Von Gott und der Welt

Die Kirche in Calais

Sie waren vor der Sklaverei und Ausbeutung geflohen, hatten alles zurückgelassen, das Meer überwunden und ihre Verfolger abgeschüttelt, waren durch die Wüste gezogen und hatten ihr provisorisches Lager aufgeschlagen.

08.08.2015
improvisierte Kirche im Flüchtingslager von Calais

Draußen aber vor dem Lager der Israeliten, auf ihrer Flucht aus Ägypten, hatte Mose ein Zelt gebaut, ein Zelt der Versammlung, die Stiftshütte, in der auch die Bundeslade mit den steinernen Tafeln der zehn Gebote aufbewahrt wurde. Nicht mehr als eine Hütte, aber ein Ort der Gottesbegegnung, ein Ort, an dem Gott gegenwärtig war.

Etwas außerhalb des selbstorganisierten Flüchtlingslagers von Calais findet sich eine wackelige Kirche, 15 Meter hoch, mit einem Vorraum, einem Raum für den Gottesdienst und einem Raum für den Priester, wie es die alte orthodoxe Tradition erfordert, gebaut aus Plastikplanen und rohen Brettern und Holzplanken, am Boden alte Teppiche und Decken. An den Wänden Heiligenbilder, am Altar ein Leuchter. Hier versammeln sich jeden Samstag die Christinnen und Christen aus Eritrea und Äthiopien, aus einer der ältesten Kirchen der Christenheit. Auch sie sind vor Diktatur und Ausbeutung geflohen, haben die Wüste durchquert und das Meer überlebt, bei Calais ihr provisorisches Lager aufgeschlagen und draußen vor dem Lager eine Hütte gebaut. Nicht mehr als eine Hütte, aber ein Ort der Gottesbegegnung, ein Ort, an dem Gott gegenwärtig ist.

Wer Gott sucht in Europa, der kann ihn finden, im Dschungel vor Calais.

„Von Gott und der Welt", die Kolumne von Michael Chalupka, erscheint jeden Samstag in der Kronenzeitung.