Wenn plötzlich niemand mehr „Flüchtling“ sondern „Mitbewohner“ sagt

Die österreichisch-syrische Super-WG

3 Kinder, 4 Erwachsene und ein Haus voller „Good Vibes“: Die Nachrichtenbilder im vergangenen Herbst, als Menschen in Traiskirchen auf der Wiese schlafen, machen Karin und Lukas (beide 34) tief betroffen. Sie wollen jemandem eine Starthilfe in Österreich geben. Und öffnen ihre Türen für eine syrische Familie. Von einem neuen Alltag mit Freunden, die gestern noch Fremde waren.

12.04.2016
Zwei Familien sitzen auf einem Sofa mit ihren Kindern und lachen in die Kamera
Völlig gleich ob österreichischer oder syrischer Herkunft: mit Kindern geht es immer rund.

Der zweijährige Mustafa mit den rotblonden Haaren schaut mit großen Augen auf die Soletti, die vor ihm am Esstisch stehen. Lukas K. reicht ihm die Schüssel. „Danke!“, sagt Mustafa. Zusammen mit seiner Mutter Mais (25) und seinem Vater Diya (31) ist er im Sommer 2015 aus Aleppo geflohen und wohnt nun seit vier Monaten bei der Familie K. im niederösterreichischen Gießhübl.

Die damaligen Nachrichtenbilder von Menschen, die in Traiskirchen auf der Wiese schliefen, machten Karin und Lukas (beide 34) tief betroffen. Sie wollten jemandem eine Starthilfe in Österreich geben. Und öffneten ihre Türen.

Familien, die gemeinsam am Tisch sitzen
3 Kinder, 4 Erwachsene und ein Haus voller „Good Vibes“

Wie alles begann ...

Noch vor wenigen Monaten musste die syrische Kleinfamilie den feuchten Herbst zuerst in Traiskirchen in einer Garage, dann im slowakischen Gabcikovo, dem damaligen Außenlager Traiskirchens, zubringen. Stress, Nervosität und Erschöpfung waren der Dauerzustand. Doch plötzlich kam ein Bus und brachte sie zurück nach Österreich. Dort empfingen sie eine Diakonie-Mitarbeiterin und ein junges österreichisches Ehepaar. Lukas schulterte ihre Taschen, verfrachtete alles ins Auto und einige Autobahnkilometer später sollten sie sich in Gießhübl im Bezirk Mödling wiederfinden.

„Die drei sind eine eigenständige Familie und ur süß.“, so Karin, „Jeder macht sein Ding, dann kochen wir mal wieder zusammen. Am Wochenende unternehmen wir was. Ich leih’ mir die Milch aus. Was wir hier haben, fühlt sich wie eine klassische Studenten-WG an – nur halt mit Kindern.“

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Wohnraumspenden als konkrete Tat

Seit Beginn der „Unterbringungskrise“ im Jahr 2014 boten immer mehr Leute günstigen Wohnraum an. Teils als Mitbenützungs-Modell, teils zum alleinigen Bezug. Der Diakonie Flüchtlingsdienst begann mit dem Projekt „Wohnberatung Niederösterreich und Wien“ diese Angebote systematisch nutzbar zu machen und weitete es aufgrund des Erfolgs auf das Burgenland, Kärnten und Tirol aus. Rund 2.750 Menschen konnten so bereits in private Wohnungen und Häuser umziehen. Diya, Mais und Mustafa sind drei davon.

„Was ich so toll an unserem Projekt finde, ist, dass man im Kleinen persönlich etwas bewirken kann. Bei der Ohnmacht, die wir alle angesichts der Flüchtlingskrise empfinden, ist das Wohnraumspenden etwas ganz Konkretes und Unmittelbares. Ich kann nicht hunderttausenden Menschen helfen und ich kann die Welt nicht retten. Aber ich kann für eine Person, eine Familie das ganze Leben verändern.“, schildert Einrichtungsleiterin Birgit Koller den positiven Grundgedanken des Wohnvermittlungs-Projekts.

Staat geizt mit Deutschkursen

Für Asylberechtigte auf Arbeitssuche stellt das Arbeitsmarktservice (AMS) 2016 zehntausende Deutschkurse zur Verfügung – alleine für Wien sind 30.000 Plätze veranschlagt. Auch der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) fördert Deutschmaßnahmen für anerkannte Flüchtlinge. Doch Flüchtlinge, die noch den Ausgang ihres Asylverfahrens in Österreich abwarten müssen, haben kein grundsätzliches Recht auf einen Platz in einem geförderten Deutschkurs bei einem staatlich zertifizierten Institut. Sie sind oft abhängig von der zufälligen Situation des Freiwilligen-Engagements in der Gemeinde oder Stadt, in der sie untergebracht sind. Mais und Diya haben Glück – in Gießhübl hat sich ein UnterstützerInnenkreis formiert und leistet neben anderen Services auch Deutschunterricht auf regelmäßiger Basis. Doch das ist nicht überall der Fall. 

Aus den Medien verschwunden, nicht aus dem Land

Im Sommer und Herbst 2015, als sich die Gießhübler WG formierte, war die Unterbringungsproblematik der Flüchtlinge ein mediales Dauerthema. Mittlerweile hat es stark an Präsenz verloren, was dazu beiträgt, dass die Wohnraumangebote aus der Bevölkerung rapide sinken.

Doch die Menschen sind da. Und sie kämpfen mit denselben Problemen wie letztes Jahr: sie übernachten in überlasteten Massenquartieren mit teilweise mehreren hundert Leuten und hängen in der Warteschleife namens Asylverfahren fest. Für die erste Märzwoche 2016 hat das Innenministerium österreichweit 828 Asylanträge registriert. 86.200 AsylwerberInnen befinden sich laut Fonds Soziales Wien in der staatlichen „Grundversorgung“.

Drei Kinder sitzen lachend auf einem Sofa
Franziska, Mustafa und Valentina sitzen nur selten still

Die WG und ihre Action-Kinder

Im Hause K. ist es selten fad. Der kleine Mustafa fällt ebenso wie Valentina (4) und Franziska (2) in die Kategorie „Wildfang“. „Wir sind froh, dass Mustafa so lebhaft ist. Unsere zwei Mädels sind nämlich sehr wild. Wir dachten, wenn da ein schüchternes kleines Kerlchen kommt, der wäre echt arm.“, erzählt Karin. Beeindruckend ist, wie rasch und selbstverständlich kleine Kinder einander annehmen. Zu Beginn habe die ältere Tochter gefragt, „wann denn der Mustafa wieder gehe“. Als ihre Eltern ihr erklärten, dass er jetzt erst mal bleibe, war es dann einfach so – und auch gut so. Sogar im „Team Gutenacht-Geschichte“ ist er mittlerweile reguläres Mitglied. 

Mais und Diya sitzen am Tisch
Mais und Diya und ihr Sohn Mustafa wohnen bei einer Familie in Niederösterreich

Doch auch der erwachsene Teil der WG weiß sich zu beschäftigen, indem man sich etwa gegenseitig bekocht. Syrische Spezialitäten wie Sambusek, Moussaka oder Kebap aus erster Hand zu verkosten, kann in der 2.300-Seelen-Gemeinde nicht jeder behaupten. Umgekehrt probieren Mais und Diya die österreichischen Gerichte ihrer Gastgeber. Fahren die Frauen in die SCS zum Shoppen, hüten die Männer zu Hause die Kinder.

Bei Schönwetter unternehmen die beiden Jungfamilien Wochenend-Ausflüge – etwa nach Mödling zum Essen oder zum Spazieren nach Laxenburg in den Schlosspark. Einzig die österreichische Kälte sei ein Hemmfaktor. „Da müssen wir die beiden manchmal ein bisschen motivieren, sich ins Freie zu wagen.“, sagt Lukas.

Wohnen ist der Dreh- und Angelpunkt

Erst wer räumliche Sicherheit verspürt, wer seine Kinder täglich zur Schule schicken und sich selbst an örtlichen Aktivitäten und Sprachkursen beteiligen kann, hat die Chance, in eine Gesellschaft hinein zu wachsen. Sich mit unbekannten Strukturen eines neuen Landes auseinanderzusetzen. Mit Erlebtem fertig zu werden. Freundschaften zu knüpfen. 

Die jungen Leute aus Aleppo können genau diese Chance soeben ergreifen, schließlich teilen sie sich den Haushalt mit einer hier verwurzelten Familie - näher dran geht nicht. Doch wie lebt es sich eigentlich so mit den Österreichern?

Die „Fremden“ im eigenen Haus

Menschen in Not in sein Haus zu holen, erfordert Mut. Menschen, die einem derweil noch unbekannt sind, deren Weltanschauung man nicht kennt und von denen man nicht weiß, ob sie im gemeinsamen Bad die Zahnpastatube zudrehen werden.

Und natürlich muss man diesen Mut auch wollen. Sich einer neuen Aufgabe stellen und die Ungewissheiten zulassen können. Doch woran man vielleicht nicht als erstes denkt, ist die persönliche Bereicherung, die man erlebt, wenn man diesen Schritt wagt. Es einfach ausprobiert.

Kulturelle Stolpersteine?

Es ist im Rahmen der Flüchtlingsthematik häufig die Rede von den „kulturellen Unterschieden“ und die Sorge vieler gilt der Kompatibilität von Frauenbildern, Essgewohnheiten und Gebetseinheiten. Karin sieht hier kein „Integrationsproblem“, denn sie befindet ihre zugewanderten Mitbewohner als offen und um Einiges liberaler als manch österreichische Ehepaare, die sie kenne – auch im Bezug auf Geschlechterrollen. Vorsicht ist also geboten, hier zu pauschalisieren.

Karin hat für sich persönlich einen ganz anderen Unterschied wahrgenommen: Im Vergleich zu den hiesig Sozialisierten scheinen ihre Mitbewohner von Grund auf entspannter, weniger durchgetaktet und weniger davon getrieben, einen Programmpunkt nach dem anderen absolvieren zu müssen.

Dazu muss man einräumen, dass die beiden – sowie auch alle anderen Flüchtlinge – nicht arbeiten dürfen, bis sie einen positiven Asylbescheid haben und ausreichend Deutsch sprechen. Selbst wenn sie also wollten, könnten sie keinen so strukturierten Tagesablauf wie der österreichische Teil des Haushalts absolvieren.

Lukas und Karin können dieser Entspanntheit jedenfalls einiges abgewinnen, nur in Hinblick auf die Arbeitswelt befürchten sie, dass es zu Problemen kommen könnte – zumindest wenn die relaxte Grundhaltung künftig mit Unpünktlichkeit und Unverbindlichkeit bei Terminen einhergehen sollte.

Zuspätkommen machst du bei einem österreichischen Arbeitgeber genau einmal. Und das war’s dann.
Karin

Lukas hat den Weg Richtung Entschleunigung bereits angetreten ...

Planen im Ungewissen

Die syrische Familie wird nicht ewig in dem weißen Häuschen mit dem Familiennamen ihrer Gastgeber auf verzierten Fliesen am Gartentor wohnen bleiben. Sie möchte sich in Österreich ein Leben aufbauen. Der Wunsch eines Tages nach Syrien zurück zu kehren, besteht. Doch niemand weiß, ob und wann dies möglich sein wird. Ungewissheit wird für Menschen auf der Flucht irgendwann zur Normalität.

Alle sind sich jedenfalls einig, dass souveräne Deutschkenntnisse der Grundstein sind, um hier in der Arbeitswelt erfolgreich zu sein, was wiederum die Basis für soziale Anknüpfungsmöglichkeiten sei. 

Ein Porträt von Diya
Diya ist aus Aleppo geflohen
Ein Porträt von Mais
Mais lebt mit ihrer Familie in Niederösterreich
Ein Porträt von Karin
Karin hat Mais, Diya und den Sohn Mustafa eine Wohnung als Starthilfe zu Verfügung gestellt
I wish that Mustafa, that he goes to good school. And learn Deutsch and many things in school. And after that, I think: sehr gut.
Diya
I wish for Mustafa to be a good person. In Österreich. And when he goes back to Syria make everything good - that Österreich made Mustafa.
Mais

Flüchtlingsinitiativen in Wien und Niederösterreich

Das Netzwerk Asyl hat eine interaktive Übersichtskarte der Flüchtlingsinitiativen in Wien und Niederösterreich erstellt. Um die Namen der Initiativen anzuzeigen, scrollen Sie mit der Maus über die roten Punkte! Durch Anklicken der Punkte werden Sie auf die jeweilige Website verlinkt.

Diya, Mais und ihr Sohn Mustafa sitzen an einem Tisch (Foto: Julia Schwaiger)
Diya, Mais und ihr Sohn Mustafa (Foto: Julia Schwaiger)

Lukas und Karin unterstützen ihre Mitbewohner gemeinsam mit dem Verein Gießhübl hilft - finden Sie die Initiative auf der Karte? :-) - beim intensiven Sprachenlernen. Mustafa begleitet seine Mama regelmäßig in den Deutschkurs. Zwar vielmehr zum Spielen als zum Deutschlernen.

Doch das Gute ist: in seinem Alter lernt er die Sprache ohnehin spielerischund wird vermutlich schon bald im Mödlinger Dialekt nach Chips und Soletti bitten.

Sie möchten Wohnraum spenden?

Die Diakonie vermittelt Wohnraum für Flüchtlinge in Wien, Niederösterreich, Tirol, Burgenland und Kärnten. In den anderen Bundesländern ist diese Möglichkeit nicht lückenlos gegeben. Wir informieren Sie gerne über die zuständigen Stellen in den Bundesländern.

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