer Auslandsaufenthalt: „Ich war für einige Jahre für ein Forschungsprojekt in Italien, in der Nähe von Neapel. Dort ging es mir sehr gut, auch mit dem Essen. Ich war ein paar Mal auf Kongressen und fühlte mich über weite Phasen auch wirklich befreit.“ Der Umschwung kam, als das Forschungsprojekt, für das Markus D. arbeitete, auslief. „Ich fand kein Projekt und auch an der Uni konnte ich nicht bleiben. Das war der Punkt, an dem ich den Halt in meinem Leben erneut verlor – es ging massiv und sehr schnell abwärts. Ich glaube, man kann sagen, ich verfiel körperlich, hatte nur noch um die 35 Kilogramm. Die Ärzte meinten, ich sei in Lebensgefahr. Ich kam in ein Wiener Krankenhaus und wurde wiederum künstlich ernährt. Auf Druck meiner Eltern wies ich mich damals selbst ein. Ich blieb einen Turnus lang im Krankenhaus, das waren damals zehn Wochen. Es gab verschiedene psychotherapeutische Angebote, die waren teils sehr gut. Es ging darum, herauszufinden, was hinter dem Kontrollzwang, den Ängsten, der Sucht steckt. Ich war jedoch innerlich nicht bereit dazu, mich dieser Frage zu stellen. Die ganzen zehn Wochen aß ich keinen Bissen. Ich wurde künstlich ernährt, zu mir nehmen wollte ich nichts. Es war eine Form des Protests, ich war einfach nicht bereit, meine Sucht aufzugeben.“

Fünf Kilogramm habe er aufgrund der künstlichen Ernährung dennoch zugenommen. „Als ich ausgetreten bin, war ich innerhalb von einer Minute wieder voll in meiner Sucht. Die Therapeuten haben das damals sicher vorhergesehen, mich aber trotzdem gehen lassen.“ Bald folgte eine weitere Therapie in Deutschland. „Auch dort ging ich freiwillig hin. Ein Freund, der auch Magersucht hatte und auf dem Sprung heraus war, hatte mir das ‚Roseneck‘, eine Klinik für Essstörungen in Bayern, sehr ans Herz gelegt. Wir wollten gemeinsam Projekte machen und waren voller Tatendrang. Die Therapie dort war gut, und ich glaube, vom Gefühl her war ich damals knapp dran, die Kontrolle abgeben zu können – an das Leben, nicht an eine Person. Doch es kam der Punkt, an dem die Angst vor der körperlichen Veränderung und der Lebensänderung zu groß wurde, und ich brach die Therapie ab.“ Beruflich sei er damals zwar wieder aktiv gewesen, doch der Job war zu wenig herausfordernd: „Ich arbeitete in einer Betriebsberatungsfirma, formulierte Studien aus und war dabei komplett unterfordert. In meiner Freizeit begann ich zu den unterschiedlichsten Themen, Leserbriefe zu schreiben, in erster Linie aber schrieb ich über Historisches, das war ja mein Spezialgebiet. Fast alle Briefe wurden abgedruckt. Irgendwann begann ich, das nicht mehr gratis zu machen, sondern als freier Journalist zu arbeiten. Ich schrieb für viele verschiedene Zeitungen, es gefiel mir sehr gut. Ich habe damit nach meiner Zeit im ‚Roseneck‘ begonnen, ich glaube, ich spürte damals, dass ich etwas ändern musste, dass ich mehr Freiheit in meinem Leben haben wollte. Ich beschloss von Wien zurück nach Kärnten zu meiner Familie und meinen Freunden zu ziehen.“

  • Eine Hand hält eine Frucht (Foto: Gerhard Maurer)
    m Herbst 2017 eröffnet die Diakonie de La Tour in Waiern eine Spezialklinik für Essstörungen und führt damit das erfolgreiche Therapiekonzept von Dr. Dieter Webers »Kurheim Paracelsus« weiter. (Foto: Gerhard Maurer)
  • Die Therapieräume von Sarepta (Foto: Gerhard Maurer)
    Jeweils zwölf Patientinnen und Patienten (ab 18 Jahren) werden über einen Zeitraum von sechs Wochen stationär aufgenommen, danach folgt eine sechsmonatige ambulante Nachbetreuung.(Foto: Gerhard Maurer)

Der Umzug fiel ihm jedoch schwer: „Ich ließ mir damals eine Wohnung herrichten und das überforderte mich komplett! Auf diesen Stress reagierte ich mit extremem Suchtverhalten. Ich war stärker drin als je zuvor. Ich weiß heute, dass ich mich damals artikulieren hätte sollen. Stattdessen stürzte ich komplett ab. 2006 hatte ich nur noch 30 Kilogramm. Und dann kam der Moment, an dem ich zusammenklappte. Das war zu Weihnachten. Ich kam nach Klagenfurt zu den Elisabethinen. Der Tod war ganz nah, das weiß ich heute. Damals habe ich das jedoch nicht gespürt. Zwei Monate verbrachte ich dort, dann weitere drei bis vier Monate im LKH Villach. Meine Sucht war nach wie vor da. Als ich das Krankenhaus verließ, hatte ich 37 Kilogramm. Die behandelnde Ärztin meinte damals, ich sei unheilbar krank und werde nie wieder ein selbstbestimmtes Leben führen können. Für meine Eltern war diese Aussage schrecklich, für mich selbst nicht so sehr.“ Was jedoch schlimm gewesen sei, war die Tatsache, dass damals keine Muskulatur mehr an seinem Körper war, erzählt Markus D.: „Ich bekam sehr starke Rückenschmerzen. Es war kaum auszuhalten. Ich hatte zuvor niemals Schmerzen. Plötzlich realisierte ich, wie schlecht es mir eigentlich ging. Ich begann auch über meinen psychischen Zustand nachzudenken, ging viel in die Kirche. Zudem begann ich einen Chi Gong-Kurs bei einem Freund zu absolvieren. Einmal in der Woche, eineinhalb Stunden. In dieser Zeit fühlte ich mich frei, ansonsten war mein Leben ein Gefängnis. Ich wusste aber, dass ich nun raus wollte aus der Sucht. Ich wollte endlich frei sein! “

Zu diesem Zeitpunkt dachte er immer öfter an seinen früheren Psychologen Dieter Weber. „Eigentlich waren diese Gedanken eher mit Schrecken verbunden, die Therapie war damals ja nicht gerade einfach. Aber ich wusste, dass ich ihn kontaktieren musste. Er war derjenige, der mir helfen konnte, das spürte ich, also schrieb ich ihm eine E-Mail. Zwei Tage später saß ich bei ihm.“ Mit mittlerweile 39 Jahren startete Markus D. eine weitere Therapie. „Diesmal war etwas anders, denn es war das erste Mal, dass ich das nur für mich machte. Nicht für meine Schwester oder meine Eltern, sondern nur für mich selbst. Ich hatte knapp über 30 Kilogramm und musste zunächst in eine Privatklinik, bis ich dann zu Dr. Weber wechseln konnte. Er sagte zu mir: 'Wir helfen dir, aber es wird dauern und du musst dir diese Zeit geben.' Ich musste an die Geschichte von König Midas denken, aus der griechischen Mythologie. Dieser König war sehr reich. Dennoch wünschte er sich von den Göttern, ihn noch reicher zu machen. Sie erfüllten ihm diesen Wunsch, und alles, was er berührte, wurde zu Gold. Doch dann bekam er Hunger. Er griff nach einem Stück Brot, doch auch das wurde zu Gold. Er bat die Götter, ihn von diesem Fluch zu erlösen, und sie willigten ein, unter der Bedingung, dass er zuerst den längsten Fluss seines Reiches durchwaten musste. Ich fühlte mich wie König Midas, wollte von meinem Fluch erlöst werden, doch ich musste den Fluss durchwaten, gegen den Strom schwimmen. Der Anfang war am schwersten. Man spürt die Angst als Übelkeit. Ich habe viel geschrieben und auch getrommelt. Das tat mir gut, ich konnte mich auf den Rhythmus konzentrieren. Wir hatten einen tollen Trommellehrer, an ihn muss ich auch heute noch oft denken. Er meinte immer: ‚Du musst dich über deine Fehler freuen, denn du bist an deine Grenze gestoßen und jetzt kannst du dazulernen!‘ Ab einem bestimmten Zeitpunkt, der vermutlich mit der Gewichtszunahme und der Therapiedauer zusammenhing, wurde mein Leben reicher. Ich merkte, dass ich frei wurde. “

Ich fühlte mich wie König Midas, wollte von meinem Fluch erlöst werden, doch ich musste den Fluss durchwaten, gegen den Strom schwimmen.
Markus D.

Dieser Zustand setzte sich auch nach der Therapie fort: „Ich begann wieder, Dinge zu unternehmen, zunächst mit meinen Eltern. Ich war früher ja kaum unterwegs, weil ich dauernd mit Ritualen beschäftigt war. Ich fing an, mich in der Kirche zu engagieren, war zuerst Lektor, dann Pfarrgemeinderat. Es ging ständig aufwärts, nicht nur mit meinem Gewicht (direkt nach der Therapie hatte ich 55 Kilogramm), auch privat: Ich war verliebt – zum ersten Mal in meinem Leben! Erst jetzt merkte ich, was mir all die Jahre gefehlt hatte: eine Partnerschaft, schöne Stunden zu verleben und die weniger schönen Stunden auch mit jemandem zu teilen. Heute lebe ich mit meiner Partnerin zusammen und bin wirklich glücklich. Wenn ich die vergangenen fünf Jahre anschaue, dann kann ich sagen, es waren die schönsten Jahre meines Lebens. Wir gehen oft in Restaurants und ich esse heute gerne und mit Genuss! Mit meinen 60 Kilogramm bin ich immer noch sehr schlank und fühle mich auch so, aber ich bin von meinen Zwängen befreit. Ich kann zu jeder Tages- und Nachtzeit essen, immer, wenn ich Hunger oder Lust auf etwas habe. Ich habe mittlerweile einfach eine Lebenslust in mir, die ich zuvor nicht gekannt habe. Ich bin so froh, dass ich das geschafft habe.

Anderen Betroffenen kann ich nur sagen: Es lohnt sich so sehr, durch diese harte Konfrontationstherapie zu gehen. Man muss sich diese Chance geben, hinter die Sucht zu schauen und die Fülle des Lebens wieder wahrzunehmen. Bei mir kam plötzlich der Punkt, an dem alle Antworten kamen. Und heute weiß ich: Das Leben ist wunderschön! Ich bin endlich frei. Und obwohl mir bewusst ist, dass immer wieder etwas passieren kann, das einen runterzieht, bin ich zuversichtlich, dass das Thema ›Magersucht‹ zwar Teil meiner Vergangenheit ist, jedoch nicht meiner Zukunft. “

Sarepta – Spezialklinik für Essstörungen

  • Im Herbst 2017 eröffnet die Diakonie de La Tour in Waiern eine Spezialklinik für Essstörungen und führt damit das erfolgreiche Therapiekonzept von Dr. Dieter Webers »Kurheim Paracelsus« weiter. Die Räumlichkeiten werden derzeit komplett neu errichtet und speziell auf die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten abgestimmt.
  • Bei der Therapie handelt es sich um eine Konfrontationstherapie, die sehr strengen Regeln folgt. Wer die Klinik verlässt, bricht die Therapie ab und muss das Haus verlassen. Diese Form der Therapie ist für eine bestimmte Patientengruppe die einzige Möglichkeit, sich von ihrer Sucht zu befreien. Viele haben zuvor bereits zahlreiche Therapien durchlaufen.
  • Einzigartig in Kärnten bietet die Sarepta-Klinik der Diakonie de La Tour in Waiern/Feldkirchen ein hochgradig spezialisiertes Behandlungskonzept für Essstörungen. Jeweils zwölf Patientinnen und Patienten (ab 18 Jahren) werden über einen Zeitraum von sechs Wochen stationär aufgenommen, danach folgt eine sechsmonatige ambulante Nachbetreuung.
Logo für die Serie #OrtDerHoffnung

Über die Serie #OrtDerHoffnung

Angst, Neid, Wut und Misstrauen sind die Schlüsselbegriffe, die die derzeitigen öffentlichen Debatten regieren. Wir brauchen eine gesellschaftliche Kraftanstrengung, die den Zusammenhalt in den Vordergrund stellt und nicht den Neid und das gegenseitige Ausspielen von ohnehin benachteiligten Gruppen in der Gesellschaft.

Die Arbeit der Diakonie besteht darin, Angst zu nehmen und Hoffnung zu geben; der Abwertung von Menschen entgegen zu treten und ihre Würde zu bewahren. Mit der Social-Media-Serie #OrtDerHoffnung macht die Diakonie auf Menschen und Projekte aufmerksam, die Lebensqualität, sozialen Zusammenhalt und Solidarität fördern und weiterentwickeln.